Non Angli, sed angeli

Mary Lemon Waller, Portrait of Robert Berks Timmis (1887)

A propos Pagen: Auch der Engel ist nicht selten ein hübscher Knabe oder wird als solcher gezeichnet, als „einer von den schlanken Pagen Gottes“, wie Hugo von Hofmannsthal sich ausdrückt („Gerechtigkeit“ – 1893). Seit  jeher werden Engel als Vergleich und Beschreibung knabenhafter Schönheit  bemüht: „engelgleich“, „engelhaft“ sind durchgängige Adjektive und lassen das Bild jugendlicher Schönheit und Reinheit vor dem inneren Augen erstehen, das durch entsprechende Darstellungen von jünglingshaften Engeln und Kind-Engeln (etwa seit der Gotik) geprägt ist: „Neben ihr sitzt oder steht, von einer Dienerin, die sich im Hintergrunde hält, überwacht, ein Kind, ein märchenhaft schöner Knabe, dem eine Flut goldener Locken auf die Schultern wallt. Es ist, als sei ein Engel, wie sie die alten Meister gemalt haben, in dem blauäugigen, lebhaften Kinde auf die Erde niedergestiegen“(Jacob Christoph Heer – Felix Notvest, 1901).

Andrej Shishkin, König ohne Burg (Ausschnitt)

Tatsächlich werden auch immer wieder Maler mit bekannten Engeldarstellungen zum Vergleich herangezogen, Botticelli und Raffael natürlich, wie in Wilhelm Speyers „Der Kampf der Tertia“ (1928), wo von einem der Schüler, von denen dieser Roman handelt, gesagt wird, dass er keiner „von den Botticellischen Engeln“ war, sondern mit einem kräftigen Leib, mit einer kräftigen Brust begabt – „dennoch hatte er eine leichte, fast mädchenhafte Grazie. Und engelshaft war sein Haupt, das ebenfalls breit war, mit einem breiten Mund im Gesicht. Die blauen Augen hatten immer ein verwöhntes, liebenswürdiges Lächeln in ihren Tiefen, und das blonde Haar loderte in feinen, leicht wehenden Locken raffaelisch über seiner Stirn und an den Schläfen auf.“

Adolf Wilhelm Theodor Stahr hatte bei seinem Aufenthalt in Italien zeitweilig als kleinen Cicerone (Führer) einen schönen, elfjährigen Knaben, „ganz das Urbild von Peruginos Engelknaben“ (Ein Jahr in Italien, 1847–1850), und Alfred Meißner (Zur Ehre Gottes – 1860) fühlte sich an Michelangelo erinnert: „Der Knabe war so schön wie ein Engel aus der Sixtinischen Kapelle!“

Sandro Botticelli, Madonna del Magnificat (1481)

Die „alten Meister“, die Heer nennt, fanden wiederum ihr Vorbild für Engel häufig bei Knaben auf der Straße; deren herbe Schönheit spiegelt sich in den Bildern wider. In Anna Seghers Erzählung „Der Führer“ (1965) treffen italienische Archäologen auf einen äthiopischen Jungen, dessen Schönheit einer von ihnen bewundert: „Als der Knabe fort war, sagte Rossi: ‚Habt ihr gemerkt, wie schön der war?’ […] Ich kann verstehen …, daß Engel auf allen Bildern aller Maler Knaben in diesem Alter sind.’“

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William Midgley, Non angli, sed angeli (1899)

Wurde in der Antike der Engel eher als junger Mann bzw. geschlechtslos gesehen (nach der Aussage Jesu im Markusevangelium: „Wenn nämlich die Menschen von den Toten auferstehen, werden sie nicht mehr heiraten, sondern sie werden sein wie die Engel im Himmel“ –12,25), so kommt es im Laufe der Zeit immer häufiger auch zur Vorstellung des Engels als Knabe. Ein Ausspruch des Papstes Gregor (+ 604), als er noch nicht Papst war, mag auch eine Rolle gespielt haben: Dem Kirchenhistoriker Beda nach sei er beim Gang über den Sklavenmarkt in Rom auf Knaben gestoßen, die ihm wegen ihrer hellen Haut, des schönen Gesichts und ihrer langen Haare aufgefallen seien, und habe sich erkundigt, woher sie stammen. Das seien Angeln, erwiderte der Sklavenhändler. Worauf Gregor bestätigte, dass sie den Engeln im Himmel glichen, was gern in dem Aphorismus zusammengefasst wird: „Non Angli, sed angeli“ – keine Angeln, sondern Engel (vgl. Beda, Kirchengeschichte Englands 2,1).

Hilarius von Orléans, ein zeitweiliger Schüler von Petrus Abaelard, griff im 12. Jahrhundert dieses Wortspiel in einem Gedicht auf einen „puerum anglicum“ auf (Ü: Rüdiger Campe):

Sei gegrüßt, du schöner Knabe! Weiß ich doch, dich reizt nicht Gold, / dich um Handgeld zu verkaufen, schiene ein Verbrechen dir. / Nein, die Anmut und die Würde wählten dich zum Aufenthalt. / Und dir folgen alle Blicke, wann und wo du auch erscheinst.

Blond die Locken, edle Züge und der Nacken zart und weiß, / und die Worte süß betörend – doch was sagt das einzelne? / Ganz erst bist du schön und herrlich, und kein Makel ist an dir. […]

Was die Knaben und die Mädchen sich ersehnen, das bist du. / Und sie seufzen und sie flehen, wen sie einzig sehn, bist du. / Irrtum wär es oder Sünde, sagte man „Aus England du!“ / Denn ein E fehlt. Heißen muss es: „Aus der Engel Land kamst du.“

John Raphael Smith, Portrait of a young boy

Auffallend ist, dass die „engelhaften“ Knaben gern mit blonden Haaren beschrieben werden. In Leopold von Sacher-Masochs Erzählung „Der Weihnachtsabend des Rebb Abramowitsch“ (1893) kommt ein Jude versehentlich an Weihnachten in ein Christen-Haus, bemerkt den Irrtum und möchte wieder gehen: „Da eilte ihm ein großer Knabe nach, groß und schön, neun oder zehn Jahre alt, mit blondem Haar, auf dem der goldige Wiederschein des Christbaumes spielte, und großen blauen Augen. Das Kind nahm Rebb Abramowitsch bei der Hand und sah ihn an. Der arme Jude wußte nicht, wie ihm geschah. Er hatte in der Kabbalah von den verschiedenen Heeren der Engel gelesen, welche die Himmel beleben, aber er hatte noch nie einen Engel gesehen. Jetzt aber war es, als stände einer vor ihm.“

Und zu den blonden, meist längeren Haaren („Besonders engelhaft erschien das lange metallblonde Haar in der Sonnenglorie.“ – Franz Werfel, Verdi. Roman der Oper, 1924) kommen dann oft auch noch die blauen Augen hinzu: „Annas Sohn ist schön wie ein Engel. Sein Haar schimmert golden, und zu tiefblauen Augen sind die Wimpern schwarz. Wunderbar rein und genau gezeichnet ist die Linie des Mundes, der strenge und süße Mund eines Engels“ (Klaus Mann, „Flucht in den Norden“ – 1934). Und auch eine entsprechende Stimme, das „Engelsstimchmen“,  gehört dazu:

Während die Kinder nach diesem Lied vergnügt die reichlichen Gaben der Zuhörer einsammelten, drängten sich zwei Männer von fremdländischem Angesicht und ungewöhnlicher Kleidung in den Kreis, um zu schauen, was es gäbe. „Siehst du diesen Bettelbuben dort?“, fragte der eine seinen Genossen in einer fremden Zunge, indem er auf Goar deutete. – „Ja, ich sehe ihn“, erwiderte der andere nachdenklich und musterte das Kind genau. – „Hast du jemals einen so schönen Knaben gesehen?“ fuhr der erste Fremdling fort. „Ziehe ihm feine Kleider an, und er wird so schön wie ein Engel sein.“ Indem er dies sprach, hub Goar wieder zu singen an, und die Männer, die nun auch seine Stimme hörten, gerieten vollends außer sich. (J. E. Thalberg, Jonas und Goar – 1944)

Francisco de Zurbarán, Erzengel Gabriel (1631/32 – Ausschnitt)

Und da die Engel gemäß der Überlieferung nur die unterste Stufe der neun Engelchöre bilden, werden gern auch „höherklassige“ zum Vergleich bemüht: „Er war schön wie ein Erzengel, ein kleiner heidnischer Gott“ (Mario Vargas Lloso, Die geheimen Aufzeichnungen des Don Rigoberto – 1997); „er war schön wie ein Seraph, er hätte mit seinem grazienhaft ruhigen und edlen Wesen ein Fürstenhaus geziert“ (Eugenie Marlitt, Im Schillingshof – 1880); „goldschöpfig, blauäugig, ein Cherub von einem Knaben“ (Andrea Schacht, Nehmt, Herrin, diesen Kranz – 2010)

Dass die äußere Zuschreibung eines engelhaften Aussehens auch bisweilen auf die Kennzeichnung des Inneren zielt, ist schon dargestellt worden (J. C. Lavater). Somit fungieren die Engel  auch als Vorbild für die Knaben:

Fragen von den H[eiligen] Englen: Warum malet man die Engel in Gestalt schöner Knaben und mit Flüglen? – Darum in schöner Knaben Gestalt, dass sie ihnen sollen nachfolgen in den Tugenden … (Catholische Fragstück über den ganzen kleinen Catechismus von 1594)

Filippino Lippi, Apparizione della Vergine a San Bernardo (1482-86 – Ausschnitt)

Bei soviel Tugendhaftigkeit tut es gut, dass sich hinter dem Engelsgesicht bisweilen doch nur ein ganz normaler Junge verbirgt – wie der kleine Martin in Ehm Welks viel gelesenem Roman „Die Heiden von Kummerow“ (1937). Siehe Beitrag: „Der kleine Gerechte“

Caravaggio, Hl. Matthäus und der Engel (1602)

Wie passend, dass sich im Deutschen das Wort Engel auf Bengel reimt … Und manchmal ist der Unterschied zwischen beiden gar nicht so groß. Auch der Maler Caravaggio pflegte zu den Darstellungen seiner Engel gewöhnliche Straßenjungs als Modell zu nehmen – mitunter sieht man ihnen das auch noch an.

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