Der Felix

„Der Knabe Felix muss wunderschön gewesen sein. Auf einem zwar kleinen aber sehr ebenmässig gebauten Körper ruhte der schöne Kopf mit der hohen Stirn, den grossen schwarzen hell leuchtenden Augen, der fein gebogenen Nase, dem lieblichen Munde, umrahmt von dunkelbraunen lang auf den Rücken herabwallenden Locken; kein Wunder, dass Frauen und Mädchen, wie z. B. in Goethe’s Hause, wo er das erstemal als elfjähriger Knabe war, sich in ihn verliebten und ihn nach Kräften hätschelten. Aber nicht minder zeichnete den Knaben geistige Schönheit aus. Er war ein Wunderkind im besten Sinne des Worts.“ (Wilhelm Adolf Lampadius, Felix Mendelssohn-Bartholdy – 1886)

„Die äußere Erscheinung Felix‘, – um dieser mit ein paar Worten zu gedenken – erregte in Jedem, der mit ihm in Berührung kam, jenes angenehme Gefühl, das wir empfinden, wenn uns etwas Anmuthiges entgegentritt. Fast mädchenhaft zart war das Gesicht des Knaben und blond sein lockiges, seidenartiges Haar. Im Blick der dunkeln Augen lag etwas Sinnendes, spiegelte sich das ganze weiche Gemüth, – Erbtheil der Mutter – wieder. Der Bau des, wenn schon schlanken Körpers zeigte doch von dem größten Ebenmaas der einzelnen Glieder.“ (Moritz Horn, Der zerissene Dreiklang. Roman aus dem Leben eines Musikers – 1867)

Es war Anfangs November, im Jahre 1821, als drei Mitglieder der weimarischen Hof-Capelle, Musikdirector Goetze, erste Violine, Amad. Müller, zweite Violine, Haase, Cello, und der Schreiber dieser Zeilen, Bratsche, zu dem Herrn Geheimerath von Goethe bestellt, von dem Diener in das bekannte Zimmer, vorn heraus nach dem sogenannten Plan liegend, eingeführt wurden. Drei Pulte standen an der Seite des geöffneten Flügels für uns bereit. Auf demselben lag ein Convolut geschriebener Notenhefte. Neugierig, wie ich in Sachen der Musik immer war und noch bin, blätterte ich darin und las: Studien im doppelten Contrapunkt; ein anderes Heft war überschrieben: Fugen; ein drittes: Kanons. Dann kam: Quartett für Clavier mit Begleitung von Violine, Viola und Cello.

„Ich bin voraus gegangen, meine Herren,“ begann er dann, „um vorläufig eine Bitte an Sie zu stellen: Sie werden einen zwölfjährigen Knaben kennen lernen, meinen Schüler, Felix Mendelssohn-Bartholdy. Seine Fertigkeit als Klavierspieler, mehr wohl noch sein Kompositionstalent werden Sie wahrscheinlich in einigen Enthusiasmus versetzen. Nun ist aber der Junge eine eigene Natur; alles Dilettantengejauchze um ihn herum berührt ihn nicht, auf das Urteil der Musiker aber lauscht er begierig und nimmt jedes für blanke, echte Münze; denn der junge Kiekindiewelt ist natürlich noch zu unerfahren, um wohlwollende Aufmunterung von verdienter Anerkennung immer gehörig unterscheiden zu können. Darum, meine Herren, wenn Sie zu einem Lobgesang angeregt werden sollten, was ich immer zugleich wünsche und fürchte, so führen Sie ihn in mäßigem Tempo auf, nicht zu geräuschvoll instrumentiert, und in C-Dur, der ungefärbtesten Tonart auf. Bisher habe ich ihn vor Eitelkeit und Selbstüberschätzung bewahrt, diesen vermaledeiten Feinden alles künstlerischen Fortschreitens.“

 

Ehe wir noch auf diese etwas befremdende Anrede erwidern konnten, kam er hereingesprungen, der Felix. Ein schöner, blühender Knabe, mit entschieden jüdischem Typus, schlank und gelenk; reiches, schwarzes Lockenhaar floß ihm bis in den Nacken herab. Geist und Leben sprühten aus seinen Augen. – Er sah uns einen Augenblick neugierig an, dann trat er auf uns zu und gab jedem freundlich zutraulich die Hand, wie alten Bekannten.

Mit Felix war auch Goethe eingetreten, der unsre ehrfurchtsvolle Verbeugung freundlich grüßend erwiderte. „Mein Freund,“ sagte er, auf Zelter deutend, „hat da einen kleinen Berliner mitgebracht, der uns dieser Tage große Überraschung als Virtuose bereitete. Nun sollen wir ihn auch noch als Componisten kennen lernen, wozu ich Ihre Beihülfe erbitte. So laß uns denn hören, mein Kind, was Dein junger Kopf producirt hat.“ Bei diesen Worten strich Goethe dem Knaben über die langen Locken.

Allsobald lief dieser zu den Noten, legte die Stimmen für uns auf die Pulte, die Principalstimme auf den Flügel, und nahm eilig Platz auf dem Sessel. Zelter stellte sich hinter Felix zum Umwenden, Goethe einige Schritte seitwärts, die Hand auf den Rücken; der kleine Komponist warf einen feurigen Blick auf uns, wir legten die Bogen an, eine Bewegung von ihm mit dem Lockenhaupt, und das Spiel begann. (Johann Christian Lobe, Consonanzen und Dissonanzen – 1869)

 

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