„Die Formel der Schönheit“

In seinem Roman „Mark und Bein“ (1992)  schildert Walter Kempowski die Reise, die ein Schriftsteller mit Namen Jonathan Fabricius Ende der 1980er-Jahre nach Polen unternimmt. In Danzig wird er von einer Frau angesprochen, die ihn bittet, für ihre kranke Tochter ein bestimmtes Medikament in Deutschland zu besorgen. In ihrer Wohnung wird alles Nähere besprochen; bei einem Kaffee lernt Fabricius nicht nur die kranke Maria kennen, sondern auch ihren kleinen Bruder, der hereinkommt und sich freut, dass es Schokolade und Kuchen gibt. Fabricius „wandte sich dem Kind zu, das, wenn man so etwas von einem Jungen sagen kann, schön war, wie man es selten zu sehen kriegt. Die Formel der Schönheit, die noch keiner entschlüsselt hat.“

Laszlo-Topofthemorning

Philipp de Laszlo, Top O the morning: Stephen, the second son of the artist (1912)

Gibt es das, eine „Formel der Schönheit“? Das Empfinden von Schönheit ist sehr subjektiv; Schönheit entsteht zunächst „im Auge des Betrachters“, wie man es nach Thukydides sagen kann. Was ist schön? Wann und warum sprechen wir jemandem Schönheit zu, halten ihn oder sie für hübsch? Schönheitsideale wechseln wie die Mode. Doch es gibt natürlich auch Gesetzlichkeiten, die zum Beispiel ein Gesicht als schön, harmonisch und reizvoll erscheinen lassen. Man kann Schönheit in einem gewissen Grade vielleicht auch objektiv definieren, doch läuft man damit auch in Gefahr, sie im eigenen Empfinden und ihrem unausgesprochenen Reiz zu zerstören. Die Antwort auf die Frage, wann ein Mädchen oder ein Junge als schön gilt und worin sich diese Schönheit ausdrückt, ist schwer auf eine Formel bringen.

Dennoch stellen die Schriftstellerinnen und Schriftsteller immer wieder gleiche körperliche Merkmale heraus, die einen Jungen als schön, als hübsch und anmutig erscheinen lassen. In welchem Alter auch immer – zumeist ist er schlank und gewandt, geschmeidig in seinen Bewegungen; das „edel geschnittene“ Gesicht wird oft von einer Fülle von blonden oder schwarzen oder „kastanienbraunen“ Haaren umrahmt, die als „Gelock“ in den Nacken fallen. Die Nase ist schmal und gerade, die Augen „strahlend“ oder „blitzend“, zumindest „blank“ und langbewimpert. Der Mund schön geschwungen oder kirschförmig, die Lippen von zartem Rosa; die Haut ist alabastergleich oder von zartem Braun- oder Goldton, an den Schläfen blaugeädert …

Bertrand de Lesseps, 1910, Felix Nadar

Felix Nadar, Bertrand de Lesseps (1910)

Frau Holgerman hatte allen Grund, auf ihren Jungen stolz zu sein. Ungestüm war er wohl wie ein Füllen, mitunter auch recht eigenwillig, aber dabei gut und vornehm, ein echter, kleiner Kavalier, klug und begabt, und schön, wie ein Junge es nur sein kann. Schlank und geschmeidig war er, dabei frei von jener Eckigkeit, die sonst Knaben um das zwölfte, dreizehnte Jahr herum gewöhnlich anhaftet, und braune, bis fast auf die Schultern fallende Locken umrahmten das ovale, eher bräunliche als rosige Gesicht, aus dem klare, große, von langen Wimpern umschattete Augen mit fast männlicher Energie strahlten. Kein Wunder, wenn in der ganzen Umgebung Bob von alt und jung geliebt wurde… (Hugo Bettauer, Bobbie oder die Liebe eines Knaben – 1926)

In seinem in der Antike angesiedelten Roman „Aspasia“ von 1875 beschreibt Robert Hamerling auch den jungen Alcibiades, dessen Schönheit er als verjüngten Maßstab männlicher Formenharmonie  umschreibt:

Perikles und seine Begleiter umstanden mit vielen anderen den Übungsplatz der Knaben. Es war eine Schau voll lebendiger Anmut, diese schönen, munteren, zarten, und doch schon durch die Vorübung der Palästra gekräftigten, unverderbt knospenden Knabengestalten, der purpurnen Chlamis entkleidet, im Sande der Ringschule sich tummeln zu sehen. Unter allen aber leuchtete der Knabe Alkibiades hervor, einer der Jüngsten zwar, aber fest schon auf den Beinen und etwas Trotziges, Keckes in seinem Wesen zur Schau tragend. Aber das Kecke und Trotzige wurde gemildert durch den Reiz seiner Schönheit. Die Bildner drängten sich herzu, um dieses noch unentwickelte, aber gleichsam in leiser Andeutung sich ankündende Muskelspiel, diese knospende Wohlgestalt, diese gleichsam auf einen verjüngten Maßstab zurückgeführte männliche Formenharmonie zu bewundern.

DornauszieherDas Idealbild antiker jungenhafter Schönheit sieht der Schriftsteller Christoph Hein in der berühmten Plastik des Dornausziehers, für die er den Knaben „Phrixos“ als Vorbild sieht: „Phrixos war noch ein Kind und keine vierzehn Jahre alt, doch alle, die ihn sahen, glaubten einen menschgewordenen Gott zu sehen, so vollkommen erschien er einem jeden.  […] Die Maler und Bildhauer in Megara und ganz Megaris schienen in einem Wettstreit zu sein, den Königssohn darzustellen, so viele Bilder und Statuen gab es von Phrixos. […] Über Megaris hinaus wurde eine Plastik bekannt und berühmt, die Phrixos nachbildete, wie er sich einen Dorn aus dem Fuß zog. (Christoph Hein, Das goldene Vlies – 2005)

Doch auch hier sind es eher Empfindungen als „Formeln.“ Die werden ansatzweise in dem Roman „Der Erlkönig“ („L’Ogre“ 1970/72) von Michel Tournier genannt.

Der französische Kriegsgefangene Abel Tiffauges wird in der Nationalpolitischen Lehranstalt (Napola) Kaltenborn in Ostpreußen auf die anthropometrischen Forschungen Prof. Otto Blättchens aufmerksam. Für ihn soll er in der Gegend Jagd auf möglichst schöne Kinder machen, mit denen die Napola ihre durch den Krieg gelichteten Reihen wieder auffüllen will. So hat Blättchen ihn auf einen Köhlersohn aus dem Nikolaikener Forst angesetzt, Lothar Wüstenroth mit Namen, mit hellen Haaren, veilchenblauen Augen und einem Längen-Breiten-Index des Schädels, der angeblich bei 70 liege.  Abel Tiffauges findet den Jungen, bringt ihn zur Anstalt und macht sich selbst Notizen, in denen er auch das „goldene Gesetz menschlicher Schönheit“ darlegt:

Bronzino

Bronzino, Francesco I de‘ Medici (1551)

„Diese Schönheit liegt in der Betonung der Hirnschale im Verhältnis zum Gesicht. Darin ist die ganze ästhetische Überlegenheit des Kindes über den Erwachsenen begründet. Die Hirnschale hat beim Kind schon ihre endgültige Größe erreicht; sie wächst später kaum mehr. Das Gesicht vergrößert sich zumindest auf die doppelte Fläche, und damit ist seine Schönheit dahin.“ Bei Männern und Frauen, so führt er weiter aus, die wegen ihrer Schönheit allgemein bewundert werden, habe sich etwas von diesem kindlichen Größenverhältnis zwischen Schädeldach und Gesicht erhalten. Das Kind steht jenseits des Erwachsenen; „es muss als suprahuman, als übermenschlich angesehen werden“.

Gugg-Camill(1901)

Hugo Gugg, Kinderstudie (Sein Sohn Camill – Ausschnitt – 1914)

An ein „Kindchen-Schema“ lässt sich in diesem Zusammenhang natürlich auch denken;  Werner Gustav Alex beschreibt in seinem Roman „Die Reise ans Ende des Lichts“ (2012) auch einen autistischen Jungen, der durch sein Aussehen entzückt: „Oschi war von zierlicher Gestalt, für sein Alter hochgewachsen, hatte blonde Locken und große blaue Augen, die strahlten und leuchteten, wenn er lächelte. Zusammen mit den unendlich langen Wimpern und der Stupsnase erzeugte das Kindchenschema seines Gesichtes alle nur möglichen begeisterten Reaktionen bei seinen Betrachtern.“

Der „anthropometrische Plunder“, wie Abel Tiffauges in Michel Tournier Roman die Berechnungen Prof. Blättchens nennt, versucht, auf eine Formel zu bringen, was einem als schön, ja ideal erscheint. In der Literatur fällt vor allem dieser Begriff auf, der immer wieder bei der Beschreibung eines schönen Knaben gebraucht wird: ideal oder idealisch. „Der jüngere, etwa vierzehnjährige, der uns gegenüber zu sitzen kam, war ein entzückender Knabe; er hatte ideal schöne Züge, eine reine, geistausstrahlende Stirn, überschattet von reichem Goldhaargelock, eine feingeformte Nase und tiefblaue Augen, aus denen Verstand, Güte und Energie sprachen“ (Rosa von (Henneberg) Gerold, Augenblicksbilder aus meiner Erinnerung – 1904).

Giovanni_Bellini_-_Ritratto_di_ragazzo (ca. 1475)

Giovanni Bellini, Ritratto di ragazzo (ca. 1475)

Keine Formel, aber ein über die Zeiten (auch auf Bilddarstellungen) wiederkehrendes Ideal knabenhafter Schönheit mit Merkmalen, wie sie oben genannt sind. Und es fällt auf, dass gerade heute die Jungen wieder weitgehend diesem Schema gezeigt werden: zierlich, langhaarig, ja androgyn, wenn man Bilder im Fernsehen oder in der Werbung sieht. Die Ausschreibung einer Model-Agentur (2008) für die Besetzung der Knabenrollen für die Verfilmung des Romans „Lippels Traum“ von Paul Maar liest sich entsprechend ­–­ bezeichnend auch in Bezug auf den Gegenspieler des schönen und guten Helden: „Lippel – der sensible Träumer, 10-14-jährige Junge, zartgliedrig, feine Gesichtszüge, gerne lange/längere Haare, mitteleuropäisches Erscheinungsbild. Hermann – der Fiesling, männlich, 10–14 Jahre, groß, gerne eher rundlich. Arslan – der Prinz aus dem Morgenland, männlich, 10–14 Jahre, sehr hübsch, schlank, orientalisch/südländisches Erscheinungsbild (dunklerer Teint).“

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