„Qui dormit, non peccat“

„Man sollte sich jeden Tag einmal verlieben, in einen Menschen, einen schönen Baum, in eine Farbe oder die Anmut einer Katze. Ich wenigstens tue das und fühle mich wohl dabei.“ So schrieb der schon mehrmals genannte Schriftsteller Ernst Penzoldt. Es sind vor allem die schönen Dinge, die einen verliebt machen können. Auch Menschen – unerwartet, zufällig. Wie es ihm bei der Fahrt in einer Straßenbahn erging, an einem, wie er schreibt, scheinbar alltäglichen, prosaischen Ort.

John George Brown, The Shoeshine Boy (1888)

Dort sah ich ein abgehärmtes armes Weib, das auf ihrem Schoß einen schlafenden Knaben hatte, zu groß eigentlich schon für sein Alter, um so gehalten zu werden. Im Gegensatz zu ihrer dürftigen Kleidung war der Bub sehr sorgfältig und sauber angezogen. Er trug einen nachtblauen Tuchmantel, ein seidenes Halstuch und eine Pelzmütze, unter der das kastanienfarbige Haar hervorkam, und war wie jene vorerwähnte Frau von untadeliger, schwermütiger Schönheit. Er schlief. Doch als er erwachte und die Augen aufschlug, die dunklen, langbewimperten, nicht wußte, wo er war, anmutig-verschlafen lächelte und wieder einschlief, das war schön und des Lebens Mühen wert. Wer die Gnade hat, solchen Anblicks innezuwerden, wird nie ganz unglücklich sein, nicht einmal in der Trambahn.  (Ernst Penzoldt, Die Kunst, das Leben zu lieben – 1949)

Es ist vielleicht dieser Moment der Erwachens, des Aufschlagen der Augen, der besonders bewegen kann. In Detlev Liliencrons Roman „Leben und Lüge“ lernt der siebenjährige Kai beim Wallmeister Heinrich Steffens Schlittschuhlaufen und das Holländern. „Alle Menschen sahen dem gewandten, kühnen Jungen mit heller Freude zu, wie er vor ihnen seine schlanken, zierlichen Bewegungen ausführte, mit einer Anmut, die man kaum bei einem sechs, siebenjährigen Knaben erwarten konnte.“ Als er mit acht Jahren einmal in einen Wassergraben fiel und sich erkältete, macht sich Steffens um den Kleinen Sorgen:

„Am Abend hielt es Heinrich Steffens nicht mehr aus, er zog sich an und eilte in die Wohnung der Eltern. Der General empfing ihn und beide gingen hinauf ins Schlafzimmmer des Knaben. Kai schlief. Sie sahen auf sein frisches Gesicht. Da schlug Kai langsam seine großen, kohlrabenschwarzen Madonnenaugen auf und lächelte sie an. Die beiden Männer traten, ganz betreten, einen Schritt zurück. Der General nahm seinen Sohn aus dem Bett. Kai hing seinen rechten Arm um den Hals seines Vaters und den linken um den Hals seines Freundes und sagte: »Ich hab euch lieb.« Es klang so, als wenn es ein erwachsener Mensch gesprochen hätte. Nun lehnte er sich wieder in die Kissen zurück, vom Vater sanft hineingelegt, und schlief gleich weiter.“ (Detlev Liliencron, Leben und Lüge – 1908)

In Sorge ist auch der Großvater Mendel um seinen Enkel, der ihm zu zart erscheint für seine zehn Jahre. Morgens weckt er ihn, nicht ohne ihn vorher im Schlaf anzuschauen:

John Koch, Young boy sleeping

Er stopfte das Pfeifchen, zündete es an und ging seinen Enkel wecken. Der Junge hatte heute verschlafen. Lange hatte er sich nachts auf dem Lager herumgeworfen wie ein Fisch, nun lag er in tiefem, ruhigem Schlaf. Ein dünner Sonnenstrahl, der durch den Spalt des roten Vorhangs in den Alkoven fiel, legte sich über seine Augen, seinen Mund, seine magere entblößte Brust, huschte dann über die dunklen weichen Haare und entzündete in den langen gesenkten Wimpern goldbraune, sprühende Funken. Der Alte blickte wohlgefällig auf das Kind. Seine Stirn glättete sich, der Mund weitete sich, die Augen zwinkerten und gewannen Glanz. Schließlich lachte er ein glückliches leises Lachen, machte einen tiefen Zug aus dem Pfeifchen, beugte sich über den Jungen und blies ihm den Rauch direkt vor die Nase. Der Kleine hustete, schnellte hoch, riß seine goldenen Augen weit auf und rieb sie mit den zwei mageren Fäustchen. (Maria Konopnicka, Der Danziger Mendel – 1890)

Eine schöne Begegnung hatte auch Eduard Oserbrüggen – in einer Kirche während des Gottesdienstes, bei der ihm auch gleich der passende Gedanke einfiel:

Wenn das Geläute der Nationalkirche am Sonntag zum Gottesdienst ruft, kommen auch die Mitglieder der freien Gemeinde heran, und ohne Noth versäumt niemand die Feier. Mütter nehmen ihre kleinen Kinder und selbst Säuglinge auf den Arm, und der Kirchenfrieden wirkt so auf die Kleinen, daß sie während der langen Predigt keinerlei Störung verursachen.Vor mir saß ein Vater mit seinem hübschen kleinen Knaben. Die Wanderung vom Berge herab an dem warmen Augustmorgen mußte den Kleinen sehr müde gemacht haben, denn als der einleitende Choral gesungen war, legte er seinen Kopf an die Seite des Vaters und schlummerte sanft ein. Wenn der Vater fürchtete, der kleine Schläfer möchte sich verrathen, so streichelte er ihm sanft mit der harten Hand die Wange und ruhig schlief der Kleine weiter. Ich hörte wohl aufmerksam der trefflichen Predigt zu, mußte aber immer wieder auf das hübsche Kind blicken und dachte: Qui dormit, non peccat, qui non peccat, beatus est (Wer schläft, sündigt nicht, wer nicht sündigt, ist selig). Hier paßte einmal der Schluß. (Eduard Oserbrüggen, Wanderstudien aus der Schweiz, Erster Band, Schaffhausen 1867)

Der deutsche Archäologe Ernst Curtis war Ende des 19. Jahrhunderts Privatlehrer nicht nur des jungen Wilhelm Furtwängler, sondern auch des jüngsten Sohnes des Bildhauers Adolf von Hildebrand in Florenz und München. Der Junge, Dietrich, war offensichtlich ein entzückendes Kind, voller Eifer, uns die Herrlichkeiten nicht nur des väterlichen Besitzes von palazzoähnlichem Hause, Garten und Park in allen seinen Heinmlichkeiten, sondern Florenz selbst in der Intimität der Nachbarvillen, wo er als Hausfreund ein und ausging, in dem Zauber seiner Straßen, Gassen und Gäßchen zu erschließen.

Und auch im Schlaf war er bildschön im wahrsten Sinne des Wortes: Dem Knaben Hildebrand schmeckte es nach Kinderart bei uns besser als zu Hause, weshalb er manchmal zum Essen zu uns herüberkam. Auch schlief es sich nach Tisch in der Mittagshitze schöner bei uns, und so lag er, damals ein beinahe vollkommen schöner Putto oft nackt neben mir und sah aus wie ein Jesuskind des Sassoferrato (Ludwig Curtius, Deutsche und Antike Welt – 1950)

Jean Jacques Henner, Schlafender Knabe

Immer wieder geht es um das Anschauen:

Der Knabe war indeß vor Müdigkeit, auf der Bank zurückgelehnt, eingeschlafen. Rosalia weidete sich an seinem Anblicke und murmelte die Worte vor sich hin: Ein bildhübsches Buberl, muß aus einem guten Haus sein! Der Schlummernde besaß wirklich ein angenehmes einnehmendes Aeußeres, seine bleichen edlen Züge waren mädchenhaft, rabenschwarzes glänzendes Haar hing lang auf die Schulter hinab. . (Theodor Scheibe, Die Schwindler in Wien – 1863)

 

 

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