Ein Zauberkreis

Schönheit, das weiß man, ist außerordentlich nützlich im Leben, beim Vorankommen im Beruf ebenso wie bei der Erlangung besserer Noten in der Schule; sie hilft Freunde zu gewinnen und allerlei Vorzüge zu genießen, beispielsweise verwöhnt zu werden:

Abbott Handerson Thayer, Porträt seines Sohnes Gerald

Raffa, eigentlich Raphael und vermutlich jüngstes Kind der großen Kowanda-Familie, ging in die vierte Klasse unserer Schule und war ein schöner Junge mit kohlschwarzem Haar, hellgrauen Augen, schwungvollen Wimpern und einem Teint, der auch im Winter eine sanfte Karamelfarbe hatte; überhaupt kamen mir die Rundungen von Stirn, Kinn und Nase irgendwie sahnig vor, und kaum ein Mädchen, das ihn nicht mit Leckereien verwöhnte. (Ralf Rothmann, Wäldernacht – 1994)

Aber Schönheit kann auch einsam machen. Wenn sie gepaart ist mit Stolz und Hochmut, mit Selbstverliebtheit. So, dass sie andere abstößt, nicht wegen ihrer selbst, sondern wegen der sie begleitenden Eigenschaften eines Menschen. Oder wenn sie so anders und ungewöhnlich ist, dass sie Befremden auslöst. – Wie bei dem jungen Kain Fausch, dem Sohn eines einfachen Dorfschmieds, der von so seltener Schönheit war, dass sie ihn mit der Zeit einsam machte, wie es der Schweizer Schriftsteller Ernst Zahn in einer Erzählung beschreibt: Manchmal standen die beiden, Vater und Sohn, beieinander in der Schmiede.

Joseph Hammerschmidt, Schmied mit Knabe

Der Knabe war aber so hell wie der Mann finster. Wie neu aus einer Schachtel genommen stand er da; denn die Katharina hielt ihn immer noch wie ihr Gräflein vorzeiten. Er trug wohl rauhe graue Strümpfe und aus Fauschs abgelegtem Sonntagsgewand geschnittene Hosen und Jacke. Es war hartes, unansehnliches Zeug, aber das grobe Hemdchen, das an den Aermeln und am Halse daraus hervorsah, war von leuchtendem Weiß, das in der rußigen Schmiede so sonderbar sauber sich ausnahm, daß seine Farbe gleichsam in die in die Dunkelheit hineinstach. Das war aber nicht das einzige Helle an dem Kinde.

Die Hände, die aus den Ärmeln traten, waren schmal und schlank und ganz fein und sie hatten eine geschickte Art, Unreines mit den Fingerspitzen zu fassen, ohne sich zu beschmutzen. Vollends hell aber war des kleinen Kain Haupt mit dem schlank aus dem zierlichen, ungestärkten Hemdkragen ragenden weißen Halse. Der Knabenkopf war von einer so seltenen und fast unirdischen Schönheit, daß die Katharina, die ein frommer Mensch und nicht überklug war, oft und oft mit gefalteten Händen und offenem Munde, wenn Kain sie nicht bemerkte, in seiner Nähe stand und ihn bestaunte. […]

Kain Fausch, der Knabe, wurde einsam, als er heranwuchs. Seine Gespielen entfremdeten sich ihm. Er war zu wenig wie alle andern und so schlossen sich die andern nicht fest an ihn, und dann hatte er den Namen, der immer den Spott weckte. Daheim blieb ihm die Katharina, die Magd. Die hätschelte ihn, als er zwölf Jahre alt war, noch genau so, wie sie ihn als klein gehätschelt hatte. […]

Anton Filkuka, Knabenkopf

Seit zwei Jahren trug er die auf die Schultern fallenden Locken nicht mehr, aber das Haar war noch immer lang und weich und blond, glänzte in der Sonne, und er trug es weit von der Stirn zurückgestrichen. Diese Stirn war so weiß und klar, daß auf ihr immer wie ein Leuchten war, und das Gesicht hatte nichts von seinem edeln, scharfen Schnitt verloren. Aber auch seine Gestalt war von seltenem Ebenmaß, biegsam und stark zugleich. Obwohl er im unkleidsamen, schwerfaserigen Gewand der Dörfler ging, konnte kein Fremder an ihm vorübergehen, ohne nach dem seltsam vollkommenen Menschen sich umzusehen. (Ernst Zahn, Stephan der Schmied _ 1909)

Auch Franz Werfel beschreibt in seinem Roman „Verdi. Roman der Oper“ (1924), der in Venedig spielt, ein solches Kind, das heraussticht unter den übrigen und zu keiner der Kindergruppen auf der Piazza zu gehören scheint:

Heute stand in einiger Entfernung von den taubenfütternden Kindern der Reichen und der Plebs der kleinen Gassenjungen ein Knabe, dessen Schönheit so auffallend war, daß man hätte glauben können, sie ziehe einen Kreis von Einsamkeit um das Kind. Besonders engelhaft erschien das lange metallblonde Haar in der Sonnenglorie. Der Knabe war sehr gut, ja vornehm gekleidet, im dunklen Anzug und Mäntelchen, darüber der weiße, spitzengesäumte Kragen vorstieß. Nur die Schuhe des Kleinen waren in merkwürdig abgetragenem Zustand und schienen an der Kappe geflickt zu sein.

Einen „Zauberkreis“ nennt Helene Böhlau in ihrer Erzählung „Der schöne Valentin“ diese Vereinsamung, die ihre den Titel gebende Figur ebenso umgibt wie  den kleinen, fünfjährigen Hans Fischböck in Werfels Roman. Das Andersartige, das von den Menschen, den Kindern, erspürt wird.

Valentin war der einzige Sohn. Die Mutter hatte frühe wegsterben müssen; von ihr hatte er eine für ihn überflüssige, große Schönheit ererbt. Er war schön vom Kopf bis zur Zehe, schön in seinen Bewegungen, ein Meisterstück der Natur. Bei weitem übertraf er das, was man so gang und gäbe einen schönen Knaben nennt, zu welchem Ausspruch der Anblick roter Wangen, heller Augen und krausen Haares gar leicht verleitet. Über des Instrumentenmachers Sohn schien Schönheit ausgegossen zu sein. Sie hatte ihre Heimat in ihm aufgeschlagen und bekräftigte ihr Dasein in seiner Erscheinung. Seine Schönheit war nicht lachend und heiter, war nicht das, was man reizend nennt, nicht einschmeichelnd, sondern ernst und unverständlich für viele. Der Knabe hatte etwas Unnahbares in Blick und Bewegung, und es schien, als sei das Schicksal der Vereinsamung auch ihm auf die Stirne geprägt, wie es jedem vor den anderen ausgezeichneten Menschen mit einer königlichen Gabe zugleich überkommen muß. […]

Philip Alexius de László, Richard George Archibald John Lucian Hungerford Crewe-Milnes(1911–1922) Earl of Madeley

Und wirklich war es wohl nur die körperliche Schönheit, die einen Zauberkreis um ihn zog, sonst unterschied er sich von den Knaben seines Alters nicht besonders. Kam einer an ihm vorüber und blickte ihn, weil er von der großen Schönheit des Knaben betroffen war, scharf an, wurde Valentin rot bis unter die Stirnhaare. (Helene Böhlau, Der schöne Valentin – 1886)

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