„Der geflügelte Knabe“

Ernst Penzoldt, der verschiedentlich in den Beiträgen dieses Blogs begegnet, gehört gewiss zu den liebenswürdigsten Erscheinungen unter den Schriftstellern des vergangenen Jahrhunderts. Er hat keinen so großen Namen wie etwa sein Zeitgenosse Thomas Mann, auch hat er kein solch epochales Werk verfasst, das den Menschen sofort einfällt, wenn sie seinen Namen hören. Aber Thomas Mann etwa schätzte seinen Kollegen außerordentlich, gerade wegen seines poetischen Wesens und Werkes. Und beide haben auch etwas gemeinsam: Wie in den Mann’schen Romanen und Novellen begegnen auch in Penzoldts Erzählungen immer wieder außerordentlich schöne Knaben – was nicht zufällig ist, hatte doch der aus dem fränkischen Erlangen stammende Künstler einen Hang zum Schönen und fand auch im schönen Knaben ein Idealbild.

Der fünfjährige Ernst (2. von links) mit seiner Mutter und den drei Brüdern

Der junge Ernst war selbst ein schönes Kind; er wuchs mit drei älteren Brüdern auf, die ihn später, als ihm seine markante Höckernase, „das hervorstechendste Merkmal an meinem Ich“ zu wachsen begann, seines Äußeren wegen neckten. Als Jüngster bewunderte er die Leistungen der älteren Brüder, konnte sich gar nicht vorstellen, selbst etwas zu erreichen. Und schon in Jugendtagen hatte er einen Blick für das Besondere:

M. de Salvin, Portrait of a young boy (1914)

Über die Maßen schön erschien mir, als ich neun Jahre alt war, ein Mitschüler und entfernter Vetter. Ich weiß noch, wie es mich beseligte, als ihn meine Mutter einmal als besonders hübsch bezeichnete. Ich hörte es im Vorüberspielen in unserm Garten bei den Turngeräten, als ich dem Schönen nachlief, ihn zu fangen. Ich sehe mich selbst dabei, als jemand andern, im Matrosenanzug und spüre doch selbst das Glücksgefühl mir über Augen und Wangen gehen. (Die Kunst, das Leben zu lieben – 1949)

Möglicherweise war die Sehnsucht nach einem schönen Freund schon früh in ihm ausgeprägt – in seinen Erzählungen kommt diese jedenfalls öfter zum Ausdruck. Er selbst hatte eine prägende Freundschaft mit Günther Stolle, den er auf der Kunstakademie kennen lernte, „einen wahrhaft poetischen Menschen … dessen Freundschaft damals vielleicht entscheidender war als irgend etwas sonst … Ich modellierte ihn, und meine Hände behielten die Erinnerung seines Angesichts bis heute. “ (Über mich selbst, 1929). Nicht nur Plastiken, auch Gedichte und Prosa widmete er dem Freund, den er „Hermion“ nannte: „Seine Gestalt hatte immer etwas Wehendes, so von fallenden Haarsträhnen, bewegten Händen und wedelnden Schuhbändern, als blase ein Engel ihn an.“ Er fiel im Ersten Weltkrieg.

In vielen der Jünglings- und Knabengestalten von Penzoldts Erzählungen und Romanen mag man Reminiszenzen  an ihn sehen. In dem jungen „Squirrel“ etwa aus gleichnamiger Erzählung (1954) – oder auch in dem diesem seelenverwandten Schornsteinfegerlehrling Fritz Fliege, den der junge Clemens in der Erzählung „Kleiner Erdenwurm“ (1934) bewundert, auch weil er einer bestimmten griechischen Skulptur glich; am liebsten hätte er gern selbst so ausgesehen: „nämlich wie jeder untadelig-schöne Ephebe, dessen marmornem Bildnis im Akropolis-Museum eine verliebte Wissenschaft den Kosenamen Blondkopf gegeben hat“ (Kleiner Erdenwurm). Und natürlich im „Idolino“, der in einem eigenen Beitrag gewürdigt wird. Penzoldt schuf auch eigene Skulpturen in Anlehnung an diese antiken Epheben Ein häufig von Penzoldt verwendetes Pseudonym war „Fritz Fliege“, in dem er sich sozusagen mit diesem Idol aus dem „Kleinen Erdenwurm“ identifizieren konnte.

Siehe Beitrag: Idolino

Alexandere Auguste Hirsch, Knabe mit Eidechse (1860)

Vielleicht trifft es auch seine eigene Einstellung zum Schönen, wenn er zu dem jungen Adrian in der Erzählung „Der Zwerg“ (1927) schreibt: „Eine Zeitlang und einstweilen wandte sich seine Seele darum begeistert den Bildern zu, den Köpfen von Griechenlands schönen Göttern und Knaben zumal in Onkel Peters Kunstkabinett, die vollkommen blieben, auch in Trümmern vollkommen schön, so glaubte er, bis auf das Lebendige aus Fleisch und Blut, das Atmende, Sprechende, Vergängliche, Liebende, das aber Adrian doch begehrte. Da er aber wahrnahm, wie bald beim Menschen der Verfall und vor allem eines Angesichts begann, wie ferne es auch dem Alter und Tode war, glaubte er, daß die Schönheit des Menschen in ihrer Vollendung zwischen Blühen und Vergehen wohl eine Sekunde nur dauere, um derentwillen aber das Leben zu haben ihm köstlich genug erschien. So sehr liebte er alles Schöne.“

Siehe Beitrag „Bild-schön“

Pierre Troubetskoy, Portrait of John Aspinwall Roosevelt (1927)

In einer seiner frühen Erzählungen, „Albrecht und Gabriel“ (1923), wartet der vierzehnjährige Albrecht auf die Ankunft eines Jungen, den sein Vater für ihn „wegen der Abgelegenheit des Landsitzes von Stadt, Dorf und gemäßer Jugend als Gespiele und Gefährten“ eingeladen hatte. Endlich kommt er, sieht aber ganz anders aus, als sich Albrecht ihn geträumt hatte: „Er trug eine Art Matrosenanzug mit weiten, langen Hosen, die schmale Knöchel freiließen. Sein blondes Haar war verweht. […] Er erwachte von den Augen Gabriels, die ihn still anblickten. „Du hast im Schlaf meinen Namen gesagt,“ sagte Gabriel im Kinderton des Erwachenden. Albrecht lächelte zwischen Traum und Wachen. Er strich sich die Haare aus der Stirne und seine Augen ruhten mit Wohlgefallen auf dem Gefährten.“

In einer anderen Erzählung aus dieser Zeit, geht es um den Verlust eines Freundes. Lukas fällt nach dem Tod seines Klassenkameraden und Gefährten Renatus selbst in eine Krankheit, aus der er erst nach längerer Zeit wieder zu sich kommt. „Lukas brauchte lange zu jeglicher Hantierung, stand zuweilen leer und empfand nur Sonne, Stille, Ferne, Wachstum und ganz dunkel den Tod des Gespielen.“ Renatus hatte so gar nichts Sterbliches an sich. Wie konnte er also tot sein? „In den Büchern, die Lukas von Renatus hatte, war noch ein Duft, ganz leise, als sei er eben dagewesen, wie in der Locke, die Lukas von ihm besaß. Er pflanzte sie in die Erde, die er mitgebracht. Sie stand lebendig, wie ein Büschel Gras, und behielt ihren Glanz. Es war ganz unwahrscheinlich, daß Renatus tot war, es war unmöglich. Lukas dachte auch daran, daß Renatus ihn geküßt hatte; es war anmutig und verwirrend. Lukas schloß die Augen und suchte Renatus zu sehen. Er sah ihn. Es fehlte nichts daran. So waren die Augen, so der Mund, und der schlanke Hals. So tat seine Hand.“ (Der geflügelte Knabe – 1923)

Vlastimil Hofman, Engel mit Tulpe (1930er Jahre)

Reizend, anmutig: Immer wieder begegnen diese Wort in seinen Erzählungen. Bisweilen hat seine Sprache etwas Märchenhaftes, Altertümelndes, etwa wenn er beschreibt, dass einem Mädchen die Tränen gleich Brünnlein aus den Augen sprangen …

Ernst Penzoldt, der überaus vielseitige Künstler, starb 1955, einige Monate vor Thomas Mann, der über ihn bewegende Worte fand und daran erinnerte, dass Penzoldt auch das Leid und den Schmerz ausdrücken konnte, weil er sie selbst durchlitten hatte als Sanitäter in zwei Weltkriegen. In seiner Erzählung „Zugänge“ (1947)  hat Penzoldt diese Erfahrungen und wohl auch manche Erlebnisse verdichtet; im Operationsgehilfen Färber steht er dabei vor unseren Augen. Und auch in dieser Erzählung fehlt es nicht an kleinen Momenten des Schönen, an denen die Menschen sich freuen können:

Nikolai Petrovich Bogdanov-Belsky, Junge mit Balalika (1930 – Ausschnitt)

Als sie ins Lazarett zurückkamen, stand da inmitten des Hofes der Kaserne mit dem holprigsten Pflaster der Welt ein reizender kleiner Bub von etwa sechs Jahren mit einer großen rabenschwarzen Pelzmütze und blankgewichsten Schaftstiefelchen, ein Bündel unter dem Arm. Die Pelzmütze machte fast ein Drittel seiner Größe aus. Er hatte milchblondes Haar und ein Gesicht genau, wie Kosciuszko als Kind ausgesehen haben mochte – es gab keines, das so polnisch anmutete, so als trüge er das Antlitz seiner Nation – mit der Stupsnase, den etwas schräg stehenden Augen und den slawischen Backenknochen. Ein Rechen von Haar hing ihm in die weiße Stirn. … Die anmutige Gestalt in dem grauen, freundlos düsteren Kasernenhof mußte vielen aufgefallen sein. Auch Dr. Haase fragte Färbern hernach, ob er auch das Büblein mit der großen Pelzmütze gesehen habe. Und der Fragende freute sich noch im Erinnern sichtlich an der drolligen rührenden Erscheinung. Alle freuten sich daran, ja selbst der brummige Toms mußte lächeln, als er den Kleinen sah … (Zugänge – 1947)

Vielleicht fand er über das erlebte Schwere auch deshalb so gern zum Schönen: „Man sollte sich jeden Tag einmal verlieben, in einen Menschen, einen schönen Baum, in eine Farbe oder die Anmut einer Katze. Ich wenigstens tue das und fühle mich wohl dabei.“