Jugend-Stil

Ernest L. Sichel, Drachenschiff (für die Zeitschrift „Jugend“, 1897)

„Selten hat Thomas Mann seine Leser so offen durch ein künstlich geschmiedetes Jugendstilgitter blicken lassen, wie er sie durch den Traum Aschenbachs in Platos Welt sehen lässt“, heißt es in Albert Soergels und Curt Hohoffs Literaturgeschichte „Dichtung und Dichter der Zeit“ zur Novelle „Der Tod in Venedig“. Die Hingebung an die Schönheit und das Schöne – wie im Fall Gustav Aschenbachs an den Knaben Tadzio – ist ein Motiv dieser Kunstepoche, die zwar mehr mit Architektur und bildender Kunst verbunden wird, die aber auch in der Literatur ihre Spuren hinterlassen hat, bei Rainer Maria Rilke, Hugo von Hofmannsthal, Eduard Stucken, um nur einige wenige zu nennen. Die Hinwendung zum Schönen, zur Jugend, zum Schmuck und zur fließenden Bewegung – all das ausgedrückt auch in der Anmut eines Knaben – findet sich in vielen Werken dieser Stilrichtung, die etwa von 1895 bis 1920 angesiedelt wird; der Name geht bekanntlich auf die 1895 gegründete Zeitschrift „Jugend“ zurück.

Auch einzelne Bild-Motive, die den Jugendstil prägen, begegnen in der Literatur dieser Zeit, wie der Schwan, dessen ruhige Bewegung im Wasser und geschwungene Gestalt mit dem langen Hals geradezu ein ornamentales Symbol der Epoche ist. Robert Walser beschreibt in einem kurzen Text „Der Schwan“ einen „schönen, zarten Knaben“ … „mit weichen blonden Locken“, der gern an einem Teich in einem Garten steht, auf dem drei Schwäne schwimmen.

Arthur Wardle, An Idyll of summer (1900)

„Natürlich liebt der Knabe diese Schwäne, und er geht öfters an den ziervollen Rand des Wassers, um kindlich über die vermeintliche Tiefe desselben nachzudenken.“ 1905 hat Robert Walser Bruder Karl neun Bilder als Wandverzierungen für das Landhaus des Verlegers S. Fischer geschaffen, die Robert Walser als Ausgangspunkt seiner kurzen Texte dienen. Im Bild „Der Schwan“ ist der Knabe „in das Kostüm vom Jahr 1830 eingekleidet“ wodurch das „etwas besonders Graziöses erhält“. Walser pflegt in seinen Texten eine ornamentale Sprache, die von Adjektiven des Schönen wie reizend, graziös und anderen durchdrungen ist.

Karl Walser, Der Schwan (1905)

Das Wasser und die Wellenbewegung sind ebenfalls ein Motiv des Jugendstils; passend dazu ein Kahn, der lautlos auf diesen Wellen dahingleitet: „Dicke Teppiche dämpften unsere Schritte. Jetzt öffnete der vorangehende Diener eine massive Bronzetür. Eine Kuppelhalle von unerhörten Dimensionen umfing uns, erfüllt von einem opalschillernden Licht, unter dessen stumpfem Glanze alle Dinge den Schein der Wirklichkeit verloren. Zwischen Palmen und kaktusartigen bizarren Pflanzen lag ein tiefblaues Wasser. Ein silberfarbener Kahn fuhr langsam und lautlos auf uns zu, ihn lenkte ein nackter Knabe von griechisch-klassischem Ebenmaß.“ (Hermann (Harry Schmitz, Der Aesthet – 1916)

Fidus (Hugo Höppener), Wasserrosen (1893)

Auch Robert Walser beschreibt eine solche Kahnfahrt: „Auf dem See, dessen Wellen die äußersten Häuser unserer Stadt treffen, fahren in einem kleinen Nachen eine Edeldame und ein Edelknabe. Die Dame ist äußerst reich und kostbar gekleidet, der Knabe bescheidener. Er ist ihr Page …“ See, Nachen, Wellen und Dame: ein Bild aus entschwundenen Zeiten, wie Walser schreibt. „Der Knabe ist auch eine Gestalt aus früheren Jahrhunderten. Pagen gibt es keine mehr. Unser Zeitalter bedarf ihrer nicht mehr. Dagegen ist der See der nämliche.“ 

Der Page hat keine wirkliche Funktion mehr; er ist wegen seiner Zierlichkeit gewissermaßen ebenfalls Ornament …  Eduard Stucken beschreibt ihn in einem Text als „zwitterhaft, Mädchen und Knabe“ und greift zur weiteren Charakterisierung auf die seinerzeit bekannten Zeichnungen von Aubrey Beardsley („Salome“) zurück, unter dessen Gestalten er den Pagen einordnet:

Aubrey Beardsley, Ein Page

Maskenball; Dandys im Frack und Dämchen in grellen Kostümen / Walzen und wirbeln und wogen und sitzen laut lachend beim Sekt. / Fremd steh ich unter Fremden, umtost von der ungestümen / Scheinlustigkeit, die Kümmernis hinter der Maske versteckt. / Süss und schmachtend das Geigenspiel der Zigeunerkapelle; / Salomes, Babys, Beardsleygestalten; – da taucht aus dem Schwarm / Eine Gestalt auf, dunkel und zierlich wie eine Libelle, / Ein hochschlanker Page, und fasst mich unter den Arm. / Zwitterhaft, Mädchen und Knabe; schwarze atlassne Hosen, / Zierdegen, Escarpins und als Schärpe ein rotseidner Schal; / Unter dem Dreimaster blondes Haar und im Haarknoten Rosen; / Unter der Spitzenlarve leuchtend der Mund, ein Fanal. / Frage mich nicht, wer ich bin, spricht mit mir tanzend der Knabe; / (Hold klingt die Stimme und fern, weither wie aus Kinderzeit!) …(Eduard Stucken, Romanzen und Elegien – 1911)

Auch der Engel, der ebenfalls als eine Art „Zwitter von schönem Knaben und Schwan“ (Rolf Schilling) gesehen wird, passt in dieses Jugendstilbild des Pagen:

Anna Lea Merritt, watchers of the strait gate (1893)

„Ich saß mitten im Garten. […] Da knarrte oben das Lattentürchen und zuerst sprang ein Hund in den Garten, ein großes hochbeiniges zierliches Windspiel. Hinter dem Hund trat, das Türchen hinter sich zudrückend, ein Engel ein, ein junger blonder schlanker Engel, einer von den schlanken Pagen Gottes. Er trug Schnabelschuhe, an der Seite hing ihm ein langer Stoßdegen und im Gürtel ein Dolch. Brust und Schultern deckte ein feiner stahlblauer Panzer, auf dem spielte die Sonne, und weise Blüten fielen auf sein dichtes langes goldblondes Haar. So ging er den Kiesweg herunter, die feine schmächtige Gestalt im enganschließenden smaragdgrünen Wams, die Ärmel von der Schulter bis zum Ellbogen gepufft, von da an eng bis über die Knöchel der hübschen Hände. Er ging langsam, zierlich, die linke Hand spielte mit dem Griff des Dolches; der Hund sprang neben des Herren Weg im Grase her, von Zeit zu Zeit mit Liebe zu ihm aufschauend. Jetzt war er kaum mehr so weit, wie ein fünfjähriges Kind den Ball wirft. (Hugo vom Hofmannsthal, Gerechtigkeit – 1893)

Noch einmal zurück zu Robert Walser. „Nicht wie ein Akrobat, nein, wie ein Engel“ erschien ihm auch ein junger Tänzer, ein Knabe auf der Bühne. Der tanzende Knabe begegnet öfter in dieser Zeit (auch bei Peter Altenberg, Anton Kuh oder Hans Simsen) und bei Walser:

Johannes Götz, Balancierender Knabe (um 1890)

Der Vorhang ging in die Höhe, alles war gespannt, was es geben würde, da trat ein Knabe auf, und der fing an zu tanzen. In einer Loge im ersten Rang saß die Königin, umringt von den Hofdamen. Der Tanz gefiel ihr so gut, daß sie sich entschloß, auf die Bühne zu gehen, um dem Knaben etwas Liebevolles zu sagen. Bald darauf erschien sie auf der Bühne, der Knabe schaute sie mit seinen jungen, schönen Augen an. Er lächelte. Da durchfuhr es die Königin wie ein Blitz, an dem Lächeln erkannte sie ihren eigenen Sohn … (Zwei Märchen – 1907)

Ein Knabe kam! Ein schlanker, schmaler Knabe im schneeweißen, enganliegenden Kleid. Das Kleid mit goldenen Rissen, Schlitzen und Umschlägen! Eine dunkelrote, großblättrige Rose im Gürtel. Es war ein wunderschöner Anblick, man rief ah! In dem ah! lag viel Liebe und Achtung und das größte Interesse. Frauen fanden das Kleid des Knaben in Verbindung mit seiner Haltung wundervoll. Die Rose schaukelte im Gürtel. Jetzt flog der Knabe mit einem Male durch die Luft, ohne daß man einen Abstoß bemerkt hatte, nicht wie ein Akrobat, nein, wie ein Engel …“ (Mehlmann – 1914)

Zukunftseuphorie und Zukunftsangst prägten diese Umbruchszeit rund um die Jahrhundertwende und danach – der Knabe im Umbruchsalter ist durchaus ein Symbol dafür. Für ihr Libretto „Josephs Legende“ (1912) beschrieben Harry Kessler und Hugo von Hofmannsthal die Hauptfigur, den Sohn des alttestamentlichen Jakob so: „Er kommt aus der Wüste, ein Hirtenknabe, der Sohn eines Fürsten. Er ist anmutig, wild und herb. Seine Gestalt ist kindlich und frisch; nichts an ihr darf süss oder weich wirken: sie schmeckt, wenn man sich so ausdrücken darf, wie ein nicht ganz reifer Apfel; er ist im Alter, wo die Stimme umkippt, das ist seine eigentliche Note. … Sein Reiz besteht, wie der jedes Knaben, in der Zukunft, die er in sich trägt.“

Hans Christiansen, Jugend (Hirtenknabe mit Hund)

Nochmals zurück zu Thomas Mann. Nach seiner Novelle „Der Tod in Venedig“ arbeitete er über zehn Jahre an dem Roman „Der Zauberberg“ (1924). In dessen Binnenerzählung „Schnee“ gerät der Protagonist Hans Castorp in einen Schneesturm, fällt in Schlaf und träumt. In einer dieser Traumvisionen sieht er eine Art Arkadien, eine Felsenlandschaft am tiefblauen Meer, bevölkert von heiteren, schönen Menschen, darunter vielen Jünglingen und Mädchen, manche „bäuchlings auf Uferplatten“. „Das ist ja reizend!, dachte Hans Castorp von ganzem Herzen.“ Diese Traumvision erinnert an Bilder des Künstlers Ludwig von Hofmann, von denen auch Thomas Mann seit 1914 eines im Arbeitszimmer hängen hatte: „Die Quelle“.

Ludwig von Hoffmann, Die Quelle (1913)

Weiterhin schaut er: „Ein schöner Knabe, dessen volles seitlich über den Kopf gelegtes Haar  vorn über der Stirn vorstand und in die Schläfe fiel, hielt sich, gerade unter seinem Sitz, mit auf der Brust verschränkten Armen … gelassen abseits.“ Ein schönes, streng geschnittenes, halbkindliches Gesicht hat der Knabe – mit einer Todesverschlosenheit, die Hans Castorp noch im Traum erschreckt: Ein Anklang an Manns Venedig-Novelle, an dessen Ende ein schöner Knabe als Engel des Todes (Hermes) Gustav Aschenbach zu sich winkt. Die Schau des schönen Arkadiens und des schönen Knaben, der aber wiederum den Blick auf eine schauerliche Szene in einem Tempel lenkt, so dass Hans Castorps Herz „aus dunklen Gründen noch schwerer, angst- und ahnungsvoller“ wird, spiegelt auch die Ambivalenz dieser Kunst-Epoche wider.

Ludwig von Hofmann, Knabenbildnis (1895)

Das sind nur ein paar Skizzen, die es lohnen, weiter ausgezogen zu werden.

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