The little drummer boy

Ruth Koser-Michaels

Noch einmal zurück zu Hans Christian Andersen, dem dänischen Erzähler, der durch seine Märchen berühmt wurde. Eines von ihnen heißt „Der Goldschatz“. Es handelt von einem kleinen Trommlerbuben mit Namen Peter. Als er noch nicht geboren war, ging die Frau des Trommlers, seines Vaters, in die Kirche und schaute „den neuen Altar mit den gemalten Bildern und den geschnitzten Engeln; die waren ganz wunderschön, sowohl die auf der Leinwand mit Farben und einen Heiligenschein als auch die in Holz geschnitzten, die angemalt und vergoldet waren. Das Haar strahlte wie Gold und Sonnenschein, wunderschön war da, und die Frau des Trommelschlägers wünschte, das Kind möchte einen Widerschein von all diesem Glanz bekommen, möchte doch wenigsten einem von den strahlenden Engeln auf dem Altarbild gleichen.“

Und so geschah es. Der keine Peter wuchs heran zu einem Knaben voll Leben und Lust, eine wunderschöne Stimme hatte er, er konnte singen, und er sang wie der Vogel im Walde; da war Melodie und doch keine Melodie. Der Stadtmusikant fand Gefallen an Peter, nahm ihn stundenlang mit nach Hause, schenkte ihm eine Violine und lehrte ihn spielen; es war, als liege es dem Jungen in den Fingern, er würde mehr als Trommelschläger werden, er würde Stadtmusikant werden „Er muß Chorknabe werden“, sagte die Mutter, „in der Kirche singen und dort unter den schönen, vergoldeten Engeln stehen, denen er gleicht!“

George William-Joy, An english drummer boy

Aber Peter wollte Soldat werden, er zog mit den Soldaten, wurde ihr Trommler, der sie auch einmal zum „Vorwärts“ und Sieg führte, obwohl er „Zurück!“ trommeln sollte … Der Mutter träumte von ihrem Goldschatz, sie glaubte ihn tot und begraben, doch als er heimkehrte, war ihm kein Goldhaar gekrümmt worden.

Er wurde ein Musiker, ein berühmter dazu: „In seiner Brust lag ein Goldschatz, ein Quell von Tönen, sie brausten aus seiner Violine, als steckte eine ganze Orgel da drinnen, als tanzten alle die Elfen einer Sommernacht über die Saiten hin; daher rief er auch Entzücken in aller Herzen wach, und sein Name ward durch alle Lande getragen. Es war eine große Feuersbrunst, das Feuer der Begeisterung brannte lichterloh. – „Und dann ist er so schön!“ sagten die jungen Damen, und die alten sagten es auch; ja, die allerälteste schaffte sich ein Album für berühmte Haarlocken an, nur um sich eine Locke von dem reichen, schönen Haarwuchs des jungen Violinspielers ausbitten zu können, einen Schatz, einen Goldschatz.

Was hier im Märchen auch märchenhaft klingt, hat einen sehr ernsten, oft traurigen und grausamen Hintergrund. Die Trommlerknaben gehörten früher wie die Reiterbuben zu den Trossjungen eines Heeres. Meist waren es die Folgen der Zerstörung von Dörfern und Familiengemeinschaften, Hunger und Not, die Kinder dem vermeintlichen Schutz der Söldnerhaufen zuführten. Ihre Aufgabe bestand dann darin, Reiter und Pferde zu versorgen, Munition zu schleppen, Verpflegung zu requirieren oder mit der Trommel zur Signalgebung dem jeweiligen Soldatenhaufen voran zu ziehen.

Vielleicht wurden die Knaben auch von Waffen und Uniformen angezogen, und manch einer mochte auch eine schmucke Figur in einer solchen abgegeben haben, wie viele Bilder zeigen. Aber in der Realität waren sie Kindersoldaten.

Ihre Jugend und Unschuld inmitten des harten Soldatenalltags wurde auch besungen, so im bekannten Soldatenlied vom Trommlerknaben:

Percy Moran, Lafayette’s Baptism of Fire

Wir ziehen über die Straßen in schweren Schritt und Tritt,/ Und über uns die Fahne, sie knallt und flattert mit.
2. Voran der Trommelbube, er schlägt die Trommel gut, / Er weiß noch nichts von Liebe, weiß nicht, wie Scheiden tut.
3. Er trommelt schon so manchen ins Blut und in sein Grab, / Und dennoch liebt ein jeder,
den frohen Trommelknab.
Vielleicht bin ich es morgen, der sterben muß im Blut, / Der Knab weiß nicht, wie Lieben, weiß nicht wie Sterben tut.

Charles Moreau-Vauthier, Mort de Joseph Bara

„Weiß nicht, wie Sterben tut … „: Leider mussten sie dies natürlich auch am eigenen Leib erfahren.

Es gibt berühmte Trommlerknaben, deren Tod auf dem Schlachtfeld noch im Nachhinein verherrlicht wird, wie der von Joseph Bara, der als 13jähriger Trommler 1793 im französischen Vendée im Kampf gegen „Konterrevolutionäre“ starb – und angeblich an seiner bis in den Tod verteidigten republikanischen Gesinnung festhielt. Eher wie den sterbenden Hyazinth hat ihn Jacques-Louis David dargestellt …

Auch im Amerikanischen Bürgerkrieg zogen Trommlerbuben mit. Historische Photographien zeigen erschreckend junge und kleine Knaben darunter. Vielleicht waren sie manchmal auch mehr Maskottchen, Kinder, die auch Vatergefühle in den rauen Männern wecken konnten, wie es auch in obigem Soldatenlied anklang: „Und dennoch liebt ein jeder den frohen Trommelknab.“ 

William Morris Hunt, The drummer boy

Aus dem Amerikanischen stammt ein Lied, das in der Weihnachtszeit (und wahrscheinlich auch lange vorher) nicht fehlt: „The little drummer boy“. Es variiert die alten volkstümlichen Hirtenstücke und Krippenlieder, in denen es auch immer wieder um die Frage geht, was man dem neugeborenen Jesuskind wohl schenken kann. Der arme Trommlerknabe hat nichts – aber er darf dem kleinen Jesus etwas vortrommeln, was ihm von diesem mit einem Lächeln gelohnt wird …

Die Pop-Gruppe Boney M nahm 1981 diesen Song auf, und das das Solo sang mit zartem Sopran der elfjährige Münchener Bub Michael Drexler, der später nach Amerika zog.

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