Augen-Blicke

Nun entdeckte ich auch, schräg seitwärts, den herrschaftlichen Hof, dessen Pächter, wie man mir gesagt hatte, eine kleine Gastwirtschaft unterhielt. Dorthin schritt ich nun, um fürs erste ein Frühstück einzunehmen. Hart an der Hofmauer ragte eine hohe, breitwipfelige Buche auf, in deren Schatten ein Tisch mit zwei Bänken stand. Ein Mann und ein kleiner Knabe saßen daran. Als ich näher kam, erhob sich der Mann, und ich erkannte, daß es Trojan war, der mir nun barhäuptig entgegenschritt; Hut und Pfeife lagen neben einem vollen Bierglase auf dem Tisch. […] Er strich mit der Hand über die schmale, durchfurchte Stirn, die sich, stark nach rückwärts geneigt, unter kurzgeschorenen, bereits leicht ergrauten Haaren weit fortsetzte.

Karl Witkowski, Guarding the flower-basket (Ausschnitt)

Wir ließen uns nieder, und ich betrachtete jetzt den Knaben, der seine großen, hellen Augen forschend auf mich gerichtet hielt. Ich hatte kaum jemals ein schöneres Kind gesehen. Das volle, runde Gesicht wies den slawischen Typus in jugendlicher Zartheit und Weichheit. Die breite, an den Flügeln leicht geschwellte Nase, der blühende Mund waren aufs feinste modelliert; der ganze Kopf aber hob sich mit dem kräftigen Hälschen sonnengebräunt und wie von innen rosig durchleuchtet von dem ärmlichen, fahlen Flickwerk ab, mit welchem der Kleine höchst notdürftig bekleidet war. Trojan bemerkte mein Wohlgefallen. „Nicht wahr, ein wunderschöner Knabe“, sagte er. „Man kann es schon vor ihm aussprechen, denn er versteht kein Deutsch.“ (Ferdinand von Saar, Doktor Trojan – 1896)

Eine ganz ähnliche ländliche Szene findet sich in Adolf von WilbrandtsGeister und Menschen“. Die Freunde Roderich und Lucius machen ein Alm-Wanderung und kehren beim „Ramsauer“, einem Wiesenbauer, ein. Er begrüßt sie freundlich, einen Knaben an der Hand führend.

frank Duveneck, whistling boy

Sie traten näher; ein mächtiger Tisch mit rohgezimmerten Bänken stand vor der Hütte; ein Alphorn lag darauf, der Knabe ergriff es und versuchte zu blasen. Nur einzelne dumpfe Töne brachen hervor; aber sie weckten ein melancholiches Echo, und von einer der unsichtbaren Almen hinter den Bergen antwortete ein kunstgerechter geblasenes Horn, ernst und fern. Lucius nahm den Jungen bei der Hand, dessen blühende Wangen ein breitrandiger, keck aufgestülpter Hut herrlich überschattete und der nun mit glänzend braunen Augen, wie aus einem Bild von Murillo herausgeschnitten, zu ihm aufsah; und von der Schönheit des Knaben überrascht, fragte er den Alten, wie er zu diesem kleinen Heiligen gekommen sei? – Lassen Sie das meine Hausfrau nicht hören, sagte der Ramsauer lachend; die ist schon eitel auf ihr junges Volk, dass die Kaiserin nicht stolzer sein kann; wenn jetzt ihre Buben gar heilig gesprochen werden … (Adolf von Wilbrandt, Geister und Menschen – 1864)

Immer wieder werden bei der Beschreibung eines schönen Knaben auch dessen Augen angesprochen und besonders herausgestrichen. Augen sind die Spiegel der Seele, von „seelenvollenAugen“ sprechen wir auch bisweilen. In ihnen spiegelt sich das Gemüt, die Stimmung, ja das Wesen wider. – In Thomas Manns großem Roman „Buddenbrooks“ drückt sich das Anderssein und die Empfindsamkeit des kleinen Hanno auch in seinem Gesicht aus:

Allen Townsend Terrell, The Young Sailor at Sea

Mit seinem braunen Haar, das er jetzt seitwärts gescheitelt und schräg von seiner weißen Stirn zurückgebürstet trug, das aber dennoch danach strebte, sich in weichen Locken tief über die Schläfe zu schmiegen, mit seinen langen, braunen Wimpern und seinen goldbraunen Augen stach Johann Buddenbrook auf dem Schulhof und auf der Straße trotz seines Kopenhagener Matrosenanzuges stets ein wenig fremdartig unter den hellblonden und stahlblauäugigen, skandinavischen Typen seiner Kameraden hervor. Er war in letzter Zeit ziemlich stark gewachsen, aber seine Beine in den schwarzen Strümpfen und seine Arme in den dunkelblauen, bauschigen und gesteppten Ärmeln waren schmal und weich wie die eines Mädchens , und noch immer lagen, wie bei seiner Mutter, die bläulichen Schatten in den Winkeln seiner Augen, — dieser Augen, die, besonders wenn sie seitwärts gerichtet waren, mit einem so zagen und ablehnenden Ausdruck dareinblickten, während sein Mund sich noch immer auf jene wehmütige Art geschlossen hielt, oder während Hanno nachdenklich die Zungenspitze an einem Zahne scheuerte, dem er mißtraute, mit leicht verzerrten Lippen und einer Miene, als fröre ihn.

Philip Alexius De Lászlo, Philippe

Ein nordisch-skandinavischer Typ Junge mit einem Schopf bastblonder Haare und scharf blickenden stahlblauen Augen war auch der Freund und das Ideal von Tonio Kröger in Thomas Manns gleichnamiger Novelle: Hans Hansen – im wirklichen Leben hieß er Armin Martens, war ein hübscher Junge mit blauen Augen, blonden Haaren und einem bezaubernden Lächeln, der auf den vierzehnjährigen späteren Schriftsteller einen ungemeinen Reiz ausübte. „Hans trug eine dänische Matrosenmütze mit kurzen Bändern, unter der ein Schopf seines bastblonden Haares hervorquoll. Er war außerordentlich hübsch und wohlgestaltet, breit in den Schultern und schmal in den Hüften, mit freiliegenden und scharf blickenden stahlblauen Augen.“

Tonio war eher der Typ Hanno mit dunklen und zart umschatteten Augen mit schweren Lidern, mit weichem Mund und Kinn … Er blickte sehnsüchtig zu seinem blonden Freund auf.

 

A propos blaue Augen: In Erwin Strittmatters auch verfilmten Roman „Tinko“ – die Koseform von „Martin“ – gibt es einen Jungen im Dorf, dessen Augen seine Spielkameraden veranlassen, ihm einen besonderen Spitznamen zu geben:

Hinter den angeherbsteten Brombeerblättern leuchtet ein heller Haarschopf. Die hellen Zottelhaare gehören Theo Wunsch. Wir sagen Murmelauge zu Theo. Seine Augen sind blank und blau wie neue Murmeln.

In Frank Wedekinds unvollendeter Erzählung „Mine-Ha-Ha“ wächst das Mädchen Hidalla in einem Heim auf, in dem sich die älteren Kinder um die jüngeren kümmern sollen. In ihrer Erinnerung beschreibt sie einen  Jungen, der sie damals, als sie das fünfte Jahr im Heim war, auch aufgrund seiner wunderschönen Augen nicht losließ und den sie immer wieder ansehen musste, wenn er mit den Kleinen im flachen Teich spielte:

Und nun komme ich auf Morni, einen der ältesten Knaben, der mir über alles gefiel, und den ich später nie wieder gesehen habe. Beim Baden sah ich ihn und nur ihn. Er war schon so groß, daß ihm das Wasser nicht bis an den Leib reichte. Er hatte ein Paar Augen, so voll Sonnenglanz und Herrlichkeit, daß ich ihn nur immer bei Namen rief, um ihm recht in die Augen sehen zu können. Und dann dieser feine Rücken, wenn er sich niederbeugte, um ein kleines Kind durchs Wasser zu leiten. Einmal erinnere ich mich, da stand er oben auf der Brüstung und sprach mit einem Kameraden, der noch im Wasser war. Ich kauerte mit zwei anderen Mädchen unter dem Springbrunnen. Da sog ich seine Schönheit in vollen Zügen in mich ein, und die Nacht darauf schlief ich so süß, als hätte ich eine frischere, bessere Luft geatmet. (Frank Wedekind, Mine-Ha-Ha)

Immer wieder sind es die Augen, die in den Erzählungen beschrieben und in besonderen Bildern ausgedrückt werden: von „Herzkirschen-Augen“ ist dann die Rede oder von „Rehaugen“. Ein ganz ungewöhnliches Bild wählte Detlev von Liliencron in seinem autobiographisch gefärbten Roman „Leben und Lüge“: Der kleine Kai, der in den Wallanlagen einem Häschen hinterhergelaufen und wie dieses ins Wasser hinter einer Böschung gestürzt war, wurde vom Wallmeister Steffens sofort nach Haus gebracht, damit er sich nicht erkälte.

Georgios Jakobides, Portrait of a boy

Am Abend hielt es Heinrich Steffens nicht mehr aus, er zog sich an und eilte in die Wohnung der Eltern. Der General empfing ihn und beide gingen hinauf ins Schlafzimmmer des Knaben. Kai schlief. Sie sahen auf sein frisches Gesicht. Da schlug Kai langsam seine großen, kohlrabenschwarzen Madonnenaugen auf und lächelte sie an. Die beiden Männer traten, ganz betreten, einen Schritt zurück. Der General nahm seinen Sohn aus dem Bett. Kai hing seinen rechten Arm um den Hals seines Vaters und den linken um den Hals seines Freundes und sagte: »Ich hab euch lieb.« Es klang so, als wenn es ein erwachsener Mensch gesprochen hätte. Nun lehnte er sich wieder in die Kissen zurück, vom Vater sanft hineingelegt, und schlief gleich weiter. (Detlev Liliencron, Leben und Lüge – 1908)

 

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