Hoheslied auf die Schönheit

Als „ein Hoheslied auf körperliche Schönheit, wie man es selten bei Anna Seghers findet“, beschreibt der Literaturwissenschaftler Friedrich Albrecht ihre kleine Erzählung „Der Führer“. Anna Seghers hat sie 1965 in ihrem Erzählband „Die Kraft der Schwachen“ veröffentlicht. Den Hintergrund der Geschichte bildet der sogenannte Abessinienkrieg, also der Überfall des faschistischen Königreichs Italien auf Äthiopien Mitte der 1930er-Jahre.

Claude Buck, Portrait of a young boy

Drei italienische Geologen, Rossi, Candoglio und Vecchio – Offiziere der Armee –, sollen in einer Gebirgsgegend die Ausbeute von Bodenschätzen vorbereiten und wollen für sich nach Gold suchen. Als Führer wird ihnen ein ortskundiger Junge vorgestellt, der in einem ehemaligen Kloster, nun ein Camp, einem alten Mann, der etwas Italienisch spricht, zur Hand geht.

Als der Knabe fort war, sagte Rossi: „Habt ihr gemerkt, wie schön der war?“ Vecchio erwiderte lachend: „Darauf gab ich nicht acht.“ – „Ich kann verstehen“, sagte Rossi, „daß Engel auf allen Bildern aller Maler Knaben in diesem Alter sind.“

Um den Knaben, so Friedrich Albrecht, wird eine Aura des Besonderen, ja der Auserwähltheit gelegt. Seine körperliche Schönheit wird durch keinen Hinweis auf seine Kleidung beeinträchtigt. Das Alter ist unbestimmt, seine Stimme sanft, seine Hände schmal und Gestik wird als zart und anmutig bezeichnet.

Natalya Karpukhina, Arseny

Man wandte sich mit einige Fragen, den Weg betreffend, an den Alten, den Ato, der ihnen Essen und Trinken brachte. Dabei half ihm der Knabe. Der gab auch Auskunft in einem Gemisch Italienisch-Amharisch. Rossi legte den Arm um seine Schulter, er fragte die Freunde rasch: „Habt ihr schon mal so was Schönes gesehen?“ Und wirklich, jetzt, da sie ausgeruht waren und Muße hatten zum Betrachten, bestätigten sie: Der Junge war wirklich beinah vollkommen. Ein Schimmer Gold aus der Haut heraus, aus dem Haar, aus den Augen. Und dieser niemals geknickte Schwung in jeder seiner Bewegungen von den Brauen bis in die Fingerspitzen.

Die von Seghers immer wieder genannte Goldfarbe in verschiedenen Tönungen – auch für den Himmel – lässt an Überirdisches denken, der Knabe erscheint wie ein Wesen aus einer anderen Welt. „Mein Engel“ spricht Rossi den jungen Ato in der Erstfassung der Erzählung zweimal an. Als er ihn einmal ihn mit Fragen bedrängte, weicht der Knabe aus: „Er glich einem erzürnten, von den Brauen bis zu den Zehen abflugbereiten Engel.“

Theodore Chassierau, Le jeune endormi

Immer weiter führt er sie in eine Felsenwüste, aus der es – wie sich schließlich herausstellt – kein Herauskommen gibt. Die drei Männer, inzwischen ohne Nahrung und Wasser, sind auf einem einsamen schroffen Felsvorsprung angekommen: „Wir sind da“, wie der Junge sagt. Es ist das Ende, wie sie merken. Noch einmal nähert sich Rossi dem Jungen: „Hör doch, mein Junge, führ uns zurück“, und schlingt die Arme um ihn. Der Knabe zieht sich leicht in sich selbst zusammen und lässt Rossi mit leeren Händen zurück. Der Knabe hat die Fremden in eine tödliche Falle geführt, wobei er auch sich selbst opfert.

Anna Seghers, so schreibt Friedrich Albrecht in dem Buch „Bemühungen. Arbeiten zum Werk Anna Seghers 1965–2004“, „scheint eine besondere Vorliebe für diesen Knabentyp gehabt zu haben“. Schon in ihrer Dissertation (unter dem Namen Netty Reiling) über „Jude und Judentum im Werke Rembrandts“ liest man von „halbwüchsigen Knaben (den) reinen und erwartungsvollen“, die Rembrandt gemalt hat, die in eine fremde oder feindliche Umwelt versetzt sind und eine Berufung in sich haben. In der letzten Erzählung des genannten Büchleins „Die Kraft der Schwachen“ beschreibt sie „Die Heimkehr des verlorenen Volkes“. Nachdem sich die Maya-Nachfahren, die sich jahrhundertelang vor den spanischen Eroberern im Urwald versteckt gehalten hatten, nach Mexiko zurückkehrten, wurde ihnen durch Präsident Cardenas die alte Heimat Yukatán zugestanden. Hier beschreibt Seghers, dass die Priester nur bestimmte einzelne Knaben, „kluge, schönäugige, makellose, die als heilig befunden wurden, in ihren Schutz und ihre Lehre“ nahmen.

Maurice Feild, Study of a Young Boy

In ihrem Roman „Transit“ (1942) hat der nach Marseille geflüchtete Ich-Erzähler eine besondere Begegnung mit dem Kind von Bekannten: „Ich stieß auf der Treppe mit einem schmalen, dunklen Jungen zusammen, der, ein paar Stufen auf einmal nehmend, von unten heraufsprang. Er drehte sich noch einmal um, gerade, als ich mich selbst nach ihm umdrehte. Ich hatte nachprüfen wollen, ob mir mein Ankunftsfieber auch diesen Jungen verzauberte, er aber, ob ich denn wirklich der völlig Fremde, der überraschende Eindringling sei. […] Ich hatte vom ersten Augenblick an zu dem Knaben eine schmerzhafte Zuneigung. Er saß am Tisch und hörte meinen Berichten schweigend zu. Ich gab mir um seinethalben Mühe. Wozu leuchteten seine Augen? Sie würden nie etwas anderes zu sehen bekommen als eben diese Welt. – Wozu war seine Haut aus dunklem Gold? Das Mädchen, um das er einmal seine Arme legen würde, war sicher aus anderem Stoff. […] Ich hing an dem Jungen vom ersten Tag ab.

Rein, erwartungsvoll, wie einer anderen Welt zugehörig: Der gern genannte Goldton der Haut unterstreicht diese Besonderheit der Knaben in Seghers Erzählungen.

 

 

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