Pieter Maritz

An einem Nachmittage des Monats Januar 1878 zog ein einzelner Reiter, neben dessen Pferd ein Knabe von etwa vierzehn Jahren einherschritt, durch das Thal des Nylflusses, welches die langgestreckten Höhenzüge der Waterberge im Lande Transvaal in Südafrika druchbricht. Er war ein kräftiger Knabe, dem Vater ähnlich an Gestalt. Unter seinem Hute hervor wallten blonde Locken bis auf den Kragen seiner Bluse herab und umrahmten ein frisches Gesicht mit hellen blauen Augen.

So beginnt ein Jugendbuch aus dem Jahr 1895, das heute wohl weitgehend vergessen ist, das aber den Schriftsteller Ernst Penzoldt in seiner Kinder- und Jugendzeit in Bann schlug: „Pieter Maritz, der Burensohn aus Transvaal.“ Der Grund für diese Faszination war nicht etwa die spannende Geschichte, sondern schlicht und ergreifend der Held des Buches, der vierzehnjährige Pieter Maritz.

Das Buch war mit Vollbildern und Textillustrationen reich ausgestattet. Vielleicht sind es diese Zeichnungen gewesen, die mich später verlockten, selbst derlei zu versuchen. Der Held des Buches, das ich für eine wahre Geschichte hielt, gefiel mir über die Maßen, so sehr, daß, so jung ich war, in mir der Wunsch lebendig wurde, so auszusehen wie er.

Der junge Ernst Penzoldt gefiel sich selbst nämlich überhaupt nicht, und so kam er auf den Gedanken,

… es müßte durch fleißiges Bemühen, durch Konzentration auf das Idol, nämlich auf diesen Buren Pieter Maritz, wie ich ihn in dem Buche abgebildet sah, allmählich gelingen, mich ihm anzuverwandeln. … Ich betrachtete mich täglich vor dem Spiegel, ob ich meinem Helden schon ähnlicher geworden sei, ohne den Aberglauben des „Versehens“ zu kennen. Ich erinnere mich genau, daß ich, meines Geheimnisses bewußt,  erwartete, irgendjemand würde eines Tages stutzig werden und sagen: „Komisch, wie du doch auf einmal dem Pieter Maritz gleichst!“

Leider geschah das nicht, zumal sich bei seine Nase der später so charakteristischen Höcker auszuwachsen begann, so dass sie gar nicht der „sehr hübschen Nase“ des Burenjungen glich … (vgl. dazu Beitrag „Der geflügelte Knabe“)

Ich konnte es beim besten Willen nicht ändern und  mußte mich damit abfinden. Offenbar war mein Glaube nicht stark genug gewesen. Heute bin ich mir ziemlich klar, daß ich nicht mehr wie jener Pieter Maritz meiner Sommerfrischenlektüre aussehen, sondern mir selber gleichen möchte.

Diese kleine Begebenheit, die unter dem Titel „Die Nase des Pieter Maritz“ in dem Buch „Hier bin ich gewachsen“, das zumeist unveröffentlichte Texte und Bilder Penzoldts enthält, abgedruckt ist, erinnerte mich daran, wie sehr ich selbst als Kind von einem jungen Buchhelden fasziniert wurde – einem Buch, das übrigens auch in Afrika spielt, „Der Herr der Elefanten“ von dem mehrfachen Jugendbuch-Preisträger René Guillot. Und wie bei Penzoldt war es gar nicht so sehr die Geschichte, sondern das Bild des Jungen, das  mir sogleich gefiel.

Der vierzehnjährige Jean-Luc, der in Frankreich bei seinem Onkel und seiner Tante aufwächst, wird von seinem Vater, einem Wildhüter in Afrika, zu sich in das Gebiet der Elfenbeinküste geholt, um zukünftig auf dessen Farm zu leben und mit den Kindern des Lobi-Stammes zur Schule zu gehen. Nach anfänglichen Schwierigkeiten freundet sich Jean-Luc  mit dem Lobi-Jungen Fofana an, der nicht nur außergewöhnlich klug ist (ihm auf Französisch sogar im Unterricht vorsagt), sondern auch ganz besondere Fähigkeiten im Umgang mit Tieren, speziell den Elefanten, besitzt, die ihn am Ende des Buches als ihren Herren  anerkennen.

Wie gesagt, es war gar nicht so sehr die Geschichte, die vielleicht heute noch interessanter wäre als damals, 1962, als sie erschien, weil sie nicht nur von so großer Hochachtung von den Lobi spricht,  sondern auch wegen des Blicks auf die Natur und die Tierwelt.

Mich faszinierte vor allem eine solche Freundschaft, die ein wenig an die bei Karl May beschriebenen erinnerte, aber eben in einem Alter, da man sich noch mit dem Helden identifizieren kann. Der schmale blonde Jean-Luc, der trotz mancher Unbeholfenheit und Unkenntnis die Freundschaft des „edlen“ Fofana gewinnt, hatte es mir angetan. –

Dass man sich in einen Buchhelden gleichsam verliebt, ist gar nicht so selten. In einem Bücherforum fand ich verschiedene Erinnerungen daran:

Ich war acht und fand den jungen Schildknappen aus ‚Der Brief für den König‘ so toll. Der handelte edel, war mutig und  besaß dunkle Haare, da hat’s mich erwischt. Immerhin hat der Autor seine Sache gut gemacht, wenn man sich seinen Protagonisten so lebendig vorstellen kann, dass man  sich in ihn verliebt.“ Jemand antworte darauf: Tiuri? Ja, der ist allerdings wirklich zum Verlieben. Das Buch hab ich nicht nur einmal gelesen.

Tonke Dragt, Der Brief für den König (Cover)

Ich war mal in die „kindliche Kaiserin“ der „Unendlichen Geschichte“ verliebt, oder wie man das bei einem 10jährigen nennen will.

Ich war in den kleinen Jungen „verliebt“ aus „Extrem laut und unglaublich nah.“ Es passiert nicht so oft, und der Abschied ist grausam am Ende.

Meine erste große Liebe war Atréju aus der „Unendlichen Geschichte“. Den Film kannte ich damals übrigens noch nicht. Mir hatte es der Held aus dem Buch von Michael Ende angetan. Ich wäre gern mit ihm und seinem Pferd „in echt“ unterwegs gewesen.

In unserer Zeit braucht es nicht mehr die Bücher und ihre Illustrationen – Verfilmungen der Romane spielen häufig eine größere Rolle und ihre jugendlichen Darsteller sind Idole, die man offen verehren kann.

Thommy Ohrner als „Timm Thaler“

Von James Krüss  stammt die Erzählung „Timm Thaler oder das verkaufte Lachen“. Der Waisenjunge Timm Thaler sticht dem teuflischen Baron Lefuet durch sein mitreißendes Lachen ins Auge, das er ihm durch einen Vertrag abkauft, der den Jungen in die Lage versetzt, fortan jede Wette zu gewinnen. Diese Geschichte wurde mehrmals verfilmt. In der ZDF-Weihnachtsserie von 1979 wurde Timm von Tommy Ohrner gespielt, „dem süßesten 13-Jährigen der Fernsehgeschichte“, wie sich Sabine Rennefanz in der Zeitschrift „DIE ZEIT“ erinnerte.

A propos Weihnachts-Mehrteiler: Auf die meisten Einsätze als jugendlicher Hauptdarsteller brachte es dabei Patrick Bach, der als „Silas“ oder als Schiffsjunge „Jack Holborn“ umschwärmt wurde – nicht zuletzt seines braungebrannten Äußeren wegen, wie jemand auf einer Internet-Plattform zu diesen jährlichen Fernseh-Serien gestand: „Um aber auch noch etwas zu den damaligen Weihnachtsserien zu sagen, muss ich zugeben, dass mir Jack Holborn am meisten zugesagt hatte. Dieses Piratenflair hatte was. Auch Patrick Bach hat mir da wohl von allen männlichen Weihnachts-Charakteren besten gefallen … er hatte auch einen mich durchaus ansprechenden Körperbau.“

Und wie schon Ernst Penzoldt versucht hatte, seinem Idol Pieter Maaritz gleichziehen, so später mancher Junge oder manches Mädchen den Hauptdarstellern der Filme – was zumindest im Karneval dann etwas einfacher war: „Ab 1980 waren die zwei Söhne meiner Mutter dann aber bei jeder Weihnachtsserie dabei, „Silas“ müßte 1980 gewesen sein und mein jüngerer Bruder hatte sich in den kleinen Patrick Bach regelrecht verliebt und sich im darauffolgenden Karneval als dessen Inkarnation fleißig produziert.“

Patrick Bach als „Jack Holborn“

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