„Der hübsche Junge mit dem Hoop“

In diesem Augenblick aber geschieht es, daß Gimietto über den Hof läuft. Er ist ein kleiner Italiener und dreizehn Jahre etwa alt. Er hat einen blauen Matrosenanzug an, und er treibt einen roten Reifen vor sich her und ruft mit einer hellen, gebrochenen Stimme etwas in die Luft hinaus. Es ist halb Italienisch, halb Deutsch – niemand versteht es ganz. Sie spüren nur, wie seine Stimme, eine herbe, anmutsvolle, kleinen Fanfare, an ihnen vorbei und in die Höhe steigt. Sie lehnen sich alle weit vor, um den Knaben unten sehen zu können. Die fremden Ägypter haben sich plötzlich an der Hand gefaßt. Für alle ist eine Sekunde das Glück, da die Bewegung zu schauen, mit der er über den Rasen läuft – seine schmale Gestalt im blauen Anzug über das Grün der Fläche – und wie er lachend sein Gesicht verzieht, weil die Sonne ihn blendet – und wie sein Knie nackt und bräunlich sind.

Heute, da alle Nase lang ein neues Spielzeug auf den Markt kommt, um die kids zu unterhalten, kann man sich es kaum mehr vorstellen, dass über Jahrhunderte hinweg ein simpler Reifen genügte, um allerhand Spiele damit zu machen – wie der kleine Gimietto etwa, den Klaus Mann in seiner gleichnamigen Geschichte 1924 beschrieb.

Das Reifenspiel war vor allem im 19. Jahrhundert weit verbreitet, auch wenn die Kleidung (vor allem in der Oberschicht) nicht dazu angetan schien, für sich oder im Wettlauf mit anderen einen Reifen vor sich her zu treiben. Dazu benutzte man einfach die Hand oder auch ein kleine Stöckchen. Es gehört viel Geschicklichkeit dazu, den Reifen nicht kippen zu lassen, vor allem auf schwierigen Untergrund. In Theodor Fontanes letztem Roman, „Der Stechlin“ (1899), sieht Robinson, der englische Kutscher des Barons Berchtesgaden, am Fenster einen Jungen, der gerade damit beschäftigt ist:

Robinson … trat, nachdem er sich mit Erlaubnis der „Lady“ ein kurzes Pfeifchen mit türkischem Tabak angesteckt hatte, an ein Fensterchen, in dessen mit einer kleinen Laubsäge gemachten Blumenkasten rote Verbenen blühten, und sagte, während er auf den Hof mit seinen drei Akazienbäumen herunterblickte: „Wer ist denn der hübsche Junge da, der da mit seinem Hoop spielt? Hier sagen sie Reifen.“

„Das is ja Hartwigs Rudolf“, sagte Frau Imme. „Ja, der Junge hat viel Chic. Und wie er da mit dem Reifen spielt und die Hedwig immer hinter ihm her, wiewohl sie doch beinahe seine Mutter sein könnte. Na, ich freue mich immer, wenn ich ausgelassene Menschen sehe, und wenn Hartwig kommt – ich wundere mich bloß, daß er noch nicht da ist –, da können Sie ihm ja sagen, wie hübsch Sie die verwöhnte kleine Range finden. Das wird ihn freuen; er ist furchtbar eitel. Alle Portiersleute sind eitel. Aber das muß wahr sein, es ist ein reizender Junge.“

Auf vielen Bildern begegnen Jungen, die einen Reifen bei sich haben – typisches Accessoire für eine Studio-Photographie oder ein Porträt früherer Zeiten. Mitunter werden sie auch beim Reifen-Spiel dargestellt, wie es Ernst Penzoldt für ein Bild in seiner Erzählung „Die Leute aus der Mohrenapotheke“ (1938) beschreibt:

Die geweißten Gänge waren hell. Hier hingen die Bilder der ehemaligen Schlossherren: Bärlapp und Meier. Und auch in Adrians Zimmer hing offenbar einer von ihnen, und er, bei dem Gedanken, nun oft in dessen Anblick zu wohnen und sogar zu schlafen, trat an das Bild, damit vertraut zu werden. Es war das Bildnis eines Knaben in ganzer Figur, ein wenig steif gemalt. Er trug, etwa zehnjährig, schon lange weiße, röhrenartige Hosen, die bis unter die Achseln reichten und von Trägern aus ziegelrotem Leder gehalten wurden. Das Hemd, mit schmalen gelben Streifen, und Ärmeln, die oben weit, eng nach den Handgelenken zuliefen, schloß mit einem steifen Liegekragen. Der Knabe spielte Reifen. Sein Gesicht war von schwarzen Locken umweht, und Adrian beneidete es um seiner Schönheit willen. „Das bin ich“, sagte Onkel Peter und richtete daran, denn es hing ein wenig schief.

Auch wenn der Reifen auch bei den Kindern höherer Gesellschaftsschichten beliebt war, fand man ihn als einfaches Spielgerät, das sich beispielweise aus alten Holzfass-Reifen gewinnen ließ, gern bei den Jungs auf der Straße; „Trudelband“ nannte man das, später wurde im Hamburger Platt „Tüddelband“ daraus. Ein älteres Hamburger Lied von 1911 (Gebrüder Wolf – „Wolf-Trio) besingt das Reifenspiel – und dass man dabei aufpassen muss, nicht aus dem Tritt zu kommen, sonst kann es auch schmerzhaft enden … wenn man nicht ein „Hamburger Jung’“ ist.

An de Eck steiht ´n Jung mit´n Tüddelband / in de anner Hand ´n Bodderbrood mit Kees, / wenn he blots nich mit de Been in´n Tüddel kümmt / un dor liggt he ok all lang op de Nees / un he rasselt mit´n Dassel op´n Kantsteen / un he bitt sick ganz geheurig op de Tung, / as he opsteiht, seggt he: hett nich weeh doon, / ischa ´n Klacks för ´n Hamborger Jung

Auf Hochdeutsch:

An der Ecke steht ein Junge mit einem Reifen / in der anderen Hand ein Butterbrot mit Käse. / Wenn er nur nicht mit den Beinen durcheinander kommt, / und da liegt er auch schon gleich auf der Nase. / Und er stößt mit dem Kopf auf den Bordstein, / und er beißt sich ganz gehörig auf die Zunge. / Als er aufsteht, sagt er: Hat nicht weh getan, / das ist ein Kinderspiel für einen Hamburger Jungen.

 

Mitte des 20. Jahrhunderts wurde das Reifen-Spielen mit dem „Hula-Hoop“ wiederentdeckt und verbreitete sich über die Welt – nicht nur als Spielzeug, sondern auch als Gymnastikgerät. Das Treiben eines Reifens mit einem Stöckchen aber hat bis heute bei den Kindern nicht an Faszination verloren.

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