Prinzenrolle

Über die Maßen schön erschien mir, als ich neun Jahre alt war, ein Mitschüler und entfernter Vetter. Ich weiß noch, wie es mich beseligte, als ihn meine Mutter einmal als besonders hübsch bezeichnete. Ich hörte es im Vorüberspielen in unserm Garten bei den Turngeräten, als ich dem Schönen nachlief, ihn zu fangen. Ich sehe mich selbst dabei, als jemand andern, im Matrosenanzug und spüre doch selbst das Glücksgefühl mir über Augen und Wangen gehen.

So erinnerte sich Ernst Penzoldt an die Begegnung mit einem jungen Verwandten (Die Kunst, das Leben zu lieben – 1949). Weitläufige Verwandtschaften bringen bisweilen überraschende Begegnungen mit sich. Vor allem bei Besuchen anlässlich verschiedener Großereignisse in einer Familie, wie etwa den Feierlichkeiten anlässlich der Erstkommunion. So widerfährt es auch dem kleinen Jean, Schangala genannt, aus dem elsässischen Lautenbach. Ist die Fülle der vielen angereisten Verwandten zu dieser Feier an sich schon überwältigend, so auch noch der Anblick eines bislang nicht gekannten Vetters:

Lydia Field Emmet (?), Portrait of a boy“

Etwas später langte auch die von Freyming in Lothringen kommende Familie Schneider an. […] Schangala sieht sie zum ersten Mal. Vetter Kamill (junior) ist von betörender Schönheit, schwarz das Haar, die Augen von samtdunklem Braun, die Haut von leuchtendem Glanz, die ganze Gestalt von eleganten, feinen Maßen. Kaum angekommen, beginnt dieser Vetter zu laufen und zu springen, klettert auf die Bäume, setzt über den Bach, hüpft von einem Stein auf den anderen. Wenn er jetzt nicht fliegend in die Luft steigt, denkt Schangala, so weil er wohl nicht vor aller Welt seine Flügel breiten will. Kamill ist ebenso flink mit der Zunge, die Wörter kullern aus seinem Mund, und wenn ihm der Atem ausgeht, sinkt er lachend nieder wie ein Athlet, der glücklich daüber ist, einen Rekord gebrochen zu haben. Schangala ist umso betörter, als er vom Redeschwall kein Wort versteht, das Idiom der Lothringer ist vom Oberelsässischen sehr verschieden. Schangala ist froh darüber, einen kleinen Prinzen zum Vetter zu haben, und dankt dem Himmel, der diesen gerade in seine Familie gesetzt hat. (Jean Egen, Die Linden von Lautenbach – 1984)

Manchmal bleibt es bei dieser beseligenden Begegnung mit einem kleinen Prinzen, manchmal hält die Bekanntschaft der Verwandtschaft auch über Jahrzehnte – und die beglückende Stimmung dazu:

Wenn Prue und ich bester Stimmung sind und die Welt uns lacht, dann unterhalten wir uns über unsern Vetter, den Pfarrer. […] Wie die milde Luft sich einstellt und alles in der Welt einhüllt, so daß Bäume und Berge und Flüsse und Städte, die Getreidefelder und das Meer durch ihre reinigende Taufe in die Ferne entrückt und zart und herrlich erscheinen, so breitet sich über alle die kleinen Ereignisse unseres Lebens sänftigend, veredelnd und erhebend, gleich einem Segen, die Erinnerung an unsern Vetter, den Pfarrer.

Auguste Renoir, Bildnis eines Knabe in Blau

Er war mein einziger Jugendgespiele. Er hatte keinen Bruder, ich hatte keinen: so wurde einer des andern Bruder. Ihm war allezeit Schönheit eigen. Seine Gesichtszüge waren regelmäßig und zart, seine Gestalt schlank und geschmeidig. Er glich dem Bilde, das man sich von einem Königssohn macht; so war gewiß Philipp Sidney anzusehen, als er noch ein Knabe war. Seine Augen waren blau, und wenn man sie anschaute, war es, als ob man in einen Junihimmel blickte. Das Blut floß dicht unter der Haut, und so hatte sein Teint die prächtige Durchsichtigkeit des Lichtes, Es lag nichts Derbes oder Plumpes in seinem Benehmen oder seiner Art, seine Seele schien seinen Körper zu beherrschen. (George William Curtis, Unser Vetter, der Pfarrer [Our Cousin the Curate, aus: Prue and I] – 1856/1906)

Nicht immer freilich passen das schöne Äußere und das Wesen überein und „scheint die Seele den Körper zu beherrschen“. Harriett Beecher Stowe, die ebenfalls aus Amerika stammende Zeitgenossin des eben zitierten George William Curtis, zeigt dies in ihrem Roman „Onkel Toms Hütte“ am Beispiel des zwölfjährigen schönen Henrique, der mit seinem Vater Alfred zu Besuch bei St. Clare in die Villa am See Pontchartrain kommt und dort seiner Cousine begegnet:

Corneille Max, Im Park

Henrique, der älteste Sohn Alfreds, war ein herrlicher Knabe mit schwarzen Augen voll Feuer und Leben und schien von dem ersten Augenblick an von der durchgeistigten Anmut seiner Cousine Evangeline ganz bezaubert zu sein. Eva besaß ein kleines Lieblingspony von schneeweißer Farbe. Es ging so leicht wie eine Wiege und war so sanft wie seine kleine Herrin; und dieses Pony führte jetzt Tom an der Veranda der Rückseite vor, während ein kleiner Mulattenknabe von ungefähr 13 Jahren einen kleinen, schwarzen Araber brachte, den Alfred eben erst mit großen Kosten für Henrique hatte aus Europa kommen lassen. Henrique hing mit dem Stolz eines Knaben an seinem neuen Eigentum; und wie er an das Pferd trat und dem kleinen Reitknecht die Zügel aus der Hand nahm, musterte er es sorgfältig, und seine Stirn verfinsterte sich. „Was ist das, Dodo, du fauler Schelm! Du hast heute früh mein Pferd nicht rein gemacht.“ […] Henrique schlug ihn mit der Reitpeitsche über das Gesicht, packte ihn bei dem einen Arme, drückte ihn auf die Knie nieder und prügelte ihn, bis er außer Atem war. (Harriett Beecher Stowe, Onkel Toms Hütte – 1852)

Eine ähnliche negative Erfahrung macht auch der junge Nikolai Petrowitsch Irtenjew in Lew Tolstois biographisch gefärbtem Roman „Kindheit“ bezüglich des von ihm angehimmelten Verwandten Sserjoscha. Auch hinter dessen schöner Fassade tun sich bisweilen Abgründe auf:

„Wolodja, Wolodja! Die Iwins!“ schrie ich, durch das Fenster drei Knaben in blauen Pelzröcken mit Biberkragen erblickend, welche mit einem jungen, stutzerhaften Hofmeister vom gegenüberliegenden Trottoir auf unser Haus zukamen. Die Iwins waren mit uns verwandt und fast genau im selben Alter; bald nach unserer Ankunft in Moskau waren wir mit ihnen bekannt geworden und hatten Freundschaft geschlossen.

Friedrich August von Kaulbach, Carl Friedrich Felix and Carola von Behr (Detail)

Der zweite Iwin – Sserjoscha – war ein brünetter, lockenköpfiger Knabe mit energischem Stumpfnäschen, sehr frischen, roten Lippen, die meist die obere, etwas vorstehende Reihe weißer Zähne sehen ließen, mit dunkelblauen, wunderschönen Augen und ungewöhnlich lebhaftem Gesichtsausdruck. Er lächelte nie, sondern sah entweder ganz ernst aus oder lachte sein helles, klares und unwiderstehliches Lachen. Seine eigenartige Schönheit fesselte mich vom ersten Augenblick an. Ich fühlte mich unwiderstehlich zu ihm hingezogen. Ihn sehen genügte, um mich glücklich zu machen, und eine Zeitlang konzentrierten sich alle meine Seelenkräfte in diesem einen Wunsche; wenn ich drei oder vier Tage verleben mußte, ohne ihn zu sehen, langweilte ich mich oder mir wurde gar zum Weinen traurig ums Herz. Wachend und träumend dachte ich an ihn: wenn ich mich zu Bett legte, wünschte ich, von ihm zu träumen; wenn ich die Augen schloß, sah ich ihn vor mir und ergötzte mich an diesem Trugbild. Niemand auf der Welt hätte ich von diesem Gefühle erzählen mögen, so teuer war es mir. […]

Beim Spielen zeigt sich Sserjoscha  gegenüber einem hinzugekommenen ärmlichen Buben namens Grapp ziemlich grausam – und die übrigen zwei Iwins sowie Nikolai und sein Bruder Wolodja folgen ihm dabei blindlings. Hatte die Liebe zu dem schönen Sserjoscha ihn blind gemacht? – „Ich begriff damals nicht, daß der Ärmste wohl weniger über den körperlichen Schmerz so weinte, als darüber, daß fünf Knaben, die er vielleicht gern hatte, sich ohne jeden Grund zusammentaten, um ihn zu hassen und zu peinigen. Ich kann mir die Grausamkeit meines damaligen Verhaltens absolut nicht erklären. Warum ging ich nicht zu ihm hin, warum verteidigte und tröstete ich ihn nicht? Wo war das Mitleid geblieben, das mir manchmal heiße Tränen entlockte, wenn ich eine aus dem Neste gefallene Dohle sah, oder ein Hündchen, das man hinter den Zaun geworfen, oder ein Huhn, das der Küchenjunge schlachten sollte? War dieses schöne Gefühl in mir ganz erstickt durch meine Liebe zu Sserjoscha und den Wunsch, mich als ein ebensolcher ‚Prachtkerl‘ zu zeigen, wie er einer war? Ich war wegen dieser Liebe und dieses Wunsches nicht zu beneiden: sie bilden die einzigen dunklen Flecken auf den Blättern meiner Kindheitserinnerungen.“ (Lew Tolstoi, Kindheit – 1852)

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