Postillon d’amour – The Go-Between

Luigi DaRios (1844-1892), Botenjunge

Am Valentinstag (14. Februar) werden wieder zahlreiche Blumen und Briefchen als kleiner Liebesgruß versandt. Mancherorts – etwa in Schulen, wo das längst auch Einzug gehalten hat – sind es auch noch wirkliche kleine Boten, die eine Rose als Grußbotschaft überbringen. (Das Leben des heiligen Valentin, der Anfang des 3. Jahrhunderts als Märtyrer starb, gibt übrigens keinerlei Anlass zu diesen Blumen brauchen, die erst Mitte des 20. Jahrhunderts populär wurden. Es ist vielmehr die Stellung dieses Tages in der Mitte des Februar, an dem, wie schon im Mittelalter sagt wurde, „die Vögel Hochzeit halten.“)  Einen solchen „Postillion d’amour“ gab es früher auch, und selbstverständlich wurde er auch literarisch verarbeitet. Einen schönen Knaben wählte man dabei besonders gern (nicht nur zum Valentinstag) – wie etwa den kleinen Petja in Dostojewskis Erzählung „Das schwache Herz“.

„Wohnt hier der Herr Beamte Schumkow?“ ertönte eine Kinderstimme auf der Treppe. „Hier, Väterchen, hier!“ antwortete Mawra und ließ den Gast eintreten. – „Wer ist da? Wer?“, rief Wassja, von seinem Platz aufspringend und ins Vorzimmer stürzend. „Bist du es, Petinka?“ – „Guten Morgen, Wassilij Petrowitsch, habe die Ehre, Ihnen ein glückliches Neues Jahr zu wünschen!“ sagte ein reizender etwa zehnjähriger Bengel mit schwarzen Locken. „Mein Schwesterchen läßt grüßen, Mamachen ebenfalls, und Schwesterchen hat mich beauftragt, Sie von ihr zu küssen …“

Andrew Geddes, Boy with a Hurdy-Gurdy (1843 – Detail)

Wassja hob den Boten in die Luft und drückte auf seine Lippen, die den Lippen Lisas ungemein ähnlich sahen, einen langen, honigsüßen, leidenschaftlichen Kuß. „Küsse auch du, Arkadij!“ sagte er zu seinem Freund, ihm Petja übergebend; und Petja wanderte, ohne die Erde zu berühren, in die mächtige und wirklich gierige Umarmung Arkadij Iwanowitschs.

„Willst du Tee, Schätzchen?“ „Ich danke verbindlichst! Wir haben schon Tee getrunken. Heute sind wir früh aufgestanden. Die Unsrigen gingen zur Messe. Schwesterchen hat mir zwei Stunden lang die Locken gekämmt und pomadisiert, hat mich gewaschen und mir die Hose geflickt; denn ich habe sie gestern auf der Straße zerrissen, als ich mit Saschka Schneeballen spielte …“ […]

Alexander Andrejewitsch Iwanow, Porträt eines Knaben (1820)

„Zum Mittag gibts bei uns heute Kalbsbraten, und morgen Hirn. Mama will auch noch Zuckerbrot backen … Hirsenbrei wird es heute nicht geben!“ setzte der Junge nach kurzer Überlegung hinzu, um seinen Bericht abzuschließen.

„Teufel noch einmal! Was das für ein hübscher Knabe ist!“ rief Arkadij Iwanowitsch aus: „Wassja, du bist wirklich der glücklichste der Sterblichen!“ Der Junge trank seinen Tee aus, erhielt einen Brief samt tausend Küssen und ging, glücklich und munter, wie er gekommen war, nach Hause. (Fjodor Michailowitsch Dostojewski, Ein schwaches Herz – 1848)

Einen so reizenden Überbringer von weiblichen Grüßen wie den kleinen Petja nimmt man dann auch gern in den Arm, drückt ihn und küsst ihn auf die Lippen, wenn sie noch dazu denen eines hübschen Mädchens gleichen … In Wilhelm Schäfers Erzählung „Der Brief des Dichters und das Rezept des Landammans“ (1912) lernt der Dichter Friedrich Gottlieb Klopstock einen solchen sogar auf besondere Weise kennen:

Elsie Ward Hering, Boy and frog

„Als Klopstock, der Messiasdichter, vor der Pietisterei seiner Züricher Freunde einmal ins Gebirge geflohen war und den Pragelpaß herunterkam, überraschte er an der Muotabrücke einen Knaben aus Schwyz in einem seltsamen Mißgeschick. Der hatte baden wollen in der schattigen Schlucht und nicht an das Windgebläse gedacht, wie es an heißen Sommertagen vom Stoos herunter einfallen kann. Nun waren ihm die leichten Kleider bis auf die Schuhe durch ein Sturmluft in den Fluß geworfen worden, sodaß er nackt auf der Muotabrücke kniete und durch einen Spalt hinunterspähte. Der Dichter war von dem schlanken Körper und der schönen Stellung entzückt, als ob ihm in der grünen Wildnis ein Götterkind begegnet wäre; er rief den Knaben, der sich vor seinem Schritt noch flüchten wollte, mit scherzhaften Worten an und half seiner Blöße aus mit seinem Rock, halb und halb bekleidet als Wandergefährten nach Schwyz hinunterkamen.“ – 

Die Eltern des Jungen laden den Dichter dankbar zu einem Nachtessen ein, bei dem dieser die Mutter des Dreizehnjährigen näher kennen lernt, die dem Dichter von so freier Anmut scheint, wie er noch keine Frau gesehen hat. Mehr und mehr entzündet er sich für sie – und auch die Frau zeigt Interesse an dem Dichter. Doch einen leidenschaftlichen und seelenvollen Brief, den er ihr eines Nachts schriebt, gibt sie ihm bei einer Wanderung zur Muotabrücke wieder zurück – und verweist auf einen Rat (das „Rezept“), den ihr Vater, der Landammann war, ihr einst hinsichtlich brieflichen Gefühlsüberschwangs gegeben hat. Der Knabe hilft Klostock, den Brief im Wasser zu vernichten. „Die Frau hatte unterdessen seitab gestanden, wie wenn sie als die einzige die Grausamkeit von diesem Spiel empfände; nun ging sie wortlos von den beiden den Talweg fort. Der Dichter sah ihr nach, wie sie den Nacken beugte und Schritt für Schritt die schlanken Beine schwer loszuziehen schien; dann küßte er den Knaben, wie er die Frau nicht küssen konnte und entließ ihn mit einem letzten Gruß an sie …“

A propos Schweiz: In Friedrich Michaels Roman „Silvia und die Freier“ reist die verwitwete Silvia Mohl mit ihrer langjähringen Dienerin Nanni durch Europa und nimmt an verschiedenen Orten Beziehungen zu Männern auf, die um sie freien möchten. In Mailand lädt ein Herr Miller sie auf seinen Landsitz am Comer See ein. Immer wieder erhält sie im „Schweizerhaus“ Briefe ihres Liebhabers. Der hurtige Postbote, der die Briefchen den Berg hinauftrug,

Eastman Johnson, The Savoyard Boy (1853)

„… war Giovanni, ein Fünfzehnjähriger, zu allem geschickt, immer gegenwärtig, und überdies eines dieser südlichen Menschenkinder, denen Natur selbst in den Wachstumsjahren Schönheit gibt. Silvia hatte ihn gleich am Tag der Ankunft gesehen. Er stand in der Tür des Schweizerhauses, als sie den Berg heraufkam. ‚Was für ein schöner Bursche’, sagte sie zu Nanni. Er stand reglos, wie erstarrt in seiner lässig-anmutigen Haltung, die dunklen Augen groß aufgetan: wer kam da wie ein Wunder herauf zu ihm? Hätte Mamma Zanardelli ihm nicht einen kräftigen Stoß mit Wort und Faust versetzt, so wäre er wohl anbetend stumm stehengeblieben. Seit dieser ersten Begegnung war Giovanni Silvias getreuer Diener, war sie ihm die Herrin geworden, die er mit der ganzen Leidenschaft des erwachenden Knaben verehrte. Botschaft ins Schweizerhaus hinaufzutragen, war für ihn die erhabenste Pflicht, und ein Kummer nur, daß der Herr ihn zu einer Zeit hinaufschickte, da die Signora noch nicht aufgestanden war, am frühen Morgen.“ (Friedrich Michael, Silvia und die Freier – 1984)

Auch der Maler Olaf Gudwangen bedient sich in der Erzählung „Am Brunnen der Hera“ von Stefan Andres eines Halbwüchsigen, um seinen Liebes-Werbebrief an die Schwester seiner verstorbenen Frau überbringen zu lassen. Es ist der Sohn des italienischsprachigen griechischen Wirtes, bei dem er nächtigt, und der sich um den deutschen Gast sehr bemüht.

Ellen Emmet Rand, Sketch of a boy

„Gudwangen war noch ganz in den letzten Sätzen seines Briefes drin und hatte kaum einen Blick für den Jungen, der mit brüchiger Stimme auf italienisch sagte, er sei Xenophon. Der Brief müsse unbedingt noch heute abend in Hagia Mone sein, betonte Gudwangen mehrmals, und Xenophon nickte nach jedem dieser eindringlichen Befehlssätze und wiederholte mit echohafter Folgsamkeit: »Noch heute abend, Signore!« und streckte, so oft er das sagte, aber jedesmal vergeblich, die Hand nach dem Brief aus, bis Gudwangen, ihn mit einem scherzhaften Drohen gegen Xenophons Kopf hebend, ihm denselben endlich überließ. Der etwa Fünfzehnjährige wandte sich gleich mit der hurtigen Entschiedenheit eines Stafettenläufers ab und sprang, zwei Stufen auf einmal nehmend, die Hoteltreppe hinab. Gudwangen trat auf den Balkon hinaus und sah der schmalen, gelenkigen Jungengestalt nach, die, in Sweater, lange Hosen und Sandalen gekleidet, schon über das dämmernde Pflaster dahinlief. Und da er dem Enteilenden so nachblickte, packte ihn die Lust, selber einige Schritte in den Abend zu tun. (Stefan Andres, Am Brunnen der Hera – 1962)

Um einen „Postillon d’amour“ geht es auch in dem Film „The Go-Between“ von 2015, der auf der gleichnamigen Erzählung von Leslie Poles Hartley von 1953 basiert. Jack Hollington spielt den jungen Leo, der einen Sommer bei seinem Schulkameraden verbringen darf und sich und dessen ältere Schwester verliebt. Unglücklicherweise aber wird er von dieser als „Go-Between“ benutzt, um einem jungen Mann, den sie liebt, geheime Briefchen zu übergeben, deren Bedeutung er zunächst nicht versteht …

https://www.theguardian.com/tv-and-radio/tvandradioblog/2015/sep/14/trailer-watch-the-go-between-on-bbc1

Zum Schluss nochmals zurück zu einer anderen Heiligenlegende: In Gottfried Kellers Erzählung „Dorotheas Blumenkörbchen“ geht es um die  Legende der heiligen Märtyrin Dorothea. Sie spielt am Schwarzen Meer zur Zeit der Christenverfolgung. Dorothea und Theophilus, der Geheimschreiber des Statthalters Fabricius, lieben einander. Der Statthalter wirbt aber ebenfalls um die schöne und zarte Patriziertochter. Als sich Dorothea und Theophilus entzweien, findet die junge Frau Trost in der neuen Religion. Sie wird gefangengenommen und auf Weisung des Statthalters, der seine Zurückweisung durch sie nicht verwunden hat, zum Tod verurteilt. Auf dem Weg zum Richtplatz wendet sie sich an Theophilus und schwärmt verzückt von dem Paradiesesgarten, der sie erwartet, und von den Äpfeln, die dort wachsen.

Lucas Cranach der Ältere, Hlg. Dorothea, Ausschnitt

„Da erwiderte Theophilus bitter lächelnd: ‚Weißt du was, Dorothea? Sende mir einige von deinen Rosen und Äpfeln, wenn du dort bist, zur Probe!’ Da nickte sie freundlich und zog ihres Weges weiter.“ Als Dorothea durch das Beil hingerichtet ist, erhält er himmlischen Besuch: „ein wunderschöner Knabe stand vor ihm, mit goldenen Ringelhaaren, in ein sternenbesäetes Gewand gekleidet und mit leuchtenden nackten Füßen, der in den ebenso leuchtenden Händen ein Körbchen trug. Das Körbchen war gefüllt mit den schönsten Rosen, dergleichen man nie gesehen, und in diesen Rosen lagen drei paradiesische Äpfel. Mit einem unendlich treuherzigen und offenen Kindeslächeln und doch nicht ohne eine gewisse anmutige List sagte das Kind: ‚Dies schickt dir Dorothea!’“ (Gottfried Keller, Dorotheas Blumenkörbchen – 1872)

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