Aus der Hölle

Völlig durchnässt, verdreckt und zitternd vor Kälte wird ein schmächtiger Junge von etwa zwölf Jahren nachts in die Unterkunft des russischen Oberleutnants Galzew gebracht. Man hat den Jungen am Ufer des Dnjepr aufgegriffen, wo sich russische und deutsche Truppen 1943 gegenüber liegen. Im Widerspruch zu seinem Äußeren tritt der Junge fast herrisch auf, behauptet, vom anderen Ufer des Flusses gekommen zu sein, und verlangt, dass  im Stab die „Nummer 51“ informiert wird: „Bondarew ist hier.“ Galzew erhält tatsächlich von übergeordneter Stelle die Weisung, dem Jungen Schreibzeug für einen Bericht zu geben und für Wasser zum Waschen zu sorgen. Kleidung werde ihm gebracht. Als der Junge sich gewaschen hat und ein trockenes Hemd trägt, kommt ein ganz anderes Kind zum Vorschein, mit hellen Haaren und weißer Haut, einem breitknochigen Gesicht, in dem Galzew die Augen auffallen: „große, erstaunlich weit auseinanderstehende grüne Augen. Ich habe, glaube ich, noch nie zuvor solche Augen gesehen.“

Im Laufe der nächsten Stunden und Tage erfährt Galzew, dass der Junge mit Vornamen Iwan heißt, und auch seine traurige Geschichte bekommt er nach und nach von drei Soldaten der Aufklärungseinheit, die ihn schon länger kennen, zu hören: Iwans Vater fiel bereits am ersten Kriegstag, seine Schwester starb in seinen Armen, seine Mutter ist verschollen. Iwan hat ein Todeslager überlebt und sich den Partisanen angeschlossen, ist jetzt zwischen den Fronten als geschickter Kundschafter unterwegs. In ihm lodert ein unlöschbarer Hass auf die Deutschen, ihn bewegt nur der Gedanke der Rache. Er will nicht auf die Kadettenschule, er will jetzt kämpfen. – „Wir können uns nicht im Traum vorstellen, was er hat durchmachen müssen.“

Galzews anfängliches Misstrauen gegenüber dem eigensinnigen und störrischen Jungen wandelt sich in Zuneigung. Doch ihre Bekanntschaft ist nur von kurzer, gerade sechstägiger Dauer; am letzten Tag muss er, zusammen mit Hauptmann Cholin, Iwan nachts noch einmal zu einem neuen gefahrvollen Unternehmen hinter den feindlichen Stellungen zurück über den Fluss bringen. Iwan ist wie einer der zahllosen russischen Betteljungen gekleidet und schon wieder völlig durchnässt, als sie ihn in am feindlichen Ufer sich selbst überlassen; Oberleutnant Galtzew nimmt dieser Moment sehr mit: „‚Auf Wiedersehen!‘  flüstere ich erregt, taste in der Dunkelheit nach seiner kleinen, schmalen Hand und drücke sie fest. Ich habe den Wunsch, ihn zu küssen …, aber bevor ich ihn küssen kann, ist er in der Finsternis verschwunden.“ 

Im Mai 1945, als Galzew, der fließend Deutsch spricht („wie ein richtiger Fritz“), als Dolmetscher bei den russischen Truppen in Berlin ist, fällt ihm nach der Kapitulation Deutschlands in einem Gestapo-Gebäude eine Akte in die Hände; darin findet er das Bild eines Jungen, dessen Augen er nicht vergessen hat. Der knappe Vermerk lautet, dass  Iwan im Dezember 1943  gefangen genommen, verhört und wegen seiner feindlichen Einstellung gegenüber den Deutschen nach den Richtlinien des Oberkommandos der Wehrmacht am 25. 12. 1943 um 6:55 Uhr erschossen wurde.

„Iwan“ – eine kurze, aber sehr eindrückliche und bedrückende Geschichte des russischen Schriftstellers Wladimir Bogomolow aus dem Jahr 1957. In Deutschland erschien sie unter dem Titel „Leuchtspur über den Strom“ oder „Iwans Kindheit“. Unter diesem Titel ist sie auch von dem sowjetischen Filmemacher Andrei Tarkowski verfilmt worden. „Iwans Kindheit“ bekam mehrere Preise, unter anderem bei den Filmfestspielen in Venedig 1962. Anders als die Erzählung zeigt der Film, der wie ein Kammerspiel wirkt, in kurzen „Traumsequenzen“ die frühere Kindheit des Jungen – Iwan beim Spiel mit seiner kleinen Schwester und anderen Kindern, zusammen mit seiner Mutter. Träume, aus denen er schreiend auffährt: „Mama!“ Ein bedrückender Kontrast umso mehr, als in diesen Traumbildern auch die Anmut und Schönheit des Knaben dargestellt wird, der noch nicht von den Gräueln des Kriegs gezeichnet ist. Der Film ist inzwischen als dvd auch mit deutschen Untertiteln erhältlich; auf youtube kann man ihn sich mit englischen Untertiteln ansehen:

Es geht nicht um „Schönheit – Liebe – Tod!“ oder darum, „den Jungen sterben zu lassen, damit seine kindliche Schönheit nicht vergeht“, wie einmal geschrieben wurde. Die Geschichte wie der Film zeichnen ein Kind, in dem alles Gefühlsmäßige abgestorben zu sein scheint, dessen „Kindheit“  einzig der Krieg ist. Nur gelegentlich blitzt bei ihm Freude auf, etwa wenn sein „Freund“, der Offizier Cholin, kommt: „Bei Cholins Anblick sprang der Junge auf und lächelte. Lächelte zum ersten Male, glücklich, ganz wie ein Kind lächelt.“ Zugleich werden die Gefühle der verschiedenen Soldaten ihrem  „Wanjuscha“  gegenüber zum Ausdruck gebracht, den sie bewundern und achten, um den sie sich sorgen. Galzew, der selbst gerade einmal 21 Jahre alt ist, als er Iwan begegnet, hegt fast mütterliche Gefühle für ihn. – Jean Paul Sartre schrieb dazu: „Ich kenne nichts Bewegenderes als diese lange, unendlich langsame, zum Zerreißen gespannte Sequenz am Fluß: trotz ihrer Angst und ihrer Unsicherheit (war es richtig, ein Kind solchen Gefahren auszusetzen?) sind die Offiziere, die ihn begleiten, von verzweifelter, erschreckender Zärtlichkeit erfüllt.“ (http://www.filmzentrale.com/rezis/iwanskindheitkk.htm)

Iwan scheint in sich abgestorben, bevor er stirbt; der tote Baum am Ende des Films – Gegenstück zu den blühenden Bäumen am Beginn – ist Ausdruck dessen und zugleich der Hölle, die der Krieg über alle bringt.

Ein wenig erinnern die Erzählung „Iwans Kindheit“ wie auch deren Protagonisten an eine Passage aus Valdemar Adolf Thisteds „Briefe aus der Hölle“ (1884):

Nachdem ich monatelang für alles teilnahmlos, wie lebendig tot gewesen, sollte ich hier den ersten Gegenstand finden, der mein Interesse wieder erweckte, mich selbst wieder ins Leben zurückrief.

Scott Henry Tuke, Drinking

Es war ein zerlumpter, acht- oder neunjähriger Knabe, dessen Mutter zu einer herumziehenden Zigeunertruppe gehörte. Als diese kurz vorher sich aufgelöst hatte, fand man ihre Leiche in einem nahe gelegenen Heidesumpf. Es war ein schmutziger, unerzogener, wilder Knabe, der sich nicht trösten lassen wollte. Er hatte zärtlich, leidenschaftlich geliebt ­– ich auch. Er hatte alles verloren, woran sein Herz hing – ich auch. Aber das war nicht alles. Das ganze Wesen des Knaben fesselte mich. Seine Heftigkeit, seine Verschlossenheit, ja selbst seine Unbändigkeit schlug auf wunderbare Weise eine verwandte Saite in meinem Herzen an. Mir war, als ob ich ihn so recht verstände, als ob ich mich ganz aus dieselbe Weise geberdet hätte. Und trotz Lumpen und Schmutz war es ein sehr schöner Knabe. Seine dunklen, thränenerfüllten Augen hatten einen Blick, der in die Seele drang; das verworrene, dichte Haar umrahmte ein Gesicht, das, ohne regelmäßig schön zu sein, doch etwas in hohem Grade Anziehendes hatte. Es war eines jener Knabengesichter, wie es Spaniens Raphael, Murillo, gemalt haben würde. Was soll ich weiter sagen, als daß ich gleich nach dem ersten Blick ihn in mein Herz geschlossen hatte? Da kein anderer den Knaben haben wollte, nahm ich ihn.

 

Das könnte Dich auch interessieren...