„Der schöne Enzio“

„Der schöne Enzio“ lautet eine immer wieder gebrauchte Bezeichnung für den (unehelichen) Sohn Kaiser Friedrichs II., des Staufers. Er war nicht nur ein Liebling seines Vaters, sondern in vielem ihm auch ähnlich – bis hin zu seinem strahlenden Aussehen und seinem kulturellen Interesse. Sein Ruf verblasste auch nicht, als er 1249 in Gefangenschaft geriet und bis zu seinem Lebensende 1272 in Bologna in – allerdings eher gediegener – Haft blieb; ganz im Gegenteil: Er wurde mit der Zeit zu einer romantischen Figur („Enzio mit den Ringelhaaren“ – Conrad Ferdinand Meyer, Die gezeichnete Stirne), und es wundert nicht, dass er in der Literatur auch als Kind schon entsprechend dargestellt erscheint.

„Zwischen den Säulen des riesigen Saales, dicht gedrängt unter Knappen und jungem Volk, stand mit glühendem Gesicht, die sternblauen Augen wie gebannt auf den Kaiser gerichtet, der Knabe Enzio, schlank, hoch gewachsen, wehendes Blondhaar über die heitere, frei gewölbte Stirn gewirbelt, sechzehnjährig, ganz Hingabe, Bereitschaft, im heißen Herzen schon den Anhauch künftiger Taten.“ (Hildegunde Fritzi Hechtel-Anders, Der Verwandler der Welt. Friedrich der Zweite von Hohenstaufen – 1942)

Wallerant Vaillant, Knabe mit einem Falken (Ausschnitt)

Der Name und die Erscheinung wurden Programm; ein schöner Enzio begegnet auch in anderen Trägern dieses Namens, etwa als hübscher Page im Roman „Die Zerrissenen“ von Alexander von Ungern-Sternberg oder als „Häschen“ genannter schmaler und flinker Bub in dem vielgelesenen Buch „Vanadis“ von Isolde Kurz.

Und auch bei Theodor Storm. In der Erzählung „Die Chronik von Grieshuus“ ist es der elfjährige Rolf mit seinem geringelten Goldhaar, der nicht nur seinem Lehrer, Magister Bokenfeld, ins Auge fällt, sondern auch einem kleinen Mädchen, das – auf sein Bild im Spiegel deutend –  laut „König Enzio“ ruft.

Siehe Beitrag Mädchen und Knaben

Vor allem der Roman „Enzio“ von Friedrich Huch zeichnet einen Jungen, der von einem geradezu betroffen machenden Äußeren ist. „Enzio wuchs heran zu einem Knaben von außerordentlicher Schönheit. Er war so schön, daß die Menschen auf den Straßen erstaunt stehen blieben und ihm nachsahen.“ Kein Wunder, dass er wie der Kaisersohn genannt wurde:  „’Der schöne Enzio’ hieß er auf dem Eise. Wenn er sich zeigte, gab es Zank, Eifersucht und heimliche Intrigen unter den Mädchen. Und er konnte nicht anders: Wo er selber Schönheit zu sehn glaubte, da riss es ihn unwiderstehlich hin.“ Schon dem Kind Enzio waren die Frauen zugetan:

Herr Gott! sagte Fräulein Battoni, vor Überraschung über Enzios vollendetes Gesicht beinah erschreckt, was ist dieses für ein bildschöner Junge! Das ist Ihr Sohn? Du bist ja ein bildschöner Junge! – Enzio sah sie strahlend an, sie sah ihn ebenso strahlend an, und dann streichelte sie ihm die Wange. […]

Er machte nun sehr oft Umwege am Theater vorbei, manchmal verspätete er sich, zuweilen winkte Fräulein Battoni von ferne mit dem Schirm. „Mein Engel“ nannte sie ihn stets. Einmal, als sie sagte, er müsse heut mit seinem Vater alleine gehen, sie habe einen anderen Weg, sah er sie so enttäuscht an, daß sie ausrief: „Nein, so ein entzückendes Geschöpf!“ sich schnell zu ihm niederbeugte und ihm einen vollen Kuß auf seine Lippen gab.

Enzio ist ein „musikalischer Roman“, wie der Untertitel besagt; er zeichnet das Heranwachsen eines musikalischen Kindes zum jungen Mann, der letztlich aber an sich selbst scheitert. In dessen etwas älteren und ebenfalls musikalischen Freund Richard hat Huch den jungen Wilhelm Furtwängler, den späteren weltbekannten Dirigenten, skizziert – der, wer weiß, vielleicht auch das äußerliche Vorbild für den schönen Enzio abgab. Wilhelm Furtwängler bekam ab dem dreizehnten Lebensjahr Privatunterricht von einem Studenten seines Vaters, Ludwig Curtius. Der hat seinen „auserlesenen Zögling“ so beschrieben:

„Es ist schwer, sich einen reizenderen jungen Menschen auf der Schwelle zwischen Knaben- und Jünglingsalter vorzustellen, als mein Schüler war, der eben sein dreizehntes Lebensjahr hinter sich hatte. Seine magere, geschmeidige, schlanke Figur trug alle die Jahre zu grauen Strümpfen und kurzen Sporthosen aus dunkelblauem Tuch einen dicken, weißen, wollenen Sweater, der seinen langen Hals wie mit einer Krause umgab, woraus dann das helle, blühende, blondlockige Gesicht mit dem energischen Kinn, dem schöngeschnittenen Mund mit seinem lebendigen Spiel um die Winkel und den so klugen blauen Augen emporstieg.“ (Ludwig Curtius, Deutsche und antike Welt – 1950)

Oft sind es die Namen, die in der Literatur einen besonderen Träger zieren. So finden sich auch immer wieder außerordentliche, schöne und sprechende Namen im Zusammenhang der schönen Jungen in den Büchern wie Dionys, Narziss, Raffaello, Jasmin, Phaon, die mitunter auch die Assoziation an die Schönheit eines bekannten Namensträgers wecken. Das italienische Enzio (Koseform von Enrico) klingt freilich exotischer als das deutsche Heinz oder Heinrich, und nicht selten wurden gerade wegen der Fremdartigkeit die Träger solcher Namen auch verspottet – wie Tonio Kröger in Thomas Manns gleichnamiger Novelle, der, sich in sein Schicksal ergebend, sagt:  „Ja, es ist ein alberner Name, ich möchte, weiß Gott, lieber Heinrich … heißen, das könnt ihr mir glauben.“

 

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