Das Unwort

Ralph Peacock, A boy

Als der Knabe Felix aus der Schule kam – das Wort „Knabe“ ist ein schriftliches Wort, gesprochen verwendet man es nur noch in ironischem Zusammenhang, aber auch geschrieben haftet dem Wort „Knabe“ ein leichter Ton von Distanziertheit an – als der Knabe Felix oder: als Felix, der vielleicht acht oder neun Jahre alt war, aus der Schule kam …

So beginnt eine kleine Erzählung von Herbert Rosendorfer. Er war in seinem Alltagsberuf, wenn man so sagen darf, als Jurist an verschiedenen Gerichten tätig. Darüber hinaus aber war er ein überaus fruchtbarer Schriftsteller. Bekannt sind seine oft ins Skurrile reichenden Erzählungen, die aber auch wiederum ganz unvermutete nachdenkliche Seiten haben, wie dieser Beginn der Erzählung „Der Katzenmarkt“.

Philip Boileau, Little neighbours

„Felix’ Klasse war in einer Knabenschule. Auf den marmornen Tafeln über den Schultoren, oder in den Aufschriften aus eisernen oder kupfernen Buchstaben, die über den Schultoren eingelassen sind, wird gelegentlich noch das Wort „Knabe“ in Verbindung mit „Schule“: „Knabenschule“, verwendet. Da wirkt dieses Wort weder ironisch noch diastanziert, sondern nur altmodisch. Felix’ Schule war eine Knabenschule, aber im gleichen Gebäude (mit separatem Eingang) war auch eine Mädchenschule untergebracht. Der Begriff „Mädchen“ ist unverfänglich. „Mädchen“ ist ein gängiges Wort. Es wäre nicht uninteressant zu untersuchen, seit wann das Wort ‚Knabe’ anrüchig, nur noch ein schriftliches Wort, und warum es so ist.“

Das Wort „Knabe“ anrüchig – seit wann und warum? In verschiedenen Reaktionen auf das Buch „Tadzios Brüder – Der ‚schöne Knabe’ in der Literatur“ konnte ich eben diese Beobachtung machen. Ganz offensichtlich wird bereits mit dem bloßen Wort etwas Abgründiges und Anrüchiges konnotiert. Möglicherweise haben die ins allgemeine Bewusstsein geratenen Missbrauchs-Vorkommnisse in den letzten Jahren massiv zu einer Voreinstellung gegenüber dem Wort „Knabe“ geführt. So wurde mir sogar von einem bekannten  Literaturwissenschaftler von der Publikation „Tadzios Brüder“ mit Hinweis auf die Geschehnisse in der Odenwaldschule abgeraten. Ist es so, dass man „Knabe“ nur noch im Zusammenhang Knabenschänder, Lustknabe der Knabenliebe versteht?

Théo van Rysselberghe, Portrait De Claude Stevens En Marin, Au Jardin , 1919

Auch in anderen Zusammenhängen tut sich der „Knabe“ schwer. Im „Knabenchor“ beispielsweise. „Knabenchöre haben Unheimliches. Ähnlich wie die Freimauer sind sie vielen irgendwie suspekt. … Sie gelten als elitär, streng und werden mit Ritualen eines straff geführten Internats verbunden. Die Abwesenheit von Frauen und Mädchen – wo doch eine Erziehung beider Geschlechter in einem Raum inzwischen als allgemein anerkannte und zu bervorzugende Variante angesehen werden soll –  und dann noch der althergekommene Begriff ‚Knabe’ geben ihr Übriges dazu.“ Schreibt ein Knabenchorleiter auf seinem Blog unter der Überschrift „Knaben!“ – Auch die Journalistin Monika Miller stellte in der Westfalenpost fest: „Schon der Begriff „Knabe“ ist heute negativ besetzt, und Chorknabe gilt sogar fast als Schimpfwort.“ Was soll man dann also besser sagen? „Jungs-Chor“ oder „Kleine-Männer-Chor?“

So abwegig erschient letzteres gar nicht; besser „Männer“ als „Knabe“. Als ich vor Jahren vor einer Veranstaltung zum Thema „Tadzios Brüder“ einen Bekannten darauf ansprach und ihn einlud, bekam ich zur Antwort: Er hätte es schon in der Zeitung gelesen, dass ich eine Lesung zu dem Thema – äh „schöne junge Männer“ mache … Die innere Qual, das Wort „Knabe“ auszusprechen, war ihm spürbar anzumerken. Dass eine Besprechung von Germaine Greers „Der Knabe“  im Deutschlandfunk „Schöne junge Männer“ übertitel wird, ist genauso absurd. Und wie passend: In der Süddeutschen  Zeitung (SZ) wird eine Besprechung der Ausstellung „Zarte Männer in der Skulptur der Moderne“ im Berliner Kolbe-Museum  mit dem Begriff „Knabenmoral“ überschrieben – denn wie leicht lassen sich auch mit zarten Männern bestimmte auf Knaben fixierte Bedürfnisse befriedigen:

Imogen Cunningham, Brett Weston (1922)

„So wie sich an die leicht bis gar nicht bekleideten Frauenfiguren, die jahrhundertelang alle möglichen Abstrakta zu personifizieren hatten, immer auch eher irdische Bedürfnisse geknüpft haben mögen, wurden die ranken Knabenkörper der frühmodernen deutschen Bildhauerei sicher nicht nur ihrer allegorischen Dimensionen wegen bewundert und gesammelt. Kann sein, dass hier einige der bösen Briefe an das Kolbe-Museum ihren Anhaltspunkt finden. Angesichts der Diskussionen, die es zuletzt über die nackten Mädchen auf den Bildern der Brücke-Maler und Balthus‘ gab, wäre es eher überraschend, wenn es über die nackten Jungen in Bronze keine geben würde. Eine Ausstellung über „Zarte Männer in der Skulptur der Moderne“ geht, wie gesagt, von einem Befund in den Tiefen der Kunstgeschichte aus, wird aber vor allem durch die Reaktionen aus der Gegenwart brisant; die sind in diesem Fall ein ebenso aufschlussreicher Indikator für das kulturelle Klima heute“ (Peter Richter).

Von einem solchen Denken aus ist es nicht mehr weit, das Abhängen von Bildern leicht bekleideter oder gar nackter Knaben zu fordern, wie es ja schon – siehe Caravaggios „Amor vincit omnia“ – geschehen ist. Willkommen in Absurdistan.

Doch zum versöhnlichen Abschluss noch ein paar literarische Zitate, in denen der „Knabe“ anders gesehen wird.

Der Raum lag im träumerischen Halbdunkel, im Kamin flackerte ein Feuer, mein Fuß versank in Teppichen, Kerzen brannten, eine bildschöne blonde Frau saß an einem Flügel und spielte, nicht weit von ihr, auf einem Ledertuff, saß ein ebenso bildschöner blonder Junge. Junge ist natürlich übertrieben. Ein Knabe war es, ein Knabe wie aus dem Bilderbuch. […] Der Junge glich seiner Mutter aufs Haar. Das gleiche edle, schmale Gesicht, noch schöner fast in der Unschuld seiner Kindheit. (Utta Danella, Unter dem Zauberdach – 1967)

Meine Tante Mi hat mich noch Knabe genannt. Sie meinte dies in der Bedeutung von beautiful boy: Ein Knabe ist ein schön anzusehender, übermütiger und stolzer Junge. Nicht Lernen und Gehorsam, Spiel und Koketterie nehmen den ersten Platz in seinem Leben ein. Mit Leichtigkeit und Anmut nähert er sich dem Leben, dessen vermeintlichem Ernst er mißtraut. Der Knabe ist ein Überflieger. Wie andere Überflieger, etwa die Libelle, ist auch der Knabe inzwischen vom Aussterben bedroht. Dreißig Jahre geschlechtslose Uni-Sex-Erziehung durch unglückliche Erzieherinnen, die eigentlich lieber Feng Shui Beraterin oder Journalistin wären, haben den Knaben zu einem kuriosen Relikt einer verschwundenen Zeit gemacht. (Alexander Dill, Wie Mann Knaben erzieht – 2010)

Henry O. Walker, Mrs. William T. Evans and Her Son

 

 

 

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