Epiphanie

Das griechische Wort epiphania beschreibt in der Antike das Erscheinen und Offenbarwerden einer Gottheit oder die Ankunft und den Einzug eines als Gott verehrten Herrschers in einer Stadt. Epiphanie ist also mehr als eine besondere Erscheinung; hinter dem betrachtens- und bestaunenswerten Äußeren begegnet das Außergewöhnliche, ja Überirdische.

So etwa auch in der Novelle „Der wiederkehrende griechische Kaiser“ von Ludwig Tieck. In ihr verarbeitete Tieck das Auftreten des „falschen Balduin“ in Flandern um das Jahr 1225 als des vermeintlichen Kaisers von Konstantinopel. Kaiser Balduin galt nach der Schlacht von Adrianopel (1205) als verschollen. In der Begegnung „Balduins“ mit dem schon kranken König von Frankreich wird auch des Königs junger Sohn Ludwig beschrieben:

Der kranke König ließ sich in einer Senfte tragen, und konnte nur kurze Tagereisen machen. Der eilfjährige Dauphin, von welchem sich der König nicht gern trennte, so wie Blanka, seine Gemahlin, begleiteten ihn. Im Gefolge war auch der alte und fromme Bischof von Beauvais, der lange das Vertrauen Philipps von Frankreich genossen und der Balduin persönlich gekannt und vielerlei mit ihm verhandelt hatte. Auf der Wiese vor der Stadt wurde für die Zusammenkunft ein prächtiges großes Zelt aufgeschlagen. Der König kam an, und bewohnte in Mons das Schloß, wo ihm Johanna mit Demuth ihre Dienste widmete. Sie war entzückt, ihren Beschützer endlich zu sehn, dessen heiterer Blick und edles Antlitz sie schon im voraus sicher stellten, daß sie keinem kleinlichen Eigennutz und ähnlichen Planen, wie ihre Widersacher sie gesponnen hatten, erliegen würde. Die edle Königin Blanka tröstete und beruhigte Johannen völlig, die mit Erstaunen und Freude den Dauphin, den kleinen Ludwig, betrachtete, der wie eine überirdische Erscheinung in rührender Schönheit das Auge entzückte. […]

Alexandre Cabanel, Der heilige Ludwig wird von seiner Mutter Blanca unterrichtet

Der Dauphin, der kleine schöne Knabe Ludwig, erhob sich jetzt, trat zum Vater und sprach halblaut zu ihm: Erlaube mir jetzt, theurer Vater, daß ich zu jenem großen Mann hineile, damit dieser Balduin mich an seine Heldenbrust drücke. Ich möchte weinen, wenn ich seine Thaten erwäge und was er hat erleiden müssen. Immer ist mein Herz bewegt, wenn ich nur einen Pilgrim sehe, der Jerusalem und die heiligen Oerter besucht hat, noch mehr, wenn ich einen Krieger erblicke, der an dem Kreuzzuge Theil genommen hat. Etwas Göttliches scheint mir dann auf Erden zu wandeln. Wie mehr aber, wenn ich diesen Mann so nahe vor mir schaue, der das Wundervollste gethan und erduldet hat! Der König liebkosete dem schönen Kinde und Aller Augen waren auf die Erscheinung hingerichtet, denn Alle glaubten in dem wunderbaren Knaben eine große Zukunft zu lesen. Sie suchten sich an dieser Hoffnung zu trösten, um so mehr sie die Krankheit des Königs, der noch kein hohes Alter erreicht hatte, und sein nahes Ende bekümmerte. (Ludwig Tieck, Der wiederkehrende griechische Kaiser – 1831)

Der König starb schon ein Jahr nach dieser Begegnung und sein Sohn wurde 1226 zum Nachfolger gekrönt. Als Ludwig IX. regierte er lange Zeit in Frankreich (bis 1270) und als „saint Louis“ genießt er bis heute hohe Wertschätzung. Tiecks Beschreibung lässt den künftigen Heiligen schon ahnen. –

Eine ganz andere, doch immer noch auf das Jenseitige gerichtete Erscheinung findet sich in Otto Basils Satire „Wenn das der Führer wüsste“ (Hitler hat den II. Weltkrieg gewonnen, die Nazis erlangen Weltherrschaft); hier ist die christliche Religion durch den nordischen Kult verdrängt. Statt eines Herrgottswinkels gibt es beispielswiese jetzt in den Wohnungen eine „braune Ecke“ … Dennoch überkommen Albin Höllriegl, einem „Experte für nordische Daseinsberatung“, geradezu religiöse Anwallungen, als er bei einer Feier einen bildschönen Jungen erblickt:

James Sant, The student

Gundlfinger nahm die Hände von der Balustrade und machte mit ihnen nach hinten fingernde Bewegungen, worauf ein bis dahin verborgen gewesener Junge vortrat und ihm ein aufgeschlagenes Buch übergab. Das Kind, es mochte etwa fünfzehn Jahre alt sein, war von großer Schönheit. Ein Engelsantlitz, blaß, mit anmutig strengem Ausdruck, von halblangen, pagenhaft geschnittenen, dunkelblonden Locken umrahmt. Mehr konnte Höllriegl nicht auffassen, denn schon war die Erscheinung wieder verschwunden. Nur ein Glanzlicht der grauen (oder stahlblauen) Augen erhellte Höllriegls umdüstertes Gemüt; es war ihm, als habe der Knabe einen Moment lang just ihn angesehen. […] Die Schönheit des Knabengesichts hatte Höllriegl wie ein Blitzstrahl getroffen. Ein Bote aus einer nordisch hellen und heilen Welt! So licht und hehr mochte Siegfried als Kind ausgesehen haben – Siegfried, wenn er zugleich Grieche gewesen wäre. In diesem Kind wurden Walhall und Olymp eins. Alles, der Redner, das Publikum, die Gegenwart – es versank. Das war unwahrscheinlich! Es gab also Schönheit, gepaart mit Reinheit! Es gab ein Engelwesen auf Erden! (Otto Basil, Wenn das der Führer wüsste – 1981)

An die besondere Epiphanie einer scheinbar anderen Welt erinnert sich auch Jürgen Egyptien in einem Gedicht, das er „Epiphanie (Knabe am Meer)“ betitelt hat; vierzig Jahre liegt es zurück, dass ihn am Strand von Sylt „göttlich … ein Donnerschlag“ rührte, denn da stand:

Ein Prinz in fließenden Gewändern / mit schwarzem Haar und Bronzehaut / das weiße Kleid geziert mit Bändern / den schlanken Fuß von Gischt betaut

Im goldnen Schmelz der Sonnen leuchtet / das Antlitz wie der Kohinoor / die Wangen salbensanft befeuchtet / das Lippenpaar im Muschelflor

Auf  der glatten Stirn trug er das Zeichen, „das Kussmal einer andern Welt“. Und wie ein „Komet aus Sternenreichen“ erhellt dieser Knabe kurzzeitig seine Lebensbahn und führt seine Seele mit sich fort, schreibt Egyptien (Kalebasse. Gedichte, Verlag Edition Virgines, Düsseldorf 2015). –

Das Kurzzeitige und rasche Vergehen der Epiphanie klingt auch in der Beschreibung des jungen Wilhelm Humbodt an, der seinen Eltern als neunjähriger Knabe entrissen wurde, „eines von jenen Kindern, die wie Erscheinungen aus einer anderen Welt anmuten und früh wieder in eine andere Welt übergehen zu müssen scheinen“.

Frank Dodd, Struck by the wondrous beauty of the boy

Eine ähnliche Begegnung, wie sie Egyptien beschrieb, findet sich auch in einem Gedicht von William A. Gibbs von 1877 „The child and the man“: Am Strand von Neapel trifft ein Maler auf ein wundervoll anzusehendes Kind, das am Strand spielt: Struck by the wondrous beauty of the boy, / The painted limned him: such a face of joy / And innocence angelic, ne’er before, / Either in dreams, on on the sea or shore, / Had risen like a vision on his sight / To fill his soul with exquisite delight.

Als er Jahre später nach einem Kontrastmotiv zu dieser Erscheinung sucht, findet er es tatsächlich in einer ganz anderen Welt – in einem zum Tod verurteilten Mörder: Like a wild beast wounded in a cage; / With blood-shot eyes, blurred, sensual, hideous face – / With form distorted – without shame or grace …

Doch wie groß sein Entsetzen, als er erkennen muss, dass dieser Mann niemand anderes ist als das engelhafte Kind von damals … His heart was touched with such a shock of pain, / That on this earth he never smiled again.

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