Lazzaroni und Cicerone

In der Stadt Florenz, nicht weit von der Piazza del Granduca, liegt eine kleine Querstraße, ich glaube, man nennt sie Porta rosa. In dieser, vor einer Art Grünkramladen, befindet sich ein kunstreich und sorgfältig gearbeitetes Bronzeschwein. Ein frisches, klares Wässerlein rieselt aus dem Maul des Tieres, das vor Alter ganz schwarzgrün aussieht. Nur der Rüssel glänzt, als ob er blankpoliert sei, und das ist er auch, denn die vielen hundert Kinder und Lazzaroni fassen ihn mit ihren Händen an und setzen ihren Mund an sein Maul, um zu trinken. Es gibt ein hübsches Bild, wenn so ein anmutiger halbnackter Knabe das wohlgeformte Tier umarmt und seinen frischen Mund an dessen Rüssel setzt. (Hans Christian Andersen, Das Bronzeschwein – 1839)

Die Reisen nach Italien und anderen südlichen Gegenden,  die vor allem im 19. Jahrhundert in vielen Tagebüchern und Reiseberichten dokumentiert werden, führen nicht nur Kunstwerke, Baudenkmäler und Naturschönheiten vor das Auge des Lesers, sondern auch Menschen, darunter immer wieder bemerkenswert schöne Knaben. Den Italienbegeisterten hatte es vor allem die Anmut neapolitanischer „Lazzaroni“-Buben mit schwarzen Augen und Locken, die Schmutz und Lumpen überstrahlten, angetan. – Lazzaroni war die Bezeichnung für die Unterschicht Neapels, abgeleitet war das Wort möglicherweise aus dem Evangelium vom armen Lazarus. Den Reisenden boten sie freilich einen malerischen Anblick.

Gustav Karl Ludwig Richter, Südländischer Knabe

Ein rechtes Stück Poesie des Südens war dieses Kind mit seinen goldigen ungekämmten Locken, dem Sammet seiner braunen ungewaschenen Haut und seinen malerischen Lumpen.

Gertrud betrachtete ihn mit Entzücken, aber nicht ohne den echt weiblichen Wunsch, sich sofort mit Beseitigung dieser Fragezeichen seiner natürlichen Schönheit beschäftigen zu dürfen. (Arthur Stahl [Melanie Henriette Charlotte Caroline Valeska Bolgiani], Garibaldi – 1867).

Gern wird ein hübscher Junge auch als Fremdenführer, als „Cicerone“, engagiert; bisweilen verfügten die Jungen nämlich über erstaunliche Kenntnisse der örtlichen Sehenswürdigkeiten und führten sie stolz vor.

 

Albert Anker, Italienischer Betteljunge

„Als wir neulich die Kirche von Sant Ambrogio aufsuchten, um ein berühmtes Bild des großen Niederländers, „die Heilung eines Besessenen durch den heiligen Jgnaz“, zu sehen, fanden wir dieselbe geschlossen. (…) Und so war ich denn eben im Begriffe, vor der verschlossenen Thüre umzukehren und das kühle Café Coneordia mit seinen plätschernden Springbrunnen, seinem duftenden Orangengarten und seinem vortrefflichen Sorbetto aufzusuchen, als mein Entschluß durch einen kleinen schwarzäugigen Knaben angefochten wurde, der sich erbot, mich durch einen ihm bekannten Seiteneingang in die verschlossene Kirche zu bringen, wo eben jetzt ein Maler vor dem großen Bilde mit Kopiren beschäftigt sei. Seine Beredtsamkeit im Lobe des gran capo d’opera im Inneren der Kirche war von so begeisterter Lebhaftigkeit, seine Aussicht, durch den Führerdienst einen kleinen Verdienst zu machen, leuchtete so strahlend auf dem hübschen Gesichte des kleinen braunen, kaum halbbekleideten Lazzaronen, daß wir mehr als grausam hätten sein müssen, um ihm zu widerstehen.“ (Adolf Wilhelm Theodor Stahr, Herbstmonate in Oberitalien – 1871)

An eine ganz besondere Begegnung in Sorrent erinnert sich Friedrich Theodor Fischer und hat sie gleich zweimal beschrieben:

Sorrent. Alles kocht im Segen, man meint, man spüre die Frucht des Ölbaums, die Beeren der Traube sich mit Säften füllen. –  An die Marine. In einer Fischerhütte bildschönen Knaben mitgenommen. Sieht dem putto gleich rechts unten auf Raffaels Sixtina, der den Kopf auf die Ärmchen legt und so küssenswert den Zuschauer ansieht. (Friedrich Theodor Vischer, Auch einer – 1879)

Bartolomé Estéban Murillo, Knabe , sich auf ein Fensterbrett lehnend (ca. 1675)

Diesem Knaben, Paolo hieß er, hat Vischer dann noch eigens ein längeres Gedicht gewidmet, in dem er auch beschreibt, wie er sich den Bengel als Cicerone erkoren hat. Beim Moraspiel hatte er ihn entdeckt und dann erst einmal nach Hause begleitet:

Annibale de Lotto, Il granchio (Die Krabbe)

Seine Sonntagsjacke wollte er holen, / die Mutter hatte es so befohlen. / Wie sie ihn sah, so ganz übergossen, / wurde umfassender Wechsel beschlossen, / sie zog auch Hosen und Hemd ihm aus, / zerrissen, durchlöchert, es war ein Graus. / Ausgenommen waren die Socken, / sie waren nicht naß und waren nicht trocken, / denn es gab sie nicht. – / Jetzt wie ein Gesicht, / ein erstandenes Wunder aus Griechenland, / wie ein Erosbild von Praxiteles’ Hand, / stand lächelnd der nackte Knabe da. / Nicht schöner, nicht anmutleuchtender sah / einst Vater Zeus von Olympos’ Höhen / am Ida den Hirtenknaben stehen. (Friedrich Theodor Vischer, Ein Tag in Sorrent – 1888)

Einen anderen Paolo fand Vischer in Levalli: 

Ich nahm einen Wagen über die genannten Städte bis Levalli, packte dort meine Habseligkeiten auf ein Maulthier, und trat den Weg an. Der Besitzer des Tiers verabschiedete sich am Ende des Dorfes und überließ mich der Führung seines etwa zehnjährigen Knaben Paolo. Es war ein bildschöner Junge, durchaus deutschblond und von blauen Augen mit sanftem, grundgutem Blick. […] Der sanfte Paolo machte kaum Gebrauch von seiner dünnen Gerte, sein gewöhnlicher Zuruf, wenn es etwa stehenblieb und gemütlich Gras rupfte, war: moi, animo mio! Das moi ist ein bloßer Ruflaut oder vielleicht aus ma entstanden; ob animo mio ein Liebkosungswort sei, das dem mulo gelte, oder bedeute: mein „Seel“ (du gehst zu langsam), verstand ich nicht und suchte darüber von Paolo Auskunft. Die Frage gieng, wie vorauszusehen, über seinen logischen Horizont, und die Antwort war: non so mio mi (mi für io: „ich weiß nicht, ich,“). Er sah mich dabei mit einer Treuherzigkeit an, daß ich ihn fast auf seine nicht sehr gewaschenen Backen geküßt hätte. So zogen nun drei zufriedene Menschen ihres Wegs durch die grünen Schluchten über den Berg …

Christian Meyer-Ross, Italienischer Straßenjunge, 1881

Eine ähnliche Begegnung hatte schon Goethe während seiner italienischen Reise in der Nähe von Neapel:

Auf dem zweirädrigen leichten Fuhrwerk sitzend und wechselsweise die Zügel führend, einen gutmütigen rohen Knaben hintenauf, rollten wir durch die herrliche Gegend, welche Kniep mit malerischem Auge begrüßte. […] Nun erreichten wir eine Höhe; der größte Anblick tat sich vor uns auf. Neapel in seiner Herrlichkeit, die meilenlange Reihe von Häusern am flachen Ufer des Golfs hin, die Vorgebirge, Erdzungen, Felswände, dann die Inseln und dahinter das Meer war ein entzückender Anblick. Ein gräßlicher Gesang, vielmehr Lustgeschrei und Freudegeheul des hintenaufstehenden Knaben erschreckte und störte mich. Heftig fuhr ich ihn an, er hatte noch kein böses Wort von uns gehört, er war der gutmütigste Junge. Eine Weile rührte er sich nicht, dann klopfte er mir sachte auf die Schulter, streckte seinen rechten Arm mit aufgehobenem Zeigefinger zwischen uns durch und sagte: »Signor, perdonate! questa è la mia patria!« – Das heißt verdolmetscht: »Herr, verzeiht! Ist das doch mein Vaterland!« – Und so war ich zum zweiten Male überrascht. Mir armem Nordländer kam etwas Tränenartiges in die Augen!

Orest Kiprenski, Lazzaroni (1831)

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