Alkibiades

Unter allen aber leuchtete der Knabe Alkibiades hervor, einer der Jüngsten zwar, aber fest schon auf den Beinen und etwas Trotziges, Keckes in seinem Wesen zur Schau tragend. Aber das Kecke und Trotzige wurde gemildert durch den Reiz seiner Schönheit. Die Bildner drängten sich herzu, um dieses noch unentwickelte, aber gleichsam in leiser Andeutung sich ankündende Muskelspiel, diese knospende Wohlgestalt, diese gleichsam auf einen verjüngten Maßstab zurückgeführte männliche Formenharmonie zu bewundern.

Albert Anker, Böckligumpen (um 1886 – Ausschnitt)

Akibiades, Politiker, Feldherr, begnadeter Redner, gehört sicherlich zu den umstrittensten, zugleich aber auch interessantesten Figuren Griechenlands der Antike. Er galt als ideal-schön, klug, tapfer und sehr eigen bis hin zur Widerspenstigkeit und Opportunität. – „Schön wie Alkibiades“ ist ein Attribut, das sogar  bis in jüngere Zeit manchen Männern beigegeben wurde (z. B. Grigori Potemkin, Claus Graf Schenk zu Stauffenberg). Schon Plutarch, der über 500 Jahre nach Alcibiades  eine kleine Biographie über ihn geschrieben hat, bemerkt dazu: „Ueber Alkibiades‘ Schönheit braucht man vielleicht nicht mehr zu sagen, als daß sie in jeder Altersstufe, in jeder Entwicklungsperiode seines Körpers wahrhaft blühend erschien. Er war Knabe, Jüngling, Mann, – aber stets machte sie ihn liebenswürdig und angenehm.“

Albert Anker, Die Knöchelspieler (1864)

Um 450 v. Chr. in einer aristokratischen Familie geboren, wuchs er nach dem frühen Tod des Vaters Kleineas im Haus seines Onkels Perikles auf. Dort bekam er die Möglichkeit, von den besten Lehren Unterricht zu erhalten – u. a. auch von Sokrates, zu dem er eine besondere, auch erotische Beziehung pflegte, die in Platons „Symposion“ angedeutet wird. Auch Friedrich Hölderlin hatte dies zu einer bemerkenswerten Ode bewogen:

„Warum huldigest du, heiliger Sokrates, / Diesem Jünglinge stets? kennest du Größers nicht?  / Warum siehet mit Liebe, / Wie auf Götter, dein Aug‘ auf ihn?“  

Wer das Tiefste gedacht, liebt das Lebendigste, / Hohe Jugend versteht, wer in die Welt geblickt, / Und es neigen die Weisen / Oft am Ende zu Schönem sich.

In seiner Biographie hat Plutarch auch einige Anekdoten aus der Knabenzeit des Alcibiades‘ aufgeführt, die ihm bezeichnend erschienen für sein Wesen.

Beim Ringen wurde er einmal fest gepackt. Um nicht zu fallen, brachte er die Finger des Gegners in die Nähe seines Mundes und wäre fähig gewesen, ihm die Hand zu durchbeißen. Da ließ der Andere, der ihn gefaßt hatte, los und sagte: „Alkibiades, du beißest ja, wie die Weiber!“–„Nein, nein,“ erwiederte er, – „aber wie die Löwen!“ (Putarchs ausgewählte Biographien, deutsch von Ed. Eyth, Stuttgart 1862)

Émile Friant, Dere Ringkampf (1889 – Ausschnitt)

Eine andere Anekdote, die Plutarch überliefert, liest sich in Friedel Thiekötters Versgedicht („Hermenfrevel oder Alkibiades auf Aigina“ – 2002) so:

einmal erzählte die Kindsklavin dem Onkel / ich war dabei – / wie er auf der Straße spielte / hingerissen ganz von Würfelspiel und / natürlich / natürlich / den anderen weit voraus und / wie immer / wie immer / nahe dem Sieg und / und der letzte Wurf sollte es bringen / den Sieg und zahlreich waren die Neider als / ein Wagen heranpreschte / – nie / nie / hatte er Angst vor Pferden – / er auf die Straße sprang um den Würfelwurf zu retten / und den Sieg / das Hochgeschrei der anderen Knaben / der Augenzahl wegen mischte sich mit Angstrufen / des nahen Unfalls wegen / vor sich bäumenden Pferden / – ich weiß es genau und hab es gesehn und / Sokrates stand neben mir – / der Fuhrmann tobte und Perikles tobte und / verbot ihm die Straße / nach der Erzählung der Kindsmagd / Alkibiades sagte: aber ich hab doch gewonnen

Natürlich wurde Alkibiades auch häufig literarisch behandelt. In seinem Roman „Aspasia“ (1875) zeigt Robert Hamerling die divergierenden Charaktereigenschaften schon an dem Kind auf. Als ein „Schönheitsroman im edelsten Sinne des Wortes“ wurde sein Buch bezeichnet, aus dem auch die Zeilen zu Beginn dieses Beitrags stammen. Hamerling zeichnet einen kecken Knaben, dem allein seines Äußeren wegen die Herzen vieler zufliegen und dessen Anmut sich nicht einmal ein Spartanerjüngling entziehen konnte, als das Haus des Perikles besuchte:

Fernand Sabbate, Ein Spartaner zeigt seinen Söhnen einen betrunkenen Sklaven (1900 – Ausschnitt)

Unbemerkt von den Frauen hatte inzwischen der Knabe Alkibiades sich ins Peristyl geschlichen, hatte den fremden, schönen Jüngling betrachtet und die letzten Worte desselben mitangehört. „Wie aber werden die spartanischen Knaben erzogen?“ fragte er, plötzlich hinter einer Säule hervortretend und mit seinem tiefdunklen prächtigen Augenpaare dem Fremden gerade ins Gesicht blickend. Dieser war überrascht durch die plötzliche Erscheinung des anmutvollen Knaben. „Das eben ist der kleine Alkibiades, der Sohn des Kleinias!“ sagte Telesippe. […] Der Fremde neigte sich zu dem Knaben herab, um ihn auf die Stirne zu küssen. – „Unbeschuht“, sagte er hierauf zu ihm, „gehen in Sparta die Knaben, schlafen auf Stroh, Schilf oder Rohr, dürfen sich niemals völlig satt essen … und es ist ihnen ausdrücklich verboten, sich öfter als ein- oder zweimal im Jahre zu baden und zu salben“ – „Pfui!“ rief der kleine Alkibiades. „Im übrigen“, fuhr der Fremde fort, „sind sie immer in Rotten zusammengeordnet und die jüngeren haben ältere zu Freunden, von welchen sie allerlei Tüchtiges zu lernen suchen, um deren Beifall sie buhlen, und welchen sie mit Leib und Seele überall ergeben sind.“ – „Wenn ich ein Sparterknabe sein und einen solchen Freund wählen müßte“, sagte der Kleine mit funkelnden Augen, „so würde ich dich wählen!“ Der Jüngling lachte und beugte sich noch einmal zu dem Knaben hinab, um ihn zu küssen. (Robert Hamerling, Aspasia – 1875)

Plutarch schreibt auch, dass Alcibiades einen kleinen Sprachfehler hatte, der aber seinem Reden etwas Gewinnendes verlieh und „den Eindruck einer vollendeten Anmuth hervorbrachte“. Darauf geht auch Hans Flesch-Brunningen unter dem Pseudonym Vincent Brun in seinem Roman „Alkibiades“ (1936) ein, als er schildert, wie die Menschen den Sechzehnjährigen nach einem Sieg im Wettkampf feierten:

Christoffer Wilhelm Eckersberg, Drei spartanische Knaben üben sich im Bogenschießen (1812 – Ausschnitt)

Alkibiades … ritt zwischen Nikiades und Polytion, seinen besten Freunden. Der Festzug bewegte sich im Schneckentempo. Die Freunde, die älter waren als unser Freund, hielten die Arme, als wollten sie ihn beschützen, um des Jüngeren Schulter, jedoch wars Zärtlichkeit. […] Am Dreiweg beim Hermes Vierkopf war eine längere Stauung eingetreten. Nur hörte mans genau. Der Wind spielte mit den zärtlichen Worten. Alles flüsterte. Sie wagten nicht, offen Beifall zu klatschen oder zu winken, dazu war er zu jung. Sie lispelten, weil viele wussten, er lisple auch. […]

„Das ist der Kleine, dem sie den Preis gegeben haben!“ „Das ist Alkibiades, der bei Perikles wohnt. Er hat auch im Laufen fünfzig Fässer öl gewonnen.“ „Er ist ein Schlingel. Sie haben mir auf der Burg erzählt, dass er derselbe ist, der in der Schule nicht Flöte spielen will, weil er Angst hat, dass ihm die Wangen platzen –“ „Weil er Angst hat, dass ihm die Schönheit verloren geht, der Schöne.“ „Der Schöne! Alkibiades! Alkibiades!“

Bereits dem Fünfjährigen werden in dem Buch „Alcibiades – der Knabe“ (August Gottlieb Meißner, 1785) alle jene späteren besonderen Eigenschaften zugeschrieben. Hier kommen Perikles und sein Freund Phidias über eine Amor-Statue auf den Jungen zu sprechen; Perikles verwundert sich darüber, woher Phidias ihn kennt. Dieser erklärt ihm, das Leukipp, der die Statue fertigte, bei Alcibiades’ Anblick den ersten Gedanken zu seinem Amor bekam, wie er sich die Keule des Herkules zum Liebesbogen umschnitzt. (Tatsächlich zeigte man zu Plinius’ Zeiten einen Amor, von welchem versichert wurde, dass er den Alcibiades in seinem Knabenalter vorstellt.) Deswegen will Phidias auch unbedingt diesen Wunderknaben sehen. Perikles lässt ihn rufen – und versichert derweil seinem Freund:

Emde Bouchardon, Amor schnitzt seinen Bogen aus der Keule des Herkules (1744)

„Wenigstens, Phidias … wirst du einen Knaben sehen, wie du vielleicht noch keinen sahest; einen Knaben, wohl fähig, wie dieser hier, die Keule des Hercules zum Liebesbogen umzubeugen. Nenne jede gute Eigenschaft, und du findest sie nicht nur im Aufkeimen; du findest sie schon in einer Stärke bey ihm, daß ein Schritt mehr, Schritt zum Übel wäre. Ehrgeizig, als hätte er die Seele des Themistokles; gefällig, als wäre er des Cimons Sohn; klug, wie ein Weib, und muthig, wie ein Mann; voll Vorzüge, aber auch leider mit jedem dieser Vorzüge selbst zu bekannt, als nicht darauf stolz zu sein …“ –

Im 17. Jahrhundert schrieb der italienische Priester Antonio Rocco, dessen Autorschaft allerdings erst viel später erkannt wurde, eine äußerst erotische Erzählung, in der Philotimos, der Lehrer, und Alkibiades, der Schüler, einen Dialog über die „sokratische Liebe“ führen. Ausführlich beschreibt Rocco das Äußere des Kleinen, der sich ein einem Alter befindet, „da die erfinderische Natur sich in reizvollem Spiel gefällt, göttliche Formen noch ohne Schärfe zu lassen, da das verliebte Auge umsonst sich bemüht, das Geschlecht zu entdecken.“ Alle Besonderheiten seiner Erscheinung werden mit schönsten Vergleichen herusgestrichen; er schließt dann: „Alles an ihm atmete Anmut, dieses unsterbliche Göttergeschenk, das man nicht durch Worte erklären kann und nicht mit den Sinnen erfassen, sondern das direkt zum Herzen spricht, das es durch zarte Zauberhand fesselt, und das durch den Anblick himmlischer Schönheit von allem Irdischen gereinigte Gedanken erweckt.“ (Antonio Rocco, Der Schüler Alcibiades – 1652)

weiterlesen:

„… diese knospende Wohlgestalt …“ – Zu Guido Fuchs` literarischer Erkundung des „schönen Knaben“

Das könnte Dich auch interessieren...