Idolino

Laurent-Honore Marqueste, Cupido (1862)

Als er den Knabenjahren beinahe entwachsen war, hätte er Bildhauern zum Modelle dienen können, so vollendet schön waren seine Formen. In den schönen Körper hatte die Natur eine Seele gepflanzt, die ganz ihrer Hülle entsprach; zu jedem Talente, jeder Kraft lagen in ihm die herrlichsten Keime. (G. H. Brander, Der Alchymist – 1837)  

Der Knabe war hübsch und ungewöhnlich groß für sein Alter. Seine Züge waren nicht nur regelmäßig, sondern trugen auch jenen edlen Ausdruck, der fast immer das sichere Zeichen eines entsprechenden Charakters ist, während die eben so kräftigen als anmuthigen Formen seines Körpers als Modell eines jugendlichen Apollo hätten dienen können.  L. du Bois, Das Geheimniß – 1860)

Zu den wiederkehrenden Motiven in der Literatur gehört auch die Feststellung, dass ein Knabe sich als Modell eines Bildhauers eignen würde oder geeignet hätte – für einen Ganymed, Cupido oder ähnliche Idealbilder jungenhafter Schönheit früherer Zeiten. Dahinter steckt auch der Wunsch, festzuhalten, was leider so vergänglich ist. Heute ist das einfach möglich, früher bedurfte es eines gemalten Bildes oder eben auch einer Skulptur.

Frau Doris aber, deren alte Augen wie gebannt an Antinous gehangen hatten, faßte den Arm des Sohnes und rief, ganz bewegt von dem Anblick, den sie genossen: „O der Schönheit! O der von den Göttern selbst gebildeten heiligen Schönheit! Pollux, Junge, man könnte meinen, der Himmlischen einer wäre auf die Erde gekommen. “ – „Sieh meine Alte,“ lachte der Künstler. „Aber wahrhaftig, Freund, sie hat Ursache zu schwärmen, und ich tue es mit ihr.“ – „Halt ihn fest, halt ihn fest,“ fiel Doris ein. „Wenn er dir erlaubt, sein Bildnis zu formen, dann kannst du der Welt etwas zeigen! […] Ob ein Kunstwerk etwas taugt oder nicht, das kann ich nur ahnen; aber was schön ist, das weiß ich so gut wie jedes andere alexandrinische Weib. Wenn dieser Knabe dir Modell steht, so bringst du etwas zustande, was die Männer entzückt und den Frauen die Köpfe verdreht, und man wird dich auch in der eigenen Werkstätte aufsuchen. Ewige Götter, mir ist zumute, als hätte ich Wein getrunken! Solche Schönheit ist doch das Höchste! Warum gibt’s nur kein Mittel, einen Leib und ein Antlitz wie das da vor dem Alter und den Runzeln zu bewahren?“ – „Ich kenne eins, Mutter,“ versetzte Pollux, indem er der Türe zuschritt. „Es heißt die Kunst; und ihr ist es gegeben, diesem sterblichen Adonis unsterbliche Jugend zu verleihen.“ (Georg Ebers, Der Kaiser – 1881)

Frans Oscar Teodor Berg, Modellerande Gosse“ (Modelling boy – ca.1878)

Die Skulptur bietet mehr als das Gemälde und die Fotographie das „Gleichmaß“ der Glieder – das schon Gustav Aschenbach beim Blick auf Tadzio in Thomas Manns „Der Tod in Venedig“ auffiel – festzuhalten. Hans Henny Jahnn trug am 6. Juni 1914 in sein Tagebuch ein:

„Bei der Opernaufführung sah ich einen großen Jungen, der war schön. Er war über die Maßen schön. […] Ich hatte in all den Stunden nur ein Gefühl: Vor ihm in die Knie sinken. Ich werde ihn wohl niemals wiedersehen; aber es ist so etwas wie ein großes Wunder auch an diesem Tag über mich gekommen, daß ich mich freuen soll. Morgen will ich noch vielmehr träumen.“ Und am nächsten Tag schrieb er: „Ich möchte ein Bildhauer sein, um die Züge dieses großen Jungen (er ist vielleicht 15 oder 16 Jahre alt) in blendend weißen Marmor zu graben. All die Linien, die ich schaute, waren in einem wunderbaren Gleichmaß gebildet. Es wäre albern, wollte ich aufzählen, wie wunderbar Nase und Mund und Ohren und Augen zueinander gefügt waren. (Hans Henny Jahnn, Tagebuch)

Thomas Mann bemühte in „Der Tod in Venedig“ auch eine Skulpur zum Vergleich für Tadzios Schönheit, wenn er schreibt: „seine Achselhöhlen waren noch glatt wie bei einer Statue“; er lässt seinen Protagonisten Aschenbach beim Blick auf Tadzios Haupt auch an eine bestimmte Statue denken, den „Dornauszieher“, eine der berühmtesten Darstellungen jugendlicher Schönheit.

Gustav Eberlein, Dornauszieher (zw. 1879 und 1885)

Phrixos war noch ein Kind und keine vierzehn Jahre alt, doch alle, die ihn sahen, glaubten einen menschgewordenen Gott zu sehen, so vollkommen erschien er einem jeden. Er war größer als die Kinder in seinem Alter, und seine Glieder waren ebenmäßig, kräftig und gut trainiert. Der Kopf schien von einem Bildhauer der Tempelschule modelliert zu sein, so gleichmäßig und gebildet waren alle Züge. Die Maler und Bildhauer in Megara und ganz Megaris schienen in einem Wettstreit zu sein, den Königssohn darzustellen, so viele Bilder und Statuen gab es von Phrixos. […] Über Megaris hinaus wurde eine Plastik bekannt und berühmt, die Phrixos nachbildete, wie er sich einen Dorn aus dem Fuß zog. (Christoph Hein, Das goldene Vlies – 2005)

Zu den bekannten Statuen zählte auch der „Idolino“ – die antike Bronzestatue eines Jünglings, die im 16. Jahrhundert ausgegraben wurde. Er diente dem Schriftsteller Ernst Penzoldt (der eine Bildhauer-Ausbildung gemacht hatte und auch Skulpturen fertigte) als Titel einer Erzählung, die von einem außergewöhnlich schönen Jungen handelt:

Der Bildhauer Heinrich wird eines Tages in das Krankenhaus gerufen, um dort von einem eben Verstorbenen eine Totenmaske zu machen. Als er das Tuch, mit dem der Tote bedeckt ist, zurückschlägt, erschrickt er vor der vollkommenen Schönheit des Gesichts dieses noch jungen Mannes. Es ließ sich mit nichts vergleichen, was er bisher sah an Ernst, Anmut und Würde des Ausdrucks. Heinrich ist erschüttert: „Er wandelte unter uns, und ich habe es nicht gewußt!“ Er beschließt, aus seinen Abdrücken und den Maßen, die er von dem Toten genommen hat, eine Skulptur von ihm zu gestalten, die er nach der antiken Figur „Idolino“ nennt. Und er spürt dem Leben des Verstorbenen nach. Dabei gewinnt er Eindrücke von seinen sonderbaren Eltern, Martin und Jakobea Vetterle und ihrem außergewöhnlich schönen Sohn Hans, seinem „Idolino“.

Ludwig von Hofmann, Idolino (1892)

„Als das Kind größer wurde, gehen und sprechen konnte, blieben die Leute auf der Straße stehen und sahen ihm nach. Sie sagten, daß es ein über die Maßen schönes und wohlgeratenes Kind sei. Ein Bild aus jener Zeit zeigt ein biederes Ehepaar mit nichtssagenden ausdruckslosen Zügen. […] Martin und Jakobea aber hießen allgemein nur noch ‚die Eltern von dem Jungen‘, und jeder wußte, was damit gemeint war. Hans mußte es allmählich ja merken, was es mit ihm für eine Bewandtnis habe. Er hörte es täglich allerorten und mußte es wohl selber glauben, daß er ungewöhnlich schön sei. Zu seinem Glücke war es jedoch nicht allen Leuten beschieden, es wahrzunehmen. […] Die Zeitungsfrau, die unweit der Brücke, die die kleinere Vorstadt mit der größeren Schwesterstadt verbindet, auf der sogenannten Alten Bastei ihre Blätter feilbot, besaß diese Einsicht. … Sie besaß eine reiche Erfahrung in Menschengesichtern und Gestalten. Aber Idolino war der erste, dessen Anblick ihr wirklich zu Herzen ging. „Mein Gott“, sagte sie. (Ernst Penzoldt, Idolino – 1935)

Hermann Hesse, der das Buch besprach, schrieb von einer „Hingabe an das Schöne schlechthin“. Und Penzoldt selbst bekannte: „Im Idolino hab ich versucht, aus der Doppeleigenschaft als Bildhauer und Schriftsteller Einblick in das Wesen des Schönen zu gewinnen und darzustellen“. (Ernst Penzoldt, Leben und Werk) 

Vgl. dazu Beitrag „Der geflügelte Knabe“

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