„Zuletzt der bleiche, schöne, der Knabe Konradin“

Zärtlichkeit und Liebe, noch mehr als Bewunderung, weckte er überall, wo er sich sehen ließ, der staufische Knabe, schön, fromm und königlich, wie das Volk sein Bild wollte. Er war sehr groß für sein Alter, und in diesem Sommer noch gewachsen, langgliedriger und kraftvoller als seine väterlichen Verwandten, denen ein wohlgebildetes Mittelmaß eigentümlich gewesen war. Das war das wittelsbachische Erbe von der Mutter her. Sonst war er ganz und gar ein Staufer, mit aller Anmut des Leibes und des Geistes beschenkt, die dies Geschlecht von andern unterschied. Wie von selbst kamen ihm Worte und Gebärden. Niemand hatte sie ihn gelehrt, niemand ihn unterwiesen, wie der Zauber auszuüben sei, dem kaum ein Gegner Auge in Auge standhielt. (Ingeborg Engelhardt, Im Schatten des Staufers)

Ende Oktober 1268, vor 750 Jahren, starb auf dem Marktplatz in Neapel der gerade erst sechzehnjährige Konrad von Schwaben, Konrad das Kind, der kleine Konrad, Corradino, wie ihn seine römischen Anhänger liebevoll nannten und seine Gegner höhnten – Konradin, wie er bis heute bezeichnet wird. Er war der letzte Staufer, der Enkel des genialen Kaisers Friedrich II., den man „stupor mundi“ nannte, das Staunen der Welt. Und sein Enkel schien dessen Tugenden und Begabungen geerbt zu haben; Konradin wurde früh in den Künsten und Fertigkeiten eines Ritters und späteren Königs unterrichtet: „Conradinus litteratus juvenis fuit, et latinis verbis optime loquebatur“ (Konradin war ein gebildeter Jüngling, und lateinisch sprach er vorzüglich), schreibt ein Zeitgenosse, der Franziskanermönch Salimbene von Parma

Man nannte ihn einen „egregius adolescens“, einen vortrefflichen Jüngling; „nobilem et pulcherrimum Conradinum“, den edlen und überaus schönen Konradin; „juvenem elegantem et etatis floridae“, einen vornehmen Jüngling im blühenden Alter; selbst der französische Chronist von St. Denis beschreibt ihn als „enfes le plus bel que l’en peust trouver“, als schönsten Knaben, den man finden kann.

Auch in den späteren Dichtungen wurde dies Aussehen immer wieder hervorgehoben; Karl von Gerock zeigt in einer Traumvision die Gestalten der Staufer über den Alb-Bergen auferstehen: „Voran dem stolzen Trosse / erhob sich feierlich / der alte Barbarosse, / er trug die Kaiserkrone, / den Mantel und das Schwert, / womit er einst vom Throne / des Reiches Macht gemehrt. / Dann drängten sich die Söhne, / die Enkel her um ihn, / zuletzt der bleiche, schöne, / der Knabe Konradin …“ (Zwei Berge Schwabens)

Schön und früh verblichen: Der Tod eines schönen jungen Prinzen rührt das Herz der Menschen; sein Aussehen und sein tragisches Ende machten Konradin schon bald zum Mythos – bis in die jüngere Zeit hinein. Viele Dichter nahmen sich des Stoffes seines unglücklich verlaufenen Heerzuges nach Süditalien an; dort versuchte Konradin das Königreich Sizilien, das die Staufer an Karl von Anjou verloren hatten, wiederzugewinnen. Im Sommer 1267 zog er über die Alpen. Mit seinem Herr von etwa 4000 Mann stieß er am 23. August 1268 bei Tagliacozzo in den Abbruzzen auf die Truppen Karl von Anjous. Nachdem es zunächst so ausgesehen hatte, dass Konradins Heer die Schlacht gewonnen hätte, wurde sie doch noch verloren. Konradin und sein 3 Jahre älterer Freund Friedrich von Baden konnten fliehen, wurden jedoch schon bald aufgegriffen und Karl von Anjou überstellt. Dieser ließ sie zum Tode verurteilen. Der Überlieferung nach wurde beiden das Todesurteil während des Schachspiels in ihrer Kerkerhaft überbracht. Das Urteil wurde am 29. Oktober 1268 auf dem Marktplatz in Neapel vollstreckt. Konradin verzieh seinem Henker vorab sein Tun, auch seiner Mutter gedachte er.

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Bei den literarischen Darstellungen, die schon bald nach seinem Tod einsetzten und vor allem im 19. Jahrhundert eine neue Blüte erfuhren, wird auch sein Äußeres hervorgehoben.; der großgewachsene und gut aussehende Konradin wurde als Idealtyp dem „falschen Franzosen“ Karl entgegen gesetzt. Eine 1847 in Auftrag gegebene Statue des Jünglings in der Kirche „Maria del Carmine“ in Neapel zeigt einen stattlichen jungen Mann, wie überhaupt viele Bilder ihn  älter zeigen, als er war. Im Sockel der Statue befinden sich inzwischen die Gebeine Konradins.

Konradin war „schön wie Absalom“ berichtet eine Chronik. Dieser besagte Absalom war der dritte Sohn des biblischen Königs David, dessen Aussehen im 2. Buch Samuel hervorgehoben wird (2 Sam 14,25). Vielleicht beruht der Vergleich auf der Gemeinsamkeit des Königssohnseins; Absalom wird aber besonders gerühmt ob seines lang wallenden Haares. Das lässt den Dichter-Phantasien hinsichtlich Konrads Haare breiten Raum:

„Wie eine Rosenknospe hüllet / Ein junges Pupurkleid ihn ein, / Und unter einer Krone quillet / Sein Haar von güldenerem Schein.“ (Gustav Schwab, Conradin) –

„Und wieder klingt es wie deutsches Lied / Aus reisigem Kriegeshaufe, / Und wieder über die Alpen zieht / Zum letzten Mal ein Staufe. / König Konradin mit dem Kindermund / Und den langen Seidenlocken.“ (Agnes Miegel, Die Staufen)

Ein Bild der Manesseschen Handschrift zeigt Konradin zusammen mit Friedrich bei der Falkenjagd; Gottfried Keller beschreibt das Bildnis auch in seinen „Züricher Novellen“ (Hadlaub): „Nach Kaiser Heinrich VI. im vollen Ornat, nach einem älteren Vorbilde überlieferungsweise gemacht, kam das letzte Staufenkind Konradin der Junge, auf der Falkenjagd, ein feiner Knabe mit goldener Krone, langem, grünem Rock und weißen Jagdhandschuhen, auf einem Grauschimmel ansprengend, in den frohen Tagen gedacht, bevor er nach dem Throne der Väter zog und das junge Leben verlor. In den wenigen Liedern, die diesem Bilde folgten, zwitscherte das halbe Kind:

Weiß kaum, was Frau’n und Minnen sind, / Mich läßt die Liebe stark entgelten, / Daß ich an Jahren noch ein Kind.“

Konradin wurde bereits mit vierzehn Jahren verheiratet – mit der achtjährigen Sophia, der Tochter des Markgrafen von Landsberg. Ob er sie überhaupt je gesehen hat, ist aber ungewiss. Und ob ihr seine Liebe galt? Gern wird auch spekuliert über sein Verhältnis zu Friedrich von Baden, der mit ihm nach Italien zog und mit ihm hingerichtet wurde. Schwärmerische Freundschaft ist in dem Alter der beiden nichts Ungewöhnliches.

Konradin und Friedrich wird im Kerker das Todesurteil verkündet (Franz Reiff 1904)

Auch in der Zeit der bündischen Jugend Anfang des 20. Jahrhunderts wurde das Freundesmotiv gern aufgegriffen. In diesem Zusammenhang wird auch auf Börries von Münchhausens Lied „Jenseits des Tales standen ihre Zelte“ verwiesen, in dem die heimliche Not eines jungen Königs (Konradin?) besungen wird, der sich nach „zwei knabenfrischen Wangen“ sehnt, derweil die Reiterbuben sich zu der Marketenderin hingezogen fühlen. Das Konradin zugeschriebene leutselige Wesen greift auch sein Namensvetter Conrad Ferdinand Meyer in einem Gedicht auf, in dem er einen Knappen Konradins zu Wort kommen lässt:

„Auf diesem kurzen Bergesrasen hier / Nur wen’ge Monde sind es, zechten wir, / Er und das Edelvolk, in hohem Raum – / Und drüben war Italien wie ein Traum / In diesem Passe lagen wir gestreckt, / Der Staufe hat mich minniglich geneckt: / Nicht blöde, Hans! Sprich! Was begehrst du gleich? / Ich geb es dir in meinem Königreich!“ (Konradins Knappe).

Nicht weit ist es von hier zum Jungen-Mythos des III. Reiches; 1933 schrieb Otto Gmelin die Erzählung „Konradin reitet“. „Gmelins Konradin ist ein ungewöhnlich schöner, aber sensibler und verletzlicher, zugleich rein spontan handelnder, unwissender – auf Erkenntnisse kommt es nicht an – und zum Selbstopfer bereiter Junge“, schreibt Friedrich Kröhnke (Jungen in schlechter Gesellschaft), und somit ein Idealbild des opferbereiten deutschen Jungen. Alle sexuellen Konotationen stören da nur – und es verwundert nicht, dass auch das Lied „Jenseits des Tales“ an einigen Stellen „neutralisiert“ wurde … Kein Flecken sollte womöglich auch auf Konradin fallen, er ist der schöne, edle und reine Knabe, ein Mythos eben.

Siehe auch Beitrag: Der schöne Enzio

 

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