„Floris“

Daß es Engel gibt, daran habe ich im Ernste nie einen Augenblick gezweifelt, und ich bin fest davon überzeugt, daß Floris ein Engel war. […] Ich glaube nicht, daß Floris es wußte, daß er ein Engel war, aber eine Ahnung muß er doch davon gehabt haben, eine Erinnerung an eine Zeit, da er Flügel hatte …

So beginnt eine kleine Erzählung von Ernst Penzoldt („Floris“), in der er die Begegnung mit einem Sängerknaben beschreibt. Auf sonderbare Weise war dem Erzähler der Besuch eines Konzertes empfohlen, ja nachgerade befohlen worden, und dort, in der evangelischen Johanneskirche mit ihren harten Bänken, kam er in den Genuss einer vollendeten Stimme: „Ich hörte einen Engel singen. Nie wieder habe ich eine so holdselige, so reine Stimme gehört, so voller Wohllaut und Innigkeit, nie wieder einen so frohlockenden, überirdischen Gesang.“

Die Stadt, in der sich das alles zutrug, liegt nicht am Meer, erstaunlicherweise aber trug der Knabe mit dem berückenden Diskant einen Matrosenanzug, wie er zu seiner Zeit üblich war und bis heute bei manchen Sängerknaben-Chören üblich ist. „Floris sang nicht nur wie ein Engel der himmlischen Heerscharen, er war auch in seiner ganzen Erscheinung ‚wie ähnlich einem Engel’, allerdings trug er das silberblonde Haar unnatürlich lang, aber er hatte sonst nichts mädchenhaftes.“  Floris war gewissermaßen „ein Engel mit botticellischem Einschlag, einem Knabenbildnis ähnlich …“

Der Junge war der Solist des Knabenchores und unzweifelhaft ein Star, wie man heute sagen würde. Seine Eltern waren ängstlich um ihn besorgt, stets saßen sie bei den Konzerten, die der Erzähler fortan regelmäßig besucht, in der Nähe der Orgel, hielten die wärmenden Kleider ihres Sohnes bereit, wenn es nach dem Konzert nach Hause ging. Floris selbst schien sich nichts aus seiner besonderen Stimme zu machen. Er war auch kein „Engel“, was das Benehmen anbelangt, war schulisch eher mittelmäßig, aber bei den anderen sehr beliebt. Einmal, als die Chorknaben auf ihren Leiter warteten, verleitete er seine Kameraden dazu, auf der Empore zu tanzen, zu einem Walzer zu tanzen, den ein älterer Chorist auf der Orgel spielte. „Aber der Schüler, der mit ihm tanzte, erzählte hernach, Floris sei so leicht im Arm gewesen wie eine Feder, kaum spürbar, dass einem fast unheimlich zu Mute ward.“  Man konnte ihm auch gut auf den Mund sehen; beim Singen war er immer wohlgeformt, hatte nicht die lächerlich wirkende Verzerrung wie bei manchem erwachsenen Sänger, war „allenfalls drollig-unbekümmert, und seine für einen Buben seines Alters erfreulich gut gepflegten Zähne … waren untadelig.“

William Herbert Allen, Choir boys singing

Über Floris’ Vater lernte der Erzähler den Buben kennen. Und während er, scheu in der Gegenwart dieses Engels, Floris’ Musikalität bewunderte, staunte jener über seine Fähigkeit, Gedichte zu formulieren oder Geschichten zu schreiben. Nach einer Erkrankung und dem wochenlangen Aufenthalt in einer Klinik ging der Erzähler so bald wie möglich wieder in ein Konzert des Chores. Doch die Solistenstimme war ein andere, auch schön zwar, aber nicht die Stimme eines Engels. Nach dem Konzert traf er Floris, der ihm freimütig sagte, dass nun ein anderer Bub singe. „’Wir finden ihn sehr gut. Ich mutiere. Schauen Sie bloß.’ Er zeigte mir seine Hände. Sie stachen weit aus den Ärmeln. Der Matrosenanzug war ihm zu klein geworden. Er lüpfte die Mütze. Das Haar war kurz geschoren.“ Floris’ Stimme wurde dunkler und angenehm, war aber keine Singstimme mehr. Von seiner engelgleichen Kinderstimme hatte man glücklicherweise Schallplattenaufnahmen gemacht, doch: „Man muß Floris singen gesehen haben.“

Die Verbindung der beiden blieb über die Jahre bestehen. „Bei einem Flugversuch stürzte Floris kürzlich ab und wurde ziemlich bös zugerichtet. Als ich ihn besuchte, lächelte er mich aus den Verbänden an und sagte leise: ‚Erinnerst du dich noch an die Zeit, als ich ein Engel war?’“ (Ernst Penzoldt, Floris)

Hugo Simberg, Verwundeter Engel (Fresko)

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