„Amor auf der Wanderschaft“

Der für seine Märchen berühmte dänische Schriftsteller Hans Christian Andersen hatte im Herbst 1819 seinen theatralischen Urauftritt, als er in Kopenhagen – mit gerade  vierzehn Jahren – den Dichter Mathias Thiele besuchte und vor dem verblüfften Mann ein selbstverfasstes Gedicht deklamierte – und verschwand. Dem Dichter mag es ergangen sein wie jenem alten Poeten aus Andersens späteren Märchen „Der unartige Knabe“, bei dem während eines schrecklich schlechten Wetters abends geklopft wurde; als der Poet öffnet, steht ein nackter Knbe mit langen nassen blonden Locken in der Tür.

Antonis van Dyck, Amor mit den Liebespfeien

„Armer Kleiner!“ sagte der alte Dichter und nahm ihn bei der Hand. „Komm zu mir, ich werde dich schon erwärmen! Wein und einen Apfel sollst du haben, denn du bist ein prächtiger Knabe!“ Das war er auch. Seine Augen leuchteten wie zwei helle Sterne, und obwohl das Wasser aus seinen blonden Locken herabfloß, ringelten sie sich doch so schön. Er sah aus wie ein kleines Engelskind, war aber blaß vor Kälte und zitterte am ganzen Körper. In der Hand trug er einen herrlichen Flitzbogen, aber der war vom Regen völlig verdorben. Alle Farben auf den hübschen Pfeilen liefen vor Nässe ineinander. Der alte Dichter setzte sich an den Kachelofen, nahm den kleinen Knaben auf seinen Schoß, drückte das Wasser aus seinen Locken, wärmte seine Hände in seinen eigenen und kochte ihm süßen Wein. Da erholte er sich, bekam rote Wangen, sprang auf den Fußboden und tanzte um den alten Dichter herum …“ (H. C. Andersen, Der unartige Knabe)

„Wie das Märchen durch Andersen, so wurde auch die Novelle durch einen Dänen, Jens Peter Jacobsen, zu letzter Blüte gebracht. Nimmt man den Philosophen Kierkegaard und den großen Romancier Herman Bang hinzu, bilden sie ein nordisches Viergestirn, das durch das seltsame Phänomen der sexuellen Sublimation verbunden ist.“ Schreibt Tobias Blumenberg in seiner äußest unterhaltsamen und informativen Entdeckungsreise durch die Welt der Bücher mit dem Titel „Der Lesebegleiter“ (2019). Als gewissermaßen mit den vier Dänen (seelen)verwandt, könnte man auch Thomas Mann hinzunehmen, sagte er doch über Herman Bang, er sei „fern im dänischen Norden ein Bruder“. Auch Hans Christian Andersen verbindet etwas mit dem in Lübeck geborenen Mann: Beide waren geradezu leidenschaftliche Hypochonder und widmeten sich ihren Krankheiten ausführlich in den Tagebüchern. Wie Thomas Mann reiste er viel und nutzte gern die neueste Technik. Wie der gebürtige Lübecker war der in Odense geborene Andersen in sehr diskreter und zurückhaltender Weise auch schönen jungen Männern zugetan. Und schließlich begegnen auch in seinem Werk wie in dem Thomas Manns auch immer wieder bildschöne Knaben.

Der bekannteste unter ihnen ist dabei gar kein wirklicher Menschenknabe, sondern eine Statue, in den sich eine kleine Meerjungfrau (aus gleichnamigem Märchen), die jüngste von sechs Schwestern, verliebt hatte:

Illustration von Ruth Moser-Michaelis

Es waren sechs schöne Kinder, aber die jüngste war die schönste von allen, ihre Haut war so klar und fein wie ein Rosenblatt, ihre Augen so blau wie die tiefste See, aber wie all‘ die andern hatte sie keine Füße, ihr Körper endete in einen Fischschwanz. […] Sie war ein wunderbares Kind, still und nachdenkend, und wenn die andern Schwestern mit den seltsamen Sachen, welche sie von gestrandeten Schiffen erhalten hatten, Staat machten, wollte sie nur außer den rosenroten Blumen, die der Sonne dort oben glichen, ein hübsches Marmorbild haben; es war ein herrlicher Knabe, aus weißem, klaren Stein gehauen, der beim Stranden auf den Meeresgrund gekommen war. Sie pflanzte bei dem Bilde eine rosenrote Trauerwinde, die wuchs herrlich und hing mit ihren frischen Zweigen über denselben hinweg, gegen den blauen Sandboden hinunter, wo der Schatten sich bläulich zeigte und gleich den Zweigen in Bewegung war; es sah aus, als ob die Spitze und die Wurzeln mit einander spielten, als wollten sie sich küssen.

Mit fünfzehn Jahren dürfen die Töchter nachts hinauf und am Strand liegen – die älteren Schwestern erzählen ihr wunderbare Dinge. Als sie endlich selbst das Alter erreicht, steigt sie empor und beobachtet ein Schiff, auf dem gerade ein Geburtstag gefeiert wird. „Jedesmal, wenn das Wasser sie emporhob, konnte sie durch die spiegelklaren Fensterscheiben blicken, wo viele geputzte Menschen standen; aber der schönste war doch der junge Prinz mit den großen, schwarzen Augen. Er war sicher nicht mehr als fünfzehn Jahre alt; heute war sein Geburtstag und deshalb herrschte all‘ diese Pracht.“

Doch dann kommt ein heftiger Sturm auf, das Schiff zerbricht und versinkt im tiefen Meer. Sie findet den jungen Prinzen zwischen den Wracktrümmern im Wasser, nimmt ihn in die Arme und lässt sich mit ihm von den Wogen treiben.

„Am Morgen war das böse Wetter vorüber, von dem Schiffe war keine Spur zu erblicken, die Sonne stieg rot und glänzend aus dem Wasser empor, es war, als ob des Prinzen Wangen Leben dadurch erhielten, aber die Augen blieben geschlossen. Die Seejungfrau küßte seine hohe, schöne Stirn und strich sein nasses Haar zurück; es kam ihr vor, als gleiche er dem Marmorbilde unten in ihrem kleinen Garten.

Sein Leben konnte sie zwar retten, doch seine Liebe gibt er einer anderen und heiratet die Prinzessin des Nachbarlandes. –

Das Märchen zeigt in seinen Landschaftsbeschreibungen italienischen Einflüsse; Andersen reiste mehrfach dorthin. Wie vielen anderen Italienreisenden zu dieser Zeit stachen auch ihm die hübschen Lazzaroni-Buben trotz ihrer ärmlichen Kleidung ins Auge:

Arcadio Mas y Fondevila: Pompeian Child

Endlich atmeten wir freier und standen auf einer steinernen Brücke, die zwei Felsenlücken miteinander verband. Der kleine Platz unten in der Tiefe war gewiß der größte in der ganzen Stadt. Zwei Mädchen tanzten daselbst Saltarello, und ein kleiner vollkommen nackter Junge, schön gebildet und mit braunen Gliedern, stand wie ein Amor und sah ihnen zu. Hier fröre man nie, erzählte man mir, die strengste Kälte, welche man in Amalfi seit vielen Jahren empfunden hätte, waren acht Grad Wärme. –

Wie schön nahm sich doch Salerno von der See aus gesehen aus, als wir an dem lieblichen Morgen absegelten. Sechs kräftige Bootsleute führten die Ruder; ein kleiner Knabe, schön zum Malen, saß zusammengekauert am Steuer; er hieß Alphonso.(H. C. Andersen, Der Improvisator –1835)

Albert Anker, Italienischer Bettelknabe

Das Idealbild eines kleinen Amor taucht bei Andersen immer wieder auf, auch in seinem Roman „O. T.“  Otto und Wilhelm, zwei junge Männer und miteinander befreundet, unterhalten sich im Zimmer Wilhelms gerade über religiöse Fragen. Wieder ist es ein unfreundlicher Novembertag, da werden sie von draußen durch Gesang unterbrochen: Drei Knaben singen eine neapolitanische Volksweise „Der jüngste schien sechs bis sieben Jahre zu zählen; seltsam stach sein silberweißes Haar gegen das braune Gesicht, die dunkeln Augen und die langen schwarzen Augenwimpern ab. Mädchenhaft fein und weich klang seine Stimme gegen die der beiden Andern; sie glich dem sanften Lufthauche eines schönen Herbstabends gegenüber dem rauhen Winde des Novemberwetters. […] ‚Das ist ein bildhübscher Knabe!’ riefen die beiden Freunde gleichzeitig. ‚Und eine reizende Melodie!’ fügte Otto hinzu. Der lebendige Ausdruck seiner dunkeln Augen, dazu der Knabe selbst in den nassen ärmlichen Kleidern, in den großen Stiefeln und mit dem Bündel unter dem Arme hatte etwas so Charakteristisches, daß, wäre es gemalt gewesen und der Maler hätte dem Bilde die Unterschrift ‚Amor auf der Wanderschaft’ gegeben, Jeder den kleinen Gott, obgleich er nicht blind war, für getroffen erklärt hätte. (H. C. Andersen, O. T. – 1836)

In Italien spielt auch sein Märchen „Das Bronzeschwein“. Selbiges ist eine bekannte Skulptur in Florenz; sie zeigt einen ausgewachsenen Eber und war ursprünglich vor einer Apotheke aufgestellt:

In der Stadt Florenz, nicht weit von der Piazza del Granduca, liegt eine kleine Querstraße, ich glaube, man nennt sie Porta rosa. In dieser, vor einer Art Grünkramladen, befindet sich ein kunstreich und sorgfältig gearbeitetes Bronzeschwein. Ein frisches, klares Wässerlein rieselt aus dem Maul des Tieres, das vor Alter ganz schwarzgrün aussieht. Nur der Rüssel glänzt, als ob er blankpoliert sei, und das ist er auch, denn die vielen hundert Kinder und Lazzaroni fassen ihn mit ihren Händen an und setzen ihren Mund an sein Maul, um zu trinken. Es gibt ein hübsches Bild, wenn so ein anmutiger halbnackter Knabe das wohlgeformte Tier umarmt und seinen frischen Mund an dessen Rüssel setzt.

Von solch einem Knaben – ein bettelndes Waisenkind –  handelt das Märchen. Vor Hunger und Kälte war er eines nachts neben dem Schwein eingeschlafen, da träumte ihm, er ritt auf ihm durch die prächtigen Museen und Kirchen der Stadt. Voller Bewunderung sah er die schönsten Bilder von den größten Künstlern. Eines Tages wird er von einem mitleidigen Mann zu einem Handschuhmacher gebracht, darf hier wohnen und eine Ausbildung machen. Doch lange bleibt er nicht, weil er am Malen mehr Gefallen findet. Ein der Familie befreundeter Maler sieht seine Zeichnungen „und – hier ist der Wendepunkt der Geschichte! 

Sofie Ribbing, Zeichnende Jungen (ritande gossar)

1834 war in der Academia delle Arte eine Ausstellung in Florenz. Zwei nebeneinander aufgestellte Bilder sammelten eine Menge Beschauer.Auf dem kleinsten Bilde war ein kleiner lustiger Knabe dargestellt, der saß und zeichnete. Als Modell diente ein kleiner weißer, völlig kurz geschorener Mops. Aber das Tier wollte nicht still stehen und war daher mit Bindfaden am Kopfe und Schwanze festgebunden. Es war eine solche Lebenswahrheit darin, daß sie jeden ansprechen mußte. Der Maler war, wie man erzählte, ein junger Florentiner, der als kleines Kind von der Gasse aufgelesen, und dann bei einem alten Handschuhmacher erzogen wurde: Das Zeichnen hatte er sich selbst beigebracht. Ein jetzt berühmter Maler hatte dieses Talent entdeckt, gerade als der Knabe weggejagt werden sollte, weil er den Liebling der Frau, den kleinen Mops, gebunden, und ihn so zwangsweise zum Modell gemacht hatte.

Aus dem Handschuhmacherjungen war ein großer Maler geworden! Das bewies dies Bild, das bewies besonders das daneben hängende größere Gemälde. Dies zeigte nur eine einzige Figur, einen zerlumpten, schönen Knaben, der auf der Straße saß und schlief. Er lehnte sich an das Bronzeschwein in der Straße Porta Rossa. Alle Beschauer kannten den Ort. Des Kindes Arme ruhten auf dem Kopfe des Schweins. Der Kleine schlief ruhig und sorglos, und die Lampe vor dem Madonnenbilde warf einen starken effektvollen Lichtschein auf das bleiche, schöne Antlitz des Kindes. Es war eine prächtige Arbeit. Ein großer vergoldeter Rahmen umschloß es, und über einer Ecke des Rahmens hing ein Lorbeerkranz, aber zwischen die grünen Blätter war ein schwarzes Band gewunden, ein langer Trauerflor hing davon hinunter.

A. E. Mulready, London Bridge

Der junge Künstler war in diesen Tagen gestorben.

 

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