Väter und Söhne

Wie habe ich immer die Knaben beneidet, deren Väter in den Portierslogen oder an den Türbänken gelassen und freundlich an Sonntagnachmittagen ihre Pfeife rauchten, und wie erst die Buben in den Bürgerzimmern, wo der Hausherr behaglich gerötet, in Hemdsärmeln, die Virginier im Munde und ein halbgeleertes Bierglas vor sich, an dem weißen Tisch saß.

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Sabine Graef (1864–1942), Bach diktiert

Ich will von der Erschütterung schweigen, die ich einmal, noch als ganz kleiner Kadettenschüler, empfand, als ich an dem offenen Fenster einer Parterrewohnung vorbeiging und dahinter einen älteren Mann am Klavier sah, der aus einem aufgeschlagenen Notenbuch die Arie des Cherubim: „Neue Freuden, neue Schmerzen“ spielte, die sein Sohn, ein wunderschöner, elfjähriger Junge, mit der reinen heiligen Stimme des Kirchensopranisten sang. Bitterlicher als damals habe ich nie mehr geweint, denn mein Weg führte aus der Kaserne, wo ich allsonntäglich meinem Vater über die Ergebnisse der Woche Rechenschaft ablegen mußte, in die Kadettenanstalt zurück. (Franz Werfel, Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuldig – 1920)

Mit diesen Sätzen beginnt Franz Werfels Erzählung „Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuldig“, in dem ein Vater-Sohn-Konflikt dargestellt wird. In diesen wenigen Zeilen werden bereits die Sehnsüchte und Probleme des 13jährigen Karl Duschek angedeutet: Der Kadettenschüler sieht sich jeden Sonntag zuhause von seinem soldatischen Vater gedemütigt und empfindet sich selbst in seiner ganzen Erscheinung als minderwertig.

Väter und Söhne: Literarisch stellt sich mit dieser Konstellation eher der Eindruck eines Generationenkonfliktes ein (vgl. etwa Iwan S. Turgenews Roman „Väter und Söhne“, der allerdings wörtlich übersetzt „Väter und Kinder“ heißt). Doch selbstverständlich findet sich in der Literatur auch,  dass Väter auf ihre Söhne stolz sind und das zeigen: „Seinem Vater schlug das Herz vor hoher Wollust, wenn er den zwölfjährigen Knaben, in seiner schlanken Schönheit … vor sich stehen, oder im Parke umher gehen sah“ (August Heinrich Julius Lafontaine, Der Naturmensch, Halle 1792 – unter dem Pseudonym Miltenberg).

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Benjamin West, The artist and his son Raphael (1773)

Hermann Hesse, der in seinen Schriften ja häufig um das Adoleszenzalter kreiste, beschrieb auch mitunter die innige Beziehung eines Vaters zu seinem Sohn –  wie in „Siddhartha“ („Freude sprang in seines Vaters Herzen über den Sohn, den Gelehrigen, den Wissensdurstigen, einen großen Weisen und Priester sah er in ihm heranwachsen, einen Fürsten unter den Brahmanen“) oder in „Rosshalde“ (1913), wo der Maler Johann Veraguth mit zärtlicher Liebe an seinem Sohn hängt, ihn immer wieder malt, auch während der Krankheit; ja sogar im Tod zeichnete er zum letztenmal die Züge, „die er so oft studiert, die er seit ihrer zarten Werdezeit gekannt und geliebt hatte und die jetzt vom Tode gereift und vereinfacht, aber noch immer voll von unbegriffenem Leide waren“. 

Den Sohn anschauen, anstaunen, ja von ihm ergriffen und berührt sein: Das kommt literarisch immer wieder vor, bei Ernst Zahn beispielsweise („Stefan der Schmied“) wie auch bei einem anderen Schweizer Schriftsteller, Heinrich Federer; in dessen Roman „Sisto e Sesto“ (1913) sind Vater und Sohn in einem päpstlichen Kerker gefangen und kommen sich so näher.

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Jean-Ossaye Mombur (1850-96) : Le Baiser filial

Sie schliefen beisammen auf den Fliesen und umschlangen sich so fest, als schlösse der eine noch im andern das letzte Stück Freiheit und wilde Natur im Arme. Was ihre rauhe Berglerart ihnen zeitlebens nie gestattet hätte, geschah jetzt: sie küssten sich wie Verliebte. Nun gab es für Poz’do nichts Schöneres anzustaunen, als seinen prachtvollen, steinharten Riesenvater mit dem krausen, rötlichgrauen Haar, dem geraden Rücken und dem tapfern Bart. So ein Held! Und nichts war feiner und ritterlicher für Sesto, als seinen Knaben, für den er früher nie recht Zeit oder Sinn gehabt hatte, endlich einmal sattsam zu betrachten. Das hatte er ja gar nicht gewusst, dass er so einen grossartigen Buben besitze. Wie keck und üppig aufgesprungen waren seine hitzigen Lippen, wie frisch, dünkte ihn, töne noch die Melodie seiner ungebrochenen Stimme, wie unzerbrechlich glänzte die zwar von der Zimmerluft fahle, aber ungefurchte Knabenstirne, und wie tief hinab ging es in diesen kieselgrauen, immer feuchten Augen. Kam man da überhaupt auf den Grund? Schwamm und zappelte und wirrte es da nicht durcheinander und machte jeden Dreinblickenden, ehe er es sich versah, schwindlig wie beim Starren in ein tiefes, lebendiges Quellenwasser?

Staunende Dankbarkeit überkommt auch Gigi’s Vater in Richard Voss’ gleichnamiger Erzählung. Der schaut gern seinem kleinen Sohn zu, wenn er draußen mit seinen Freunden auf der Gasse Boccia und Morra spielt:

Joaquin Sorolla y Bastida (1887)

Mitspielen durfte Gigi’s Vater freilich nicht, aber er durfte zusehen; durfte zusehen, wie sein Knabe am sichersten die Kugel rollte, die Finger auswarf, die Holzscheibe schleuderte. Verklärten Angesichts stand er daneben, mit entzückten Blicken jede Bewegung Gigi’s verfolgend, wie schön er war, welche Kraft in den schlanken Gliedern, welche Geschmeidigkeit und Anmuth in der jungen Gestalt! Und die lustigen, leuchtenden Augen, die rothen, lachenden Lippen, die Fülle schwarzer Locken um das schmale, blasse Gesicht! Gigi’s Vater versank in dumpfes Staunen, – wie kam er dazu, einen so prächtigen Knaben zu haben; womit hatte er das verdient, wodurch eines solchen Geschickes sich würdig gemacht? (Richard Voss, Gigi’s Vater [Römische Dorfgeschichten] – 1896)

Einen solchen Moment festhalten können, wer wünscht sich das nicht? Tagebucheinträge und Bilder sind seit jeher eine Möglichkeit, vor allem letztere sind heute eine Selbstverständlichkeit. In Marie von Ebner-Eschenbachs Erzählung „Der Bildhauer“ ist es eine Skulptur, in der ein Vater seinen Sohn verewigt:

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August Maurice Verdier, Éducation morale

„Eine zweite Arbeit ging ihrer Beendigung entgegen; ein Denkmal für die Ruhestätte des Leiters einer katholischen Schule in Kanada. […] Die zwei dargestellten Personen bildeten eine Gruppe. Der Lehrer, ein ehrwürdiger Priester im langen faltenreichen Talar, hielt mit der linken Hand einem etwa achtjährigen Knaben ein aufgeschlagenes Buch vor und bezeichnete mit dem Zeigefinger der Rechten eine Stelle darin. Der Schüler war eitel Aufmerksamkeit. Ein köstliches Geschöpf, dieser kleine Römer in seinem tiefen Versunkensein; bezaubernd der Ausdruck des Gesichtes mit den noch ganz kindlichen und doch schon fein ausgeprägten Zügen. Der Kopf, der zarte Nacken, den der Kragen des Matrosenkleides weich und lose umschloss, waren etwas geneigt, aber die Arme kreuzten sich energisch über der Brust, und das Knäblein stand da, kräftig und schlank und gesund wie eine junge Edeltanne. – „Sie haben sich ja als Modell zu Ihrem amerikanischen Seminaristen ein prachtvolles römisches Kind ausgesucht, lieber Meister,“ sagte ich. – Er lächelte stolz und beseligt: „Es ist mein Ältester.“ Und angeregt durch mein Interesse und durch meine Fragen, sprach er von diesem „Ältesten“, sprach in seiner sanften und bescheidenen Weise, mit dem wehmütigen Selbstbewußtsein derer, die, des reichsten Glückes würdig, keines erfahren haben. Er blieb äußerst zurückhaltend im Lobe seines Kindes, aber jeder Laut seiner Stimme verriet die unsägliche Liebe, der es entquoll, und je bemühter er war, keine parteiische Eingenommenheit zu verraten, umso geneigter fühlte man sich, dem Knäblein alles Beste zuzutrauen. (Marie von Ebner-Eschenbach, Der Bildhauer [Parabolisches] (1909)

Eingenommenheit kann auch zur Voreingenommenheit führen, zu einer Parteilichkeit gegenüber anderen Kindern, wie es Stefan Andres am Beispiel des biblischen Patriarchen Jakob beschreibt, des Vaters Josephs und seiner Brüder: Für die Kinder Leas und die Kinder der zwei Mägde galt er als „der Fürst Israel, der mit Gott gerungen hatte“; für die Kinder Rahels blieb er „der Vater Jakob“.  Besonders zugetan war er ihren beiden Söhnen, vor allem dem Knaben Joseph; er sah in ihm Rahels Schönheit und ließ ihm daher einen bunten Rock aus ihren Kleidern machen. Josephs Brüder aber konnten es nicht ertragen, „dass der Vater für sie der Fürst Israel, für Joseph aber der zärtliche Vater Jakob war. Wenn sie nach Hause kamen, neckten sie darum Joseph, nannten ihn Mädchenjunge, erschreckten ihn, zwickten ihn in der Dunkelheit, stellten ihm ein Bein und machten ihm heimlich Flecken in seinen bunten Rock.“ (Stefan Andres, Die biblische Geschichte – 1965)

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Ottavio Vannini (1585–1644), Joseph und seine Brüder

Den Eindruck des seligen Glücks mag die Betrachtung einer innigen Gemeinschaft von Vater und Sohn erwecken, wie sie vor allem in den jüngeren Jahren des Kindes oft noch gegeben ist: Vor mir saß ein Vater mit seinem hübschen kleinen Knaben. Die Wanderung vom Berge herab an dem warmen Augustmorgen mußte den Kleinen sehr müde gemacht haben, denn als der einleitende Choral gesungen war, legte er seinen Kopf an die Seite des Vaters und schlummerte sanft ein. Wenn der Vater fürchtete, der kleine Schläfer möchte sich verlachen, so streichelte er ihm sanft mit der harten Hand die Wange und ruhig schlief der Kleine weiter. Ich hörte wohl aufmerksam der trefflichen Predigt zu, mußte aber immer wieder auf das hübsche Kind blicken und dachte: Qui dormit, non peccat, qui non peccat, beatus est (Wer schläft, sündigt nicht, wer nicht sündigt, ist selig). Hier paßte einmal der Schluß. (Eduard Osenbrüggen, Neue Wanderungen eines Juristen in der Schweiz, 1866)

Schön ist es aber, wenn eine gute Beziehung über die Jahre reicht und hält – geändert und gereift zwar, aber doch innig. Wehmut kann sich einstellen, wenn man das sieht – vor allem, wenn man sie selbst nicht so erfahren hat, als Kind oder als Vater.

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Albert Edelfelt, Prof. Krohn und sein Sohn (1894)

Dann habe ich im vorigen Jahr ihn und das Kind gesehen. Es war auf der Kölner Ausstellung. Mein Begleiter grüßte einen Herrn, nannte mir nachher seinen Namen; in den Ausstellungsräumen und nachher auf der Terrasse kreuzten sich oft noch unsere Wege, ich konnte ihn mir gut besehen. Er interessierte mich ja gar nicht, wohl aber der Knabe, ein hübscher Knabe, der so eifrig mit seinem Vater plauderte, der dessen Hand immer hielt. Der Mann muß es fabelhaft gut verstehen, mit Kindern umzugehen, oder es ist eben sein Glück. Meine drei Jungens haben mich, glaube ich, wirklich ganz gern, soviel ich weiß, billigen sie mich auch im Großen und Ganzen. Aber die drei schließen sich zu einem festen Ganzen zusammen, das sind sie, und ich bin „das andere“. Dieser Vater und dieser Sohn hingegen schienen eine Einheit zu bilden. Sie habe ich nie wieder gesehen. (Marie von Bunsen, in: Das Tage-Buch – 1922)

Ob Thomas Mann auch an „Tadzio“ dachte, wenn er seinen heranwachsenden Sohn Klaus ansah, wissen wir nicht. In seinen Tagebüchern aber beschrieb er öfters, wie ihn der anmutige Junge, von ihm und der Familie „Eissi“ gerufen, „bezauberte“, „verwirrte“, so dass er sich geradezu ihn in verliebte. „Freue mich, einen so schönen Knaben zum Sohn zu haben“, schrieb er am 24. Dezember 1918 über den Zwölfjährigen. Allerdings war die Beziehung zwischen den beiden Mann-Männern doch nicht immer so glücklich, sondern eher problematisch. Klaus Mann starb durch Suizid – vielleicht auch mit durch die ein Leben lang empfundene Kälte des Über-Vaters.

Noch einmal zurück zu Franz Werfels Erzählung, an deren Ende der scheinbar unausweichliche (letztlich aber nicht vollzogene) Vatermord steht. Im Augenblick der größten Erniedrigung seines Vaters dachte Karl Duschek, der Sohn, an seinen eigenen – späteren – Sohn. In diesem  Bewusstsein einer schicksalhaften Zusammengehörigkeit der beiden Rollen vollzieht sich das Ausgesöhntsein mit dem Vater, mit sich selbst. – Es ist wohl so, dass man den Vater erst zu verstehen und ganz anzunehmen lernt, wenn man aus dem Sohnsein heraus- und in das Vatersein hineingetreten ist.

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