Ikone Tadzio

Julius Hübner, Knabenkopf-Studie (1823)

In seiner Novelle „Der Tod in Venedig“ schildert Thomas Mann auch die Szene, in der Gustav Aschenbach, ein Münchener Schriftsteller, in seinem Hotel am Lido eine polnische Familie beobachtet –  eine kleine Gruppe Jugendlicher, die unter der Obhut einer Erzieherin oder Gesellschafterin um ein Tischchen versammelt saß: drei junge Mädchen, fünfzehn- bis siebzehnjährig, „und ein langhaariger Knabe von vielleicht vierzehn Jahren. Mit Erstaunen bemerkte Aschenbach, daß der Knabe vollkommen schön war“. (Thomas Mann, Der Tod in Venedig – 1913)

Ein berühmter Satz und eine bemerkenswerte Aussage, die dann im folgenden durch die Beschreibung des Knaben und seines Aussehens noch untermauert wird: das lockige Haar, das wie bei der Skulptur des „Dornausziehers“ bis in den Nacken fällt, seine feinen Gelenke, die unter den Ärmeln des mit seinen Schnüren, Maschen und Stickereien teuer wirkenden Matrosenanzuges sichtbar werden, seine Haltung aus „lässigem Anstand“, mit der er im Korbessel sitzt, die Wange in die Hand geschmiegt auf die Mutter wartend, die bald danach in dieser Runde erscheint.

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Edward Robert Hughes, Portrait of Norman Leith-Hay Clark

„Tadzio“ heißt der schöne Knabe, wie der ihn betrachtende Gustav Aschenbach später erfährt. Wer sein reales Vorbild in Thomas Manns Novelle „Der Tod in Venedig“ war, wird wohl nicht endgültig zu klären sein. Dass es dieses Vorbild gab, ist hingegen unbestritten; Katia Mann berichtet in ihren „Ungeschriebenen Memoiren“ (1983) unter anderem auch vom Venedig-Aufenthalt des Ehepaares im Jahr 1911 und bestätigt, dass sie gleich am ersten Tag im Hotel-des-Bains „diese polnische Familie“ sahen, die genau so aussah, wie ihr Mann sie in der Novelle geschildert hat – auch mit „dem sehr reizenden, bildhübschen, etwa dreizehnjährigen Knaben, der mit einem Matrosenanzug, einem offenen Kragen und einer netten Masche gekleidet war und meinem Mann sehr in die Augen stach“.

1965 gab sich der polnische Baron Władysław Moes als dieser Knabe zu erkennen, was aber bezweifelt wird, nicht zuletzt deshalb, weil er zum damaligen Zeitpunkt noch nicht einmal elf Jahre alt gewesen wäre. Vom SPIEGEL  wurde gemutmaßt, dass altersmäßig besser ein Sprössling aus dem polnischen Grafengeschlecht Dzieduszycki passen würde, Adam, „Adamciu“ gerufen, der ebenfalls mit seiner Familie oft am Lido weilte und 1911 etwa 15 Jahre alt war.

Wer auch immer, interessanter ist eigentlich, dass der literarische Tadzio selbst zum Vorbild für manch andere Knabengestalt, ja zur Ikone jungenhafter Schönheit schlechthin wurde. Doch auch die Novelle „Der Tod in Venedig“ diente als Bezugstext. 1954 veröffentlichte Wolfgang Koeppen seinen Roman „Der Tod in Rom“, der zwar inhaltlich völlig anders gelagert ist, aber in manchen Passagen und Formulierungen (unter anderem) auf Szenen und Sätze aus Manns Novelle anspielt, nicht nur im Titel. Wie etwa Gustav Aschenbach später besorgt den Ringkampf zwischen Tadzio und seinem Spielgefährten Jaschu beobachtet, so sieht in Koeppens Roman der Protagonist Siegfried Pfaffrath, ein „Tonsetzer“ (wie Adrian Leverkühn in Thomas Manns „Doktor Faustus“ und Aschenbach in Viscontis Verfilmung von „Der Tod in Venedig“), wie ein schöner Knabe von anderen Jungen rauh zu Boden geworfen wird: „Der Knabe und die Jünglinge trugen knappe dreieckige und auffallend grellrote Badehosen. Der Knabe war schön.“

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Gustav Eberlein, Dornauszieher (1895)

Obwohl Siegfried die beiden Jungen verabscheut, folgt er dem Wink des einen und steigt zum Badeschiff hinunter. Dort geht mit dem Schönen in eine Kabine, entkleidet ihn und schaut ihn an: „… er war schön, und Glück und Traurigkeit erfüllten mich beim Anblick seiner Schönheit“ – In dem Moment drängt sich einer der Jungen dazwischen, der schöne Knabe witscht aus der Tür …  So bliebt Siegfried Pfaffrath letztlich nur „ein Anblicksbegehren und eine Phantasieliebe, eine geistig ästhetische Hingabe an die Schönheit“, wie es an einer Stelle heißt und wie dies ja auch auf Aschenbach zutrifft. Natürlich werden direkte Bezüge vermieden; die Parallelität des „schönen Knaben“ zu Tadzio beschränkt sich eigentlich auf dessen statuenhafter Schönheit, die bewundernd betrachtet wird.

Doch in verschiedenen anderen Texten und Büchern ist das anders, wird Tadzio zum Inbegriff und Bild des vollkommen schönen Jungen, ähnlich wie de Skulptur des „Dornausziehers“ – den Thomas Mann bei seiner Beschreibung Tadzios auch heranzieht – zum Vorbild verschiedener Knabendarstellungen wurde. So auch in einer kurzen Reminiszenz in Doris Konradis Roman „Frauen und Söhne“ von 2007:

Beim Betrachten eines Jungen, der sich über eine Musikbox gebeut hat und immer wieder seine blonden Haare zurückwirft, die ihm nach vorn gefallen waren, muss sich die Protagonistin Cosima eingestehen, das er schön ist – und sie erschrickt zugleich über diese Erkenntnis. Ein Satz kommt ihr in den Sinn: „Mit Erstaunen bemerkte Aschenbach, daß der Knabe vollkommen schön war, erinnerte sie sich. Auch den Dichtern fiel nichts Besseres ein, oder sie waren sich der Unzulänglichkeit der Worte bewusst. Sie musste lachen und doch war die Situation im Grunde ernst.“

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Ludwig von Hofmann, Knabenbildnis (ca. 1895)

Der Journalist und Autor Ralph Giordano hatte eine eindrückliche Begegnung bei Dreharbeiten in Brasilien, wo die Kamera einen zwölf- oder dreizehnjährigen Knaben auf einer Straßenkreuzung einfing. Wie ein ein Leonardo da Vinci, gemeißelt in Fleisch und Blut, erschien er Giordano: „Das volle Haar tief in die braune Stirn, der Schmelz von Mund und Wangen, das Gesicht von einer Symmetrie, wie sie auf einem ganzen Kontinent innerhalb einer Generation nur einmal gelingen kann.“ Eine Phase höchster Vollendung, befindet er, auf der Schwelle zwischen Kindheit und Pubertät: So stand er da, unbefangen reagierend, voller Mädchenhaftigkeit und männlicher Ahnung zugleich. Tadzio aus Thomas Manns ‚Tod in Venedig‘, wiederauferstanden im nordostbrasilianischen Recife! (Ralph Giordano, Erinnerungen eines Davongekommenen – 2007)

Es sind eben oft solche flüchtigen Begegnungen, die in einem die Erinnerung an Thomas Manns Novelle wachrufen: Der isländische Literaturnobelpreisträger Halldór Laxness befand sich an Silvester 1937 in Gori im Kaukasus; er war gerade dabei, sich Notizen für eine Rede zu machen, die er auf einem Schriftstellerkongress in Tiflis halten sollte, als er einen jungen Knaben an einer Bushaltestelle entdeckte und sofort in sein Notizheft notierte: „Der Junge an der Haltestelle, seine vollkommene Schönheit, obwohl er in Lumpen gekleidet war. Wie ich plötzlich die Novelle Thomas Manns, Der Tod in Venedig, verstand. Die Faszination der Schönheit selbst, ohne jedes sexuelle Begehren, nur das Verlangen, etwas für das Schöne zu tun, sein Leben für das Schöne einzusetzen. Die Schönheit steht über allem.“

Morte

Björn Andresen in „Morte a Venezia“ (1971)

Die Rockmusikerin Patti Smith erinnert sich an eine erste Begegnung mit dem neuen Keyboarder ihrer Gruppe in New York: Über dem Victoria Theatre in der Fortyfifth Street/Ecke Broadway war ein kleiner Raum angemietet, in dem ein Klavier stand und an dem sich mehrere Keyboarder vorstellten. Ganz zum Schluss kam der Beste, der schließlich auch genommen wurde, Richard Sohl, „das Gesicht unter einer Flut blonder Locken verborgen, im Ringelhemd mit  UBootKragen und zerknitterter Leinenhose.“ Eben diese Haare und die Kleidung erinnerten sie und ihren Kollegen Lenny sofort an Tadzio aus Luchino Viscontis Film – und Richard Sohl trug fortan den Spitznamen DNV – „Death in Venice“ …  (Patti Smith, Just kids. Geschichte einer Freundschaft– 2010)

Oft ist es nicht die Novelle, sondern der Film, an den man  denkt, wenn man den Namen Tadzio hört. Das Bild des jungen Björn Andresen ist seit der Verfilmung der Novelle (1971) in Büchern, Zeitschriften und Websites als Bild Tadzios und Ikone jungenhafter Schönheit präsent, so dass auch Germaine Greers Buch „The beautiful boy“ / „Der Knabe“ mit seinem Bild geschmückt wurde. Die italienische Fassung des Buches von Gilbert Adair über den wahren Tadzio (2002) zeigt auf dem Cover natürlich Andresens Bild und trägt den bezeichnenden Untertitel: „L’icona bionda di Morte a Venezia“. Diese Überlagerung ist bedauerlich. Denn Björn Andresen war fast sechzehn, als der Film gedreht wurde, und seine Schönheit wirkt eher inszeniert als natürlich. Die kindliche Anmut jedenfalls, die Thomas Mann seinem Tadzio zuschreibt und die Gustav Aschenbach in der Novelle bezauberte, verkörpert er nicht gerade. Vielleicht war es ja doch der kleine Władysław Moes, der Thomas Mann faszinierte und den er in der Novelle nur ein wenig älter gemacht hat …

 

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