Kirchen-Pagen

Das Gegenstück zum Pagen im höfischen Dienst bilden in der kirchlichen Welt die Ministranten (Messdiener), die Chor- und Sängerknaben, deren zugesprochene Reinheit – auch stimmlich – dem Dienst entspricht, den sie ausüben: „Alle blickten auf den Chorknaben … Es war ein ungewöhnlich schöner Junge von etwa dreizehn Jahren. Blonde Locken umrahmten anmutig die regelmäßigen Züge seines Gesichts, auf dem ein leises Lächeln spielte“ (Roger Peyrefitte, Heimliche Freundschaften).

William Holman Hunt, May Morning on Magdalen Tower, 1888-91 (Detail)

Schöner Knabe – (katholische) Kirche. Diese Zusammenstellung führt in heutiger Zeit bei nicht wenigen Menschen zum Kurz-Schluss: Missbrauch. Leider aus nachvollziehbaren Gründen, da in den zurückliegenden Jahren so viele Missbrauchsfälle in kirchlichen Einrichtungen aufgedeckt wurden. Und so wundert es auch nicht, dass das zum Thema in neueren Romanen wird (vgl. etwa Wolf Haas’ „Silentium!“ oder Franz Marian Kälins „Süssestes Herz Jesu. Eine Geschichte aus der Innerschweiz“) und damit auch Klischeevorstellungen bedient.

Ghirlandaio-Messdiener

Ghirlandaio, Das Begräbnis der hl. Fina (1475)

Rein von ihrer Aufgabe her gesehen, braucht man nicht unbedingt Kinder als Ministranten; ihr Dienst ist entstanden im Hochmittelalter, als die zu einem Gottesdienst gehörigen Dienste für die vielen Privatmessen von einem Helfer übernommen wurden. Doch auch bei großen, entfalteten Gottesdiensten waren und sind die Ministranten vielfach als Helfer der Diakone oder der Gemeinde tätig, sie tragen das Kreuz, Leuchter, das Weihrauchfass, um nur einige Dienste zu nennen. Bis zum Aufkommen der elektrischen Läuteanlagen waren Ministranten auch vielfach zum Läuten der Glocken tätig: Läutebuben. Warum man in der Vergangenheit häufig Buben wählte, liegt auch an der Tradition des Lektorendienstes, der schon im Altertum gern Knaben wegen ihrer hellen Stimme anvertraut wurde, die in großen Räumen besser verstanden werden konnten. Sie erhielten an den Domschulen auch eine besondere Ausbildung; nicht zuletzt erhoffte man aus ihrem Kreis auch Nachwuchs für den Priesterberuf zu finden.

In der Barockzeit orientierte man sich auch kirchlich häufig am höfischen Zeremoniell – Ministranten wurden wie Pagen gekleidet und übernahmen nicht nur Dienste, sondern bildeten durch ihre Zahl und Ordnung auch optisch einen Schmuck der liturgischen Zeremonie – „die Zierde deines Hauses“ (Psalm 93,5).  Nicht von ungefähr stellen sie ein beliebtes Motiv in der bildenden Kunst dar. Und sie werden gern mit Engeln verglichen (vgl. Beitrag: Non Angli, sed angeli).

Ferdinand Waldmüller, Der Versehgang (1836) – Ausschnitt

Martin war es eine besondere Freude, dem Großvater bei seinen Amtsverrichtungen behilflich zu sein. Wenn der schöne Knabe mit den großen blauen Augen und dem blonden lockigen Haar bei der Messe am Altar diente oder den Priester bei den Versehgängen begleitete, soll er an einen Engel aus den Bildern alter Meister erinnert haben. (Paul Kaufmann, Johann Martin Niederee  – 1908)

Als sie einst, ein kleines Mädchen, das erstemal in die Kirche mitgenommen wurde, war am Altar neben dem Priester ein schöner blonder Knabe gestanden, und so oft sie an Engel dachte, von Engeln hörte, kam ihr dieser Knabe zu Sinn. (Peter Rosegger, Die Geschichte vom jungen Geigenspieler – 1895)

Heute übernehmen vielfach auch Mädchen den Ministrantendienst, und nicht selten kann man es erleben, dass auch Erwachsene, sogar ältere Menschen, diesen liturgischen Dienst übernehmen. –

Von der Liturgie zur Literatur: Interessant sind auch jene Stellen, in denen beschrieben wird, welche Kunstfertigkeit manche Jungen in ihren Dienst legten; in Michael Köhlmeiers Roman „Die Musterschüler“ erinnert sich der Protagonist, der nach vielen Jahren ein seltsames Vorkommnis in der Internatszeit ergründen will, auch eines Klassenkameraden, Alfred Lässer, der ein Liebling nicht nur seiner Mitschüler war.

georgeWalton

George Walton, The acolyte (1889)

Der Spiritual mochte den Alfred Lässer besonders gern. Das Engelchen. […] Der Alfred Lässer war auch wirklich ein schöner Ministrant – blonder Lockenkopf und blaue, tiefblaue Augen. Und er hat aus dem Ministrieren etwas gemacht. Nicht einfach nur Buch von rechts nach links tragen oder Wasser und Wein in den Kelch gießen. Er hat das richtig ausgespielt – freudiges Gesicht beim Sanctus, leidendes Gesicht bei der Wandlung, feierliches Gesicht bei der Kommunion … (Michael Köhlmeier, Die Musterschüler – 1989)

Eine ähnliche Gestaltungsgabe besaß in Ruth Lehmanns Roman „Die Leute im Tal“ (1968) der junge Albert, von seiner Mutter „Bürsch“ genannt, den sie zum Dienst am Altar gebracht hat – mit Erfolg: Nie vorher, nie nachher hat einer so anmutig die Knie gebeugt, so sanft das Weihrauchfaß geschwungen, so glockenklar das Gloria angestimmt, so andächtig den Lockenkopf zum Gebet gesenkt wie man es auf Bildern sieht bei dem Jünger, den der Herr lieb hatte.

Auch ein besonderes Schreiten lernt der Ministrant – und in Ernst Wiecherts Roman „Die Jerominkinder“ kommt es dem alten Schullehrer so vor, als sähe er einen solchen Ministranten vor sich, wenn er morgens das Kommen seiner Schüler betrachtet, unter ihnen  „… Jons Ehrenreich, ernst und fast feierlich, ein kleiner Meßknabe, der zu dem Priester und dem Sakrament schritt. Auf ihm blieben des Lehrers Augen am längsten haften.“ (Ernst Wichert, Die Jerominkinder – 1957)

Frederic Leighton, Cimabue’s Celebrated Madonna is carried in Procession through the Streets of Florence (1853–55 Detail).

Es gibt aber Bewegungen und Haltungen, die nicht angebracht erscheinen, auch wenn sie nett anzusehen sind:

Von bezaubernder Anmuth war ein kleiner Schelm von Ministranten, der in der Nähe der Sakristei leichten Fußes, beinahe tänzelnd in seinem langen rothen Würdenröckchen hin und her sich bewegte und mit leuchtendem Lächeln zu uns herüberblickend seinen großmächtigen Amtshut in der Linken vor sich hielt und mit der Rechten zierlich das Tamburin darauf schlug. Es war nicht gerade ehrerbietig in der Kirche, aber reizend. (Reise-Erinnerungen an Sicilien – 1872)

So mag auch das Aussehen die Auswahl zum Ministrantendienst mitbestimmen, wie Abel Tiffauges in Michel Tourniers Roman „Der Erlkönig“ mutmaßt:

Pascal Adolphe Jean Dagnan-Bouveret, Le Pain bénit, ca. 1829

„Die Kohorte der Chorknaben war für mich Anlaß zu einem kleinen Ärgernis – im geistlichen Sinne des Wortes – geworden …. Es war mir in einer Anstalt religiösen Charakters selbstverständlich erschienen, dass die Auszeichnung, dem Priester als Ministrant bei der Feier des heiligen Messopfers zu dienen, ausschließlich der erlesensten Blüte der Schule zukam, bloß denen mit ersten Preisen für Leistung und Fleiß, wahren Perlen an Tugend und Leuchten der Frömigkeit. Doch war mir recht bald aufgefallen, dass dieses Kriterium, mochte es auch bei der Auswahl der zum Tragen der makellosen Albe Ausersehenen eine nicht unwesentliche Rolle spielen, gleichwohl Überlegungen ganz anderer Natur untergeordnet wurde, die nämlich keineswegs die seelische Schönheit betrafen. Die schändliche, uneingestehbare Wahrheit … bestand drin, dass man Chorknabe nur werden konnte, sofern man ein hübsches Gesicht hatte.“ (Michel Tournier, Der Erlkönig – 1984).

Das ist nichts Neues; die Schönheit der am Kult beteiligten Personen trägt auch zum Ausdruck der Feier bei und unterstreicht ihre göttliche Bedeutung. Schon in vorchristlichen Kulten gab es den Knaben als Diener; auf dem Parthenon-Fries ist ein solcher abgebildet, wie er mit einem Priester zusammen das neue Gewand zur Übergabe an die Stadtgöttin  Athene trägt. – Hilde Rühfel schreibt dazu:

„Von den zu höheren kultischen Funktionen ausgewählten Kindern und Jugendlichen wurde neben Würdigkeit auch äußere Schönheit gefordert. Bei den Festzügen vermochten die zarten Gestalten der Kinder, die strahlende Schönheit der Kultdienerinnen den Glanz der Feier noch zu erhöhen. Der vom Künstler des Ostfrieses vorgestellte Ministrant vereint in sich Schönheit und Würde, seine Gestalt besteht neben der von Athena, die am Fries unmittelbar hinter dem Kind erscheint. Wir sehen einen etwa zehnjährigen Knaben in den wohlausgewogenen Formen dieser Altersstufe. Sein Spielbein ist leicht zurückgesetzt, der Stand ist elastisch, die Körperhaltung von natürlicher Grazie. Der schwingende Rückenkontur gewinnt durch die rahmenden Stoffbahnen noch an Lebendigkeit. Heute sind die Gesichtszüge stark zerstört; doch an der Haltung des Kopfes wird noch etwas von der Ehrfurcht spürbar, mit der der junge Helfer seinen Auftrag ausführt.“ (Hilde Rühfel, Kinderleben im klassischen Athen – 1984)

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Herbert James Draper (1863–1920) Altar boy

Zurück zum christlichen Gottesdienst: Ein so schöner Anblick kann sogar die Kirche füllen helfen, wie es in Heinrich Bölls „Gruppenbild mit Dame“ dem jungen Alois Pfeiffer nachgesagt wird, dem freilich schon als Kind alles, was er tat, ein paar Nummern zu groß gutgeschrieben wurde. So war Alois angeblich auch ein „süßer Ministrant“:

„Nachgewiesen ist (durch die heute zweiundsechzigjährige Frau des Gastwirts Commer in Lyssemich sowie von deren Schwiegermutter, der jetzt einundachtzigjährigen Oma Commer, deren gutes Gedächtnis im ganzen Dorf gerühmt wird), daß der Kirchenbesuch stetig anstieg, solange A. in Lyssemich Ministrant war, also in den Jahren zwischen 1926 und 1933. ‚Mein Gott, wir gingen natürlich auch mal werktags öfter und sonntags in die Kristelier (welche religiöse Übung mit Kristelier gemeint ist, konnte bisher nicht geklärt werden. Der Verf.), es war eben doch zu hübsch, das Bengelchen zu sehen’ (Oma Commer).“ (Heinrich Böll, Gruppenbild mit Dame – 1971)

Vielleicht eine Überlegung angesichts sich leerender Gottesdienstgemeinden …

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