Bei der Arbeit

Schönheit hat viel mit Herkunft und Lebensumständen zu tun – die in der Literatur vielfach beschriebenen schönen Knaben entstammen oft höheren Gesellschaftschichten, in älteren Büchern zumal. Aber auch die oft schon mit jungen Jahren bis zur Erschöpfung arbeitenden Jungen werden häufig beschrieben. Der 1. September, an dem vielerorts die berufliche Ausbildung beginnt, kann den Blick auf sie lenken.

Youngcraftsman

Bastien Lepage, Young craftsman

„Eine Gestalt stand an der Straße; es schien ein junger Bursche zu sein, mit Rucksack und ohne Hut. Maria hupte, doch die Gestalt rührte sich nicht.…] Der Junge, der fast noch ein Kind war, trat jetzt so dicht an den Wagen heran, als wolle er schon einsteigen. Wirre braune Haare fielen ihm in eine schöne, klare Stirn, die Augen leuchtete dunkel, ähnlich wie bei Maria. Es war das Gesicht eines jungen Arbeiters, trotzig, in großen Linien gezeichnet, doch die Haltung des Knaben war anmutig und wunderbar sicher. Er trug kurze, kniefreie graue Hosen, einen grünen Pullover und um den Hals geschlungen einen schmalen grünen Schal aus einem merkwürdigen festen, glänzenden Gewebe.“ (Grete Weil, Erlebnis einer Reise – 1932)

Die Zeichen der körperlichen Arbeit und Anstrengung können dabei das schöne Äußere durchaus noch herausstreichen:

Ludwig Hofmann, Junge in einer Felslandschaft

Auf seinem Weg war er bis zum Tunnel unter den Gärten des Quirinals gekommen, dessen Bau damals gerade fertiggestellt worden war. Beim Eintritt bemerkte er einen Handlanger von etwa fünfzehn Jahren, der in einem Korb Kacheln aufhäufte, die zur Verkleidung der Wände bestimmt waren. Der Kalkstaub auf seinem Gesicht erhöhte den Eindruck seiner Schönheit. Die gerade Nase, die großen kastanienbraunen Augen, die schwellenden Lippen, die langen Wimpern, schwarz wie seine Haare, schufen ein edles und anmutiges Gesamtbild.

Jacques glaubte einen jener jungen Fürsten zu erblicken, deren Marmorbilder im Museum auf dem Kapitol standen, der hier zu einer knechtischen Arbeit gezwungen war. Die kurze Hose ließ seine festen und schlanken Beine frei; das Hemd mit den aufgekrempelten Ärmeln zeigte Arme, die schon den jungen Mann ankündigten. (Roger Peyrefitte, Exil in Capri – 1959)

Es gab dabei durchaus einige typische Berufe, in denen man schon früh Kinder fand, die freilich nicht selten ausgebeutet wurden, wie die Kaminkehrer (vgl. Lisa Tetzner, „Die schwarzen Brüder“) – aber auch Bäckerjungen, zumal, wenn das Äußere den Verkauf förderte:

bakersboy

Paul-Charles Chocarne-Moreau, L‘ apprenti pâtissier et le petit ramoneur

Domenico Cimarosa war der Sohn eines armen Schusters in Neapel und wurde im Jahre 1753 geboren. … Der kränkliche Vater bestimmte seinen Sohn Anfangs zum Schuhmacherhandwerk; da sich der Knabe aber bei dieser Beschäftigung über die Maßen linkisch und lässig anstellte, so wurde er in seinem vierzehnten Jahre zu einem reichen Bäcker in die Lehre gethan. Ausgezeichnet durch eine auffallende Schönheit benutzte ihn sein geiziger Meister Geromio anfangs nur dazu, Bäckerwaren aus den Straßen feil zu bieten, wo das bildhübsche Gesicht des Knaben gar manchen Käufer und noch mehr Käuferinnen anzog. Da aber Domenico bei jeder Guitarre oder Drehorgel stehen blieb, die sich hören ließ, und jedem Fiedler oder Sänger nachlief und sich um Korb oder Käufer dann gar nicht kümmerte, so wurde ihm dieses Geschäft wieder abgenommen und man benutzte ihn zu einigen leichten Dienstleistungen im Hause. (Elise Polko, Musikalische Märchen, Phantasien und Skizzen – 1864)

 

JohnGeorgeBrown

John George Brown, Shoeshine boy (1887)

Bis heute kann man in manchen Ländern auf Schuhputzerjungen treffen; manch einer kann ihrem Charme nicht widerstehen, auch wenn ihn das hinterher beim Blick auf die ruinierten Schuhe reut …

Da waren die beiden Stiefelputzjungen, die jeden Fremden am Morgen abfingen: „Cirer, m‘ sieur!“ und denen zuliebe man seine Schuhe mehrmals am Tage wichsen lässt, weil sie so schön draufspucken und sagen: comme la glace, comme la glace! Und sie werden auch spiegelblank um einen Sou. Täglich hatte ich beim Straßenfrühstück einen der braunen Bengel an jedem Bein hängen, lachend, spuckend und bürstend. Da war ein echtes arabisches Münchnerkindl, ein strahlender Junge, der seinen Haik als Zipfelmütze über dem lachenden braunen Gesicht drapiert hatte und bloss um seiner Fröhlichkeit willen einen Sou verdiente ; er erriet auch meine Nationalität, und als ich ihn fragte, woran — lachte der Schlingel: „Oh, vous êtes Allemand, les Allemands sont bons!“ (Ludwig Finckh, Biskra – 1906)

Auch zu anderen oft niederen Arbeiten wurden Kinder herangezogen:

Wir sahen eine Menge Arbeiter, an der Chaussee auf den Steinhaufen sitzend, wo sie die Steine zerschlugen, und à mesure daß diese Arbeit fortschritt, erhöhte sich ihr Sitz. Mein Reisegefährte sagte: das sind Eroberer – sie zertrümmern nur, und steigen doch durch Zerstörung. Indem stieß unser Kutscher in sein Horn, ein Zeichen der Briefpost, dem, wie bei uns, ausgewichen werden muß; der Ton kam aber so schwierig heraus und klang so jämmerlich, daß alles darüber lachte. Ein hübscher, wie Glück und Freude aussehender, obgleich fast nackter zwölfjähriger Knabe, der auf einem der Steinhaufen, auch hämmernd, saß, jauchzte vor Muthwillen auf, und rief dem sich vergebens ärgernden Kutscher nach: „Oho Freund! Eure Trompete muß den Schnupfen bekommen haben, sie ist ja so heiser wie meine alte Großmutter …“ Ein schallendes Gelächter aller Arbeiter folgte als Chorus. (Hermann Pückler-Muskau, Briefe eines Verstorbenen – 1830/31)

Bei aller Romantik des Äußeren darf nicht übersehen werden, welcher körperlicher Anstrengung und Qual oft Kinder durch die Arbeit schon in jüngsten Jahren und oft bis spät in die Nacht ausgesetzt waren – und noch vielfach sind.

Stokes-Glasscleaner

Marianne Stokes, Glasscleaner – at night

Als „Tag der Arbeit“ wird international der 1. Mai gefeier; in der katholischen Kirche ist das der Gedenktag „Josef der Arbeiter“ – das Gedächtnis des Nährvaters Jesu also, der nach biblischer Überlieferung Zimmermann – wohl eher eine Art Bauhandwerker – gewesen sein soll. Und in der Jesus-Literatur wird sein schöner göttlicher Sohn auch als fleißiger Helfer in der Werkstatt schon von Kindesbeinen an beschrieben:

Carpentry

St Joseph and the boy Jesus

Das Kind war jetzt fünf Jahre alt. Josef brachte Jesus allmählich das Handwerk eines Zimmermanns bei, indem er ihn in seiner Werkstatt auf einen Schemel setzte, damit er den Gesellen zusehen konnte. Gelegentlich bat er ihn, hie und da mit Hand anzulegen und beispielsweise die Werkstatt auszufegen, ein Werkzeug zu suchen oder kleinere Besorgungen zu machen. […] Mit acht Jahren konnte er dann bereits einen Tisch und einen Stuhl zimmern oder auch einen Holzzuber, was eine heikle Angelegenheit war, weil man das Holz nur bis zu einem ganz bestimmten Grad anfeuchten durfte, bevor der Zuber bereift wurde. […] Die Lehrlinge hatten Jesus gern. Er war geduldig, ausnehmend höflich und ausdauernd. Und er war ein schönes Kind, nicht nur was sein braunes Haar, die braunen Augen, den goldenen Schimmer seiner Haut oder auch seinen schlanken und bereits muskulösen Körper betraf, nein, auch in dem Schweigen, das ihn umgab, lag Schönheit. Diese Schönheit wurde aus Quellen genährt, die man kaum zu bestimmen vermochte. (Gérald Messadié, Ein Mensch namens Jesus – 1991)

 

 

Das könnte dich auch interessieren …