„Spiegel der Schönheit Gottes“

„Er war schön wie ein junger Gott, wie ein Götterkind, ein Götterbild …“:

Amo Cassioli, Porträt seines Sohnes Joseph (1872)

Der Vergleich eines schönen Knaben mit Apoll oder einem anderen der Götter findet sich in der Literatur häufig – wahrscheinlich durch die antiken Dichter und Schriftsteller mit beeinflusst. „Bei dem Schimmer der Sterne sah er des armen Knaben Gesicht. Ein Gesicht war es von vollendeter Schönheit: das wachsbleiche Antlitz eines jugendlichen Apoll, von schwarzen Locken umwirrt“ (Richard Voß, Richards Junge – 1908). Auch natürlich in der Novelle „Der Tod in Venedig“; in den Augen Gustav Aschenbachs – Thomas Manns – ist der junge Tadzio „vormännlich hold und herb, mit triefenden Locken und schön wie ein zarter Gott“.

Aber eben nur: äußerlich – wie ein ein zarter Gott, wie die Figur, die Skulptur oder das Bild eines Gottes. An anderer Stelle geht Thomas Mann weiter, wenn er seinen Aschenbach im Anklang an platonische Ideenlehre glauben lässt, „mit diesem Blick das Schöne selbst zu begreifen, die Form als Gottesgedanken, die eine und reine Vollkommenheit, die im Geiste lebt und von der ein menschliches Abbild und Gleichnis hier leicht und hold zur Anbetung aufgerichtet war“. (Thomas Mann, Der Tod in Venedig – 1912)

Das menschliche Abbild und Gleichnis der Vollkommenheit Gottes – seine Form als Gottesgedanke? Diese Vorstellung haben Theologen und Philosophen, Dichter und Künstler durch die Jahrhunderte immer wieder zum Ausdruck gebracht. „Aus der Schönheit der begrenzten Kreatur lässt Gott die seinige ahnen, die unbegrenzt ist“, so sagt es der katholische Theologe Hans Urs von Balthasar. Wahrscheinlich hat er dabei nicht an einen schönen Knaben gedacht. Aber andere taten es. Die Mystiker des lslam (Sufi) verherrlichten die Knabenschönheit als den Spiegel der Schönheit Gottes. Der Anblick eines schönen Knaben evoziert daher den Lobpreis Gottes, der die Schönheit selbst ist; so wird es auch in manchen orientalischen Erzählungen zum Ausdruck gebracht:

„Im Alter von zwölf Jahren“, so fuhr Djafar in seiner Erzählung vor dem Kalifen fort, „hatte der Kleine schön schreiben, Theologie, Grammatik, arabische Literatur, Arithmetik und den Koran gelernt. Auch ließ ihn Gott immer schöner und liebenswürdiger werden … Als ihn zum ersten mal sein Vater hübsch kleidete und sich mit ihm auf den Weg machte, um zum Sultan zu reisen, drängten sich alle Leute um den Wesir, damit sie diesen schönen Knaben besser sehen konnten. Sie überhäuften den Vater und seinen Sohn mit Glückwünschen; alle waren von des Knaben Schönheit entzückt und konnten ihn nicht genug bewundern, so oft sie ihn sahen, denn er war wirklich, wie ein Dichter sagte:

‚Gepriesen sei der, der ihn so schön geschaffen! Er ist der König aller Schönheit, alle Menschen sind ihm ergeben, sein Speichel ist fließender Honig, seine Zähne sind eingereihten Perlen. Er allein vereinigt alles Schöne in sich, und alle Menschen verlieren sich in seiner Anmuth. Die Schönheit hat auf seine Stirne geschrieben: Ich bezeuge, daß nur er wahrhaft schön ist.‘ (Tausendundeine Nacht, Achtzigste Nacht).

Alexandre Juliard, Porträt eines Knaben (1851)

Die Schönheit des Geschaffenen als Beweis für Gott: Der Publizist und Musikverleger Hans Henny Jahnn notierte nach einem Theaterbesuch, bei dem er einen fünf- oder sechzehnjährigen Jungen sah, in sein Tagebuch: „ … dies wunderbare Bild, das ich gestern schaute, vermag ich gar nicht mehr in seiner ganzen Herrlichkeit vor meine Augen zu stellen. Eins nur ist ganz groß in mir geblieben; das war, als ich tief in seine stahlgrauen, wunderherrlichen Augen sah. Und dann ist diese Begegnung mir ein Beweis dafür, daß es einen Gott gibt, der eine Freude an schönen Leibern hat – und daß er darum ein anderes Gesetz gab , als es die Menschen lehren.“ (Hans Henny Jahnn – Tagebuch 1914)

In Lars Dreyers Buch „Kids’ Schutz“ (2016) geht es u. a. um einen Jungen namens Robinson, der von seinen gleichaltrigen Kameraden beim Sport und Mitschülern des Gymnasiums ausgegrenzt wird und sich zunehmend zu Jüngeren hingezogen fühlt – auch weil er in diesen mehr sieht:

Helene Schjerfbeck, Nuori Poika

„… wenn ich einen offenen, echten Jungen sehe, muß ich ihm innerlich sofort meine Zuneigung schenken. Heute beim Schanzenspringen zum Beispiel fiel mir ein Junge durch sein hübsches Gesicht auf. Ich gäbe viel darum, ihn zum Freund zu haben. Und irgendwie ist mir der Anblick eines sauberen Jungen immer wieder ein schönes Erlebnis. […] Vielleicht sehe ich unbewusst hinter der Schönheit eines Knaben Gottes Herrlichkeit. –

Du sagst, du möchtest seine Freundschaft erlangen? – Ja.

Warum? – Weil ich ihn gern habe! 

Warum hast du ihn gern? – Weil in seinem Antlitz noch das Göttliche, das Reine liegt!“

 

Zhanna Volkova, boy

Max Frisch lässt in seinem Roman „J’adore ce qui me brûle oder Die Schwierigen“ (1944) den Gärtner Anton beim Anblick eines Jungen an Gottes Traum von einem vollkommenen Menschen denken: Mit der Zeit wuchs ihm dieser Junge, Peter, der ihm gelegentlich hilft und für den er ab und zu etwas bastelt, ans Herz, ja er vernarrte sich geradezu „in das Gesunde, Saubere, Unverbrauchte, in das zärtlich Straffe seiner linkischen Gestalt. Seine Zähne, seine flaumige Haut, sein bürstenhaftes Bubenhaar, das er wie einen blonden Igel auf dem Kopf trug, alles an dem Lümmel erschien auf eine quälende Weise vollkommen, makellos wie ein guter Apfel, so rundum geraten, wie sich der Herrgott vielleicht den Menschen geträumt hat. Anton hatte mitunter Sehnsucht, ihn zu sehen. […] In den Badehosen war Peter vollends ein kleiner Gott, er stand auf einem schwimmenden Balken im nassen Glanz seiner geschmeidigen Glieder, im Spiel seiner schlanken Muskeln, lachte aus einem perlenden, in Nässe blinzelnden Gesicht, kreischte vor Freude, wenn er die größere Schwester von dem Balken hatte stoßen können. “

Aber Schönheit betrifft nicht nur das Äußerliche; das griechische Wort „kalos“ (= schön) deutet auf eine innere Schönheit; die sich nicht nur mit „gut“, sondern auch als „ehrenhaft“, „angemessen“ verstehen lässt. in Jesu Selbstbezeichnung als „guter Hirte“ (Johannes 10,11) deutet das Adjektiv „kalos“ auf diese innere Schönheit. In der Alten Kirche wurde dieser Begriff möglicherweise auch als ein Hinweis auf die äußere Schönheit Christi verstanden; die frühchristlichen Darstellungen des „Guten Hirten“ zeigen in paganer Tradition einen jugendlichen, schönen Hirten. Äußere Schönheit freilich als Spiegel des Wesens, das im Einsatz Jesu für die Seinen zu Tage tritt.

vgl. dazu Beitrag „Bräunlich und schön“. Mythos „Hirtenknabe“

Ferdinand Avenarius hat zu dieser inneren Schönheit ein Gedicht geschrieben, in dem er sich seines Jugendfreundes Theodor erinnert, den er in Kindertagen kennen gelernt hatte. Beim Spielen hatte er ihm die Jacke zerrissen, nun kam Theodor zu ihm nach Hause, um Ersatz zu fordern. So begann eine tiefe Freundschaft, denn von Theodor ging etwas aus, was die Menschen bezauberte. Vor allem aber war er aufrichtig, ehrlich, stand mit seiner ganzen Person für eine Sache ein. Nur einmal, so erinnert sich Ferdinand Avenarius, log er doch: Bei einer Neujahrs-Schneeballschlacht traf ihn ein anderer Junge mit Eisbrocken am Kopf; verletzt musste Theodor nach Hause und brauchte ärztliche Hilfe. Ferdinand besucht den im Krankenbett Liegenden:

„Da sahst du mich. Du gabst mir rasch die Hand, / bogst dann dich heimlich winkend zu mir vor / (so blinzelnd sah ich oft dein Auge schaun, / Knabengeheimnisse mir zu vertraun) / und bittend flüstertest du mir ins Ohr, / daß keiner rings es hörte: „Ferdinand, / Sag nicht, wer’s war!“ / Und ruhig schliefst du ein, / auf ewig ein …

Mein kleiner Freund, er ruht nun dreißig Jahr, / und heut erst fühl ich ganz, wie schön er war.“ (Ferdinand Avenarius, Gedichte – 1906)

 

 

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