Waldkind

Vasily Vladimirovich Pukirev, Knabe mit Vogelnest

„Mario war noch nicht zwölf Jahre alt, als seine Mutter starb. Es darf niemanden betrüben, daß dieses Buch traurig beginnt, denn es verläuft und endet fröhlich.“

Mit diesen Sätzen beginnt eines der berühmtesten Jugendbücher des letzten Jahrhunderts, das bis heute immer wieder aufgelegte Buch „Mario und die Tiere“ von Waldemar Bonsels (1928), der in unserer Zeit noch vor allem seiner „Biene Maja“ wegen bekannt ist. –

Da Marios Vater schon länger tot ist und er nicht in ein Waisenhaus will, verstaut er ein wenig Wäsche, sein Messer, Handwerkszeug, Brot und den Ring der Mutter in seinen kleinen Rucksack und verschwindet aus dem Haus – Richtung Wald, „denn er kannte das Waldleben aus guter Erfahrung und vermeinte, ein achtungsgebietender Vogelsteller und Schlingenleger zu sein …“ So zieht er aus in die Heimat seiner Kindheit und Liebe, dennMario war mit seinem Vater öfter dort. Aber die ersten Tage allein in dem großen dunklen Waldgebiet haben ihn mutlos gemacht. Da findet er eine Hütte, armselig, aber offensichtlich bewohnt. Ein altes Weib ist es, in einem hexenartigen Aufzug, aber nicht so, dass sie dem Knaben Angst einjagen könnte.

Es ist, so stellt sich im Gespräch heraus, ein Kräuterweib mit dem wunderlichen Namen Dommelfei. Sie gestattet dem Knaben, die Nacht über bei ihr zu bleiben, auch wenn sie Buben gegenüber grundsätzlich argwöhnisch ist („Schaden, wohin man sieht.“). Doch sie behält ihn auch noch nach dieser Nacht bei sich, weil er ihr offenbar imponiert, auch wenn sie das nie sagen würde. „Es schien der Alten wohl zu gefallen, dass das Kind wenig fragte und zu allem fröhlich bereit war. Sie lächelte ihn gut und grimmig zugleich an, das konnte nur sie.“

Also bleibt Mario bei ihr – und sie lehrt ihn vieles. Er fängt Fische für sie, auch andere Tiere: ein kleines Ferkel, das nicht in Dommelfeis Pfanne landet, sondern sein Gefährte wird ebenso wie eines junges Füchslein. „Sti“ und „Zinner“ heißen die beiden. Er merkt, dass nicht Schlingen legen und Vögel fangen ihm zum „Herrn des Waldes“ machen, als der er sich fühlt, sondern das Einfühlungsvermögen in Tiere und Pflanzen. Seine frühere Welt scheint weit entfernt, da greift ihn einmal unvermutet der Förster auf: Wie ein Tier verteidigt Mario sich und verbeißt sich in seine Hand,  kann aber nicht verhindern, dass der Förster ihn mitnimmt und erstmal bei sich einsperrt. Doch der Junge weiß sich nachts zu befreien und zurück in seinen Wald und zu Dommelfei zu fliehen.

Das Buch beschreibt, wie der Junge heranwächst und einen neuen Blick für die Natur erhält – und auch auf Leben und Tod. Einmal verletzt er versehentlich mit seinem Pfeil ein Rehkitz und muss nun dessen qualvollen Todeskampf miterleben. Dommelfei ist es, die dem verstörten Jungen in der Nacht in seinen schweren Träumen beisteht, ihm den Schweiß von der Stirn und das lang gewordene helle Haar zur Seite streicht.

Eines Tages zieht es Mario weiter von ihrer Hütte weg, und da kommt es zu einem ganz eigenartigen Erlebnis. Ein Hund fällt ihn an – er gehört einer Dame, die auf einem Pferd durch den Wald reitet. Sie bewundert, wie der Knabe mit dem gefährlichen Tier umgeht, und spricht ihn an.

Illustration nach Arthur Schroeter

„Noch lag ihr der Tonfall der Knabenstimme im Ohr, menschenschön und klar, und doch wie ein Laut der Natur, die den Menschen nicht kennt. […] Jedoch fast noch größer war ihr Erstaunen über die Erscheinung dieses Knaben selbst gewesen, der sein sonderbares und gutes Lebensbild so unbefangen und selbstverständlich darbot, als wäre es von Anfang der Welt bis zu diesem Tag nicht anders unter den Menschen gewesen. Das gelbe Haar, rauh und lang, rahmte das braune Gesicht mit der hellen Stirn wie fallende Lichtbüschel ein, und als der Blick das Auge des Hundes suchte, flog es wie blaues Feuer, so klar und lebendig dem Tier entgegen, dass ihr Herz sich vor Entzücken gebeugt hatte.“

Ganz allmählich und vorsichtig kommen diese zwei grundverschiedenen Menschen miteinander ins Gespräch, noch immer ist die junge Frau voller Staunen über Mario und kann nicht anders, als ihn immer nur ansehen: „Die braunen Hände suchten zur Rechten und Linken im Gürtel Halt, er presste sie an die Hüften, um ihr Beben zu verbergen. Sie sah, er suchte nach einer Antwort auf ihr Lachen, fand sie aber nicht, obwohl seine Augen klar, blau und groß vor ihrem Gesicht standen, wie zwei Sterne. Nie hatte sie Augen wie diese gesehen … wunderbar floß darüber ein warmer Glanz, den die langen Wimpern bargen, er war scheu, grundgütig und liebevoll.“ Mit der Zeit gelingt es der Frau – der Schlossherrin und eigentlichen Herrin dieses Waldes –, Mario für sich zu gewinnen; sie nimmt ihn an Kindes Statt an, weil ihr eigener Sohn ganz früh verstorben ist. So endet das, Buch wie zu Beginn angekündigt, fröhlich. –

Anna Lea Merritt, The boyish muse

Marios Schönheit, die die Frau so staunen lässt, kommt aus seinem Inneren, aus seinem Eins-Sein mit der Natur und mit sich selbst. Er ist voll und ganz ein Teil dieses Waldes, nur ein anderes Geschöpf als die Tiere, die er achtet und von denen er lernt – wie ihn auch Dommelfei einen guten Blick auf alles Lebende gibt, selbst wenn er tötet. Die Schau auf die Geschöpfe des Waldes und die Natur machen „Mario und die Tiere“  nach wie vor zu einem lesenswerten Buch, auch wenn sein Autor, nicht nur seiner antisemitischen Haltung wegen, bis heute sehr umstritten ist.

 

 

 

 

Das könnte Dich auch interessieren...