Ciske die Ratte

 

Als ich mit der Ratte das Klassenzimmer betrete, sitzen die Schüler brav über die Hefte gebeugt. Doch ich sehe, wie sich ihre Blicke abschätzend auf den Neuen richten. Der macht ein Gesicht wie ein Angeklagter, der fest entschlossen ist, die Aussage zu verweigern.

„Nun verrat uns mal, wie du heißt, Kamerad“, sage ich so ungezwungen, wie es geht.

Doch die Ratte muss etwas Unechtes, Forciertes in meiner Stimme erkannt haben. Sie starrt mich mit brennenden Augen an und schweigt. „Du leimst mich nicht“, sprechen die Augen, die Augen von einem scheuen, vorsichtigen, wilden Tier.

Die Ratte: Mit richtigem Namen heißt er Franciskus Aloysius Gerardus Vrijmoeth, aber mit diesen heiligen Namen nennt ihn kaum jemand. Allenfalls ruft man ihn „Ciske“ (nach seinem Vornamen) oder auch noch kürzer „Cis“ – doch die meisten nennen ihn einfach „die Ratte“. Er ist etwa zehn Jahre alt, als er wieder einmal auf ein andere Schule kommt. Klein ist er und schmächtig, wirkt finster, verwahrlost, verschlossen – und er ist aggressiv, auch zu seinen neuen Mitschülern, die spontan von ihm abrücken.

Sein Lehrer Bruis aber versucht, in der Ratte (wie auch er immer von ihm spricht), das Kind zu sehen, das Geduld, Liebe und Verständnis braucht. Denn die Ratte hat es ihm vom ersten Moment an angetan:

Große Augen hatte der Bursche, Augen von leidenschaftlichem Glanz. Verteufelt schön und ausdrucksvoll standen sie in dem blassen Gesicht mit den dünnen Lippen und dem farblos bleichen Haar. Im ganzen betrachtet, war er ein verlottertes Häufchen Elend. Man würde wohl bei diesem Urteil geblieben sein, wenn, ja wenn eben die Augen nicht gewesen wären. Aber die beherrschten alles.

Ciske wächst im Holland der 1930er-Jahre bei seiner Mutter auf, von der sein Vater, ein meist auf See weilender Heizer eines Frachters, getrennt lebt. Während die Mutter ihn schikaniert, abends in einer billigen Hafenkneipe arbeiten lässt und ihn schon wegen Kleinigkeiten prügelt oder in den Keller sperrt, hat Ciske zu seinem Vater ein inniges Verhältnis, wenn er denn mal an Land ist, wie auch zu dessen neuer Freundin. Und auch in seiner Klasse schließt er allmählich zu einigen Schülern eine Freundschaft: zu dem Mädchen Betje, mit der ihn die Liebe zur Natur, Blumen und Tiere, verbindet. Und zu Dorus, ein Junge, der aufgrund einer Erkrankung Beinschienen trägt. Er hat keine lange Lebenserwartung mehr. Ciske kümmert sich um ihn, holt ihn morgens in einem Wägelchen abn und bringt ihn auch heim.

Bei einem Klassenausflug ans Meer schließlich wirkt Ciske wie gelöst, er tollt mit den anderen herum, macht den Clown und geht auf den Händen. Bei der Heimfahrt fällt Lehrer Bruis auf, wie hübsch Ciske ist mit der warmen Sonnenbräune auf dem schmalen Gesicht. Alles scheint einen guten Weg zu gehen.

Aber dann kommt es doch zur Katastrophe. Seine Mutter nimmt ihm ein von Dorus geliehenes Buch („Pieter Marits“) weg,  zerreißt es und trampelt auf den Blättern herum. Im Zorn schleudert Ciske ein Messer auf sie und verletzt sie dabei tödlich. Ciske wird festgenommen und von einem Jugendrichter zu sechs Monaten Zuchtschule verurteilt, wobei ihm die dreimonatige Untersuchungshaft angerechnet wird. Eine schwere Zeit für Ciske beginnt, aber auch für Lehrer Bruis, der sich Sorgen macht, ob die Ratte sie gut überstehen wird …

Der Anstaltsleiter zeigt auf eine Tür. Als ich durch ein winziges Fensterchen schaue, sehe ich Ciske auf einer Holzbank sitzen. Er schlenkert mit den Beinen. So wie in Junge, der sich in den Ferien mal langweilt. Da sitzt sie nun, die Ratte, mein Schüler. Mein ganzes Herz habe ich an den Jungen gehängt und noch nicht verhindern können, dass das Schicksal ihn zu Boden riss.

Ein äußerst einfühlsamer Roman von Piet Bakker in einer Zeit (zwischen 1941 und 1946) geschrieben, in der die Pädagogik noch nicht überall so weit war, wie es Lehrer Bruis gegenüber „der Ratte“ ist. Bruis sieht den Jungen mit dem Herzen und entdeckt hinter dem rohen Äußeren eine Schönheit, die in dessen Inneren liegt.

„Ciske die Ratte“ ist zweimal verfilmt worden (1955 und 1984), inzwischen gibt es in Holland auch ein Musical dazu. Im Film von 1984 spielt wird Ciske von Danny de Munk und Lehrer Bruis von Hermann van Veen gespielt.

Zu dem Buch , das Ciske sich geliehen hat und das seines Mutter zerriss, siehe auch den Beitrag „Pieter Maritz“ http://tadzios-brueder.de/pieter-maritz

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