Der Hyazinthen-Knabe

Daniele Ranzoni, Richard Arthur Surtees

Ich gehe mit Harry auf einer abendlichen Brücke Venedigs. Wir sind sehr glücklich und halten uns eng umschlungen. Da sehen wir, am Brückenrand gelehnt, einen berückend schönen Knaben stehen. Er ist sehr schlank, und seine pagenartig geschnittenen Kleider schimmern in zarten, mondhaften Farben. Statt der Haare wachsen ihm blaue Hyazinthenblüten, umlocken in reichen Trauben ein traumverlorenes Kinderantlitz. Sowie er uns sieht, kommt er uns lächelnd entgegen und schmiegt sich zärtlich weich an unsere Körper. Ein Duften, schwer und betäubend wie von tausend Hyazinthen, strömt uns entgegen. Innig tauche ich meine Hände in die dichten Blütenlocken, die sich wunderbar kühl und wächsern anfühlen. „Wie schöne Haare der Kleine hat,“ sage ich entzückt zu meinem Geliebten. “ Willst du eine Locke zum Andenken?“ fragt mit wohltönender Stimme der Knabe. Und während ich versonnen zustimmend nicke, löst er mit seinen spitzenzarten Kinderhänden eine große Blüte und reicht sie mit einer kleinen stolzen Gebärde. Doch wie meine Finger die Blume berühren, ist der Knabe verschwunden, und auch der Geliebte ist von meiner Seite gewichen. – Einsam stehe ich auf der Brücke, die sich in immer nächtlicheres Dunkelblau hüllt. Aber ich halte die Hyazinthe und fühle sie tief, als ob sie aus meinen eigenen Händen wüchse. (Francisca Stoecklin, Der Hyazinthenknabe – Traumwirklichkeit, 1923)

Jean Broc, Der Tod des Hyazinth

Die Geschichte von Apoll und Hyazinth ist bekannt: „Der Gott des Tages stieg aus Liebe zu einem schönen Hirtenknaben oft zur Erde und ergötzte sich mit ihm in mancherlei Spielen. Eines Tages warf er die Wurfscheibe hoch, sehr hoch. Wie Kinder thun, sprang der Knabe zum Orte, wo die Scheibe zur Erde fallen mußte, um sie seinem göttlichen Freunde vielleicht zu einem noch höheren Wurfe wieder zu bringen; er langte in dem Momente an, wie sie mit einer Heftigkeit fiel, die sie wieder von der harten Erde aufschlagen machte. Sie traf die zarte Schläfe des schönen Hyazinth. Der Gott eilt hinzu, nimmt den blutenden Knaben auf den Schooß, wie um Hülfe flehend umschlingt dieser seinen Hals mit den Armen, die im nämlichen Augenblicke im Tode erstarrend wieder niedersinken.“ (Johanna Schopenhauer, Jugendleben und Wanderbilder – 1839)

Die tragische Liebesgeschichte hat zahlreiche Schriftsteller und Dichter, Maler und Bildhauer  inspiriert. Für seine Marmorstatue „Hyacinthe“ hat François Joseph Bosio seinen dreizehnjährigen Sohn als Modell gewählt.

Wolfgang Amadeus Mozart nahm sich der Geschichte an (Apollo et Hyacinthus) und sogar in eine Bachkantate fand der mythologische Stoff Eingang:

Mit Verlangen / Drück ich deine zarten Wangen,
Holder, schöner Hyazinth.
Und dein’ Augen küss ich gerne,
Weil sie meine Morgensterne
Und der Seele Sonne sind. (Aus der Kantate „Geschwinde, ihr wirbelnden Winde“ von Joh. Seb. Bach)

Louis Bologne, Apoll lehrt Hyazinth das Lyra-Spiel

Aus dem zur Erde tropfenden Blut ließ Apollo eine Blume entstehen, die an den Knaben erinnern soll.  Die Hyazinthe ist eine Frühlingsblume (auch wenn sie inzwischen schon im Winter erhältlich ist) – als solche drückt sie Jugendfrische aus und hat vielleicht deshalb (und wegen der Geschichte ihrer Entstehung) verschiedene Dichter (wie August von Platen und Georg Trakl) und Schriftsteller zu blumigen Bildern und Frühlingsgedanken evoziert:

Daß mir dieser Frühling noch erblühte!  / O ihr Knaben! O ihr Hyazinthen! / Üppig wallt es hoch mir im Gemüte. / Hei! des groben Todes grau verfrühte / Sichelsehnsucht liegt im Kehricht hinten. / Singend springe ich mit allen Winden, / Einen Strauß will ich mir wieder binden! / Kommt ihr Hyazinthen, blaue, rote. / Holde Knaben, seid mir zu Gebote!  (Klabund)

Cicely Mary Barker, The Grape Hyacinthe Fairy

„Genossin Efron, höre ich eine vorsichtige, helle Stimme an der Tür sagen, ich kann nicht erkennen, ob es die eines Mädchens oder eines Jungen ist. Im Türrahmen steht ein schmales Kind, das aussieht wie ein Katzenjunges oder eine Hyazinthe, Sascha aus der Nachbarschaft, sieben Jahre alt, da ist ein Anruf für Sie. […] Ich ließ die Blumenvase auf der Veranda stehen und folgte dem Kind, ohne weitere Fragen zu stellen … Der Junge ging langsam vor mir her wie immer, normalerweise antwortete er nicht auf Fragen  auch wenn ich mir oft alles Mögliche einfallen ließ, Schwimmen, Angeln, Schulanfang, in der Hinsicht war er irgendwie pflanzenhaft, aber trotzdem freundlich, hatte gelernt, zu schwiegen und unsichtbar zu sein … (Riikka Pelo, Unser tägliches Leben – 2017)

In Franz Hessels kurzer Erzählung ist der Frühling Bild der erwachenden Liebe zu Hans, einem „reizenden Burschen“, der beim Theater als Edelkomparse tätig ist:

Alexander Ivanov, Studie zu Hyazinth für das Gemälde „Apollo, Hyazinth und Zypress“

Himmlischer Frühling, ich werde mir einen steifen Grog brauen dir zu Ehren, du Edelkomparse mit Engagement. So plötzlich begegne ich dir immer und so kurz. Neulich war es in einem spärlichen Garten der Vorstadt, da wo die Plätze nach Heidelberg, Deidesheim und andern westlichen Glücksgegenden heißen. Da knietest du zwischen Beeten, die Sternblümchen trugen. Du warst als Mädchen gekleidet, aber deine Knabennatur äußerte sich spöttisch: das Blütenzupfen überließest du mir. Und ein paar Tage drauf wurdest du vom heißen Sportplatz fortgetragen. Deine Stirn blutete. Ein Ball hatte sie getroffen, ich weiß nicht, ob du ein Spieler warst oder nur ein Balljunge. So jung sahst du aus. Du warst schön wie jener Hyakinthos, von dem das Apollomärchen erzählt. Mit dem Knaben jagte der Gott gern in den Wäldern, und auf dem Feld ergötzte er sich mit ihm an Spielen. Einst um Mittag schleuderten sie Diskus. Apoll warf die eherne Scheibe hoch in die Wolken.  Als sie zurück zur Erde fiel, eilte der Knabe hastig hinzu, wetteifernd seinen Wurf zu tun. Da sprang die niedergesauste abprallend vom Boden empor. Die Erde selbst schleuderte sie dem Kind ins Gesicht. Um Hyakinthos wars geschehn. Wie Veilchen und Krokus und Lilie, im Garten abgepflückt, das welkende Haupt senken, so welkte im Arm des verdüsterten Gottes das Antlitz des Knaben. Ja, dann kommt die Sage und rettet, was zu retten ist. Aus dem Blut, das aufs Gras verströmt, läßt sie die Blume sprießen, die des Knaben Namen trägt. Und die Frommen in Sparta feierten ihm zu Ehren Feste. Am ersten Tag ein Totenopfer ohne Sang und Klang. An den folgenden Tagen aber gab es fröhliche Züge, Schmaus und Flötenspiel. In die Sterne wurde er wohl auch noch versetzt, der Verlorengegangene. Aber was hilfts? Er ist immer wieder hin. (Franz Hessel, An den Frühling – Kleine Prosa, 1926–33)

Alexander Ivanov, Apollo, Hyazinth und Zypress. – Unterthalb von Hyazinth liegt der Diskus am Fels angelehnt.

In seinem Fragment von 1799, „Die Lehrlinge von Saïs“ erzählt Novalis das romantische Märchen „Hyazinth und Rosenblütchen“. Ein wunderbarer Greis lockt den Knaben Hyazinth, von dem es heißt: „Er war recht bildschön, sah aus wie gemalt, tanzte wie ein Schatz“, von seiner Kinderliebe weg. Jahrelang durchwandert der Jüngling die Welt auf der Suche nach dem Urgeheimnis. Er kommt nach Saïs vor das Bild der verhüllten Göttin, lüftet den Schleier, und entgegen tritt ihm – Rosenblütchen.

Abbott Handerson Thayer, A virgin (mit seinen Kindern Gladys, Mary und Gerald)

Gottfried Keller hat in seinen „Sieben Legenden“ gleich zwei Hyazinthen beschrieben – die treuen Gefährten der Jungfrau und frühchristlichen Heiligen Eugenia – alle drei von außergewöhnlicher Schönheit:

Sie war die Tochter eines angesehenen Römers, der mit seiner Familie in Alexandria lebte, wo es von Philosophen und Gelehrten aller Art wimmelte. Demgemäß wurde Eugenia sehr sorgfältig erzogen und unterrichtet, und dies schlug ihr so wohl an, daß sie, sobald sie nur ein wenig in die Höhe schoß, alle Schulen der Philosophen, Scholiasten und Rhetoren besuchte, wie ein Student, wobei sie stets eine Leibwache von zwei niedlichen Knaben ihres Alters bei sich hatte. Dies waren die Söhne von zwei Freigelassenen ihres Vaters, welche zur Gesellschaft mit ihr erzogen waren und an all ihren Studien teilnehmen mußten. Mittlerweile wurde sie das schönste Mädchen, das zu finden war, und ihre Jugendgenossen, welche seltsamerweise beide Hyazinthus hießen, erwuchsen desgleichen zu zwei zierlichen Jünglingsblumen, und wo die liebliche Rose Eugenia zu sehen war, da sah man allezeit ihr zur Linken und zur Rechten auch die beiden Hyazinthen säuseln oder anmutig hinter ihr hergehen, indessen die Herrin rückwärts mit ihnen disputierte. Und es gab nie zwei wohlgezogenere Genossen eines Blaustrümpfchens; denn nie waren sie anderer Meinung, als Eugenia, und immer blieben sie in ihrem Wissen um einen Zoll hinter ihr zurück, so daß sie stets recht behielt und nie befürchten mußte, etwas Ungeschickteres zu sagen, als ihre Gespielen.

Giovanni Antonio Galli, drei Märtyrerknaben

Alle Bücherwürmer von Alexandrien machten Elegien und Sinngedichte auf die musenhafte Erscheinung, und die guten Hyazinthen mußten diese Verse sorgfältig in goldene Schreibtafeln schreiben und hinter ihr hertragen. Mit jedem halben Jahre wurde sie nun schöner und gelehrter, und bereits lustwandelte sie in den geheimnisvollen Irrgärten der neuplatonischen Lehren, als der junge Prokonsul Aquilinus sich in Eugenia verliebte und sie von ihrem Vater zum Weibe begehrte. Dieser empfand aber einen solchen Respekt vor seiner Tochter, daß er trotz des römischen Vaterrechtes nicht wagte, ihr den mindesten Vorschlag zu machen, und den Freier an ihren eigenen Willen verwies, obgleich kein Eidam ihm willkommener war, als Aquilinus. Aber auch Eugenia hatte seit manchen schönen Tagen heimlich das Auge auf ihn geworfen, da er der stattlichste, angesehenste und ritterlichste Mann in Alexandrien war, der überdies für einen Mann von Geist und Herz galt. Doch empfing sie den verliebten Konsul in voller Ruhe und Würde, umgeben von Pergamentrollen und ihre Hyazinthen hinter dem Sessel. Der eine trug ein azurblaues Gewand, der andere ein rosenfarbiges und sie selbst ein blendend weißes, und ein Fremdling wäre ungewiß gewesen, ob er drei schöne zarte Knaben oder drei frisch blühende Jungfrauen vor sich sehe. (Gottfried Keller, Eugenia)

 

 

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